Wardenburg als „Fairtrade“-Kommune

„Der Verbraucher hat den Schlüssel“

Detlef Bollmann steht im neu eröffneten Bioladen in Wardenburg vor einem Regal mit „Fairtrade“-Artikeln. - Foto: bor

Wardenburg - Wardenburg ist nun seit sechs Monaten die erste „Fairtrade-Town“ im Landkreis Oldenburg. Darüber, was diese Auszeichnung bewirkt hat, spricht Detlef Bollmann von den Grünen, der die Bewerbung maßgeblich mitgestaltet hatte, im Interview. Die Fragen stellte Ove Bornholt.

Wie hat sich der Titel „Fairtrade-Town“ praktisch ausgewirkt?

Bollmann: Die Verkaufszahlen im Eine-Welt-Laden steigen seit ein paar Monaten stabil um 20 bis 30 Prozent an. Im Bioladen kann ich es noch nicht sagen, weil der gerade neu eröffnet hat. Aber dort ist gerade ein regelrechter Run zu beobachten. Das liegt zum einen an der zentralen Lage, aber ich führe das natürlich auch auf den Hinweis auf die Produkte durch den Titel „Fairtrade-Town“ zurück.

Gab es noch andere Auswirkungen?

Auf jeden Fall eine deutliche Bewusstmachung dieses Themas in der Bevölkerung, jedenfalls bei einem großen Teil. Vor allem das Zeichen, das „Fairtrade“-Logo, wird stärker wahrgenommen. Als Rückmeldung haben wir bekommen, dass viele „Fairtrade“ eigentlich unterstützen wollten, aber im Alltag nicht mehr so stark daran gedacht haben. So war es der Mehrheit der Leute noch gar nicht klar, dass Einzelhandelsketten wie Lidl und Aldi schon in großer Anzahl „Fairtrade“-Produkte anbieten. Aber wir als lokale Gruppe sind mehr daran interessiert, dass Bioläden vorankommen. Für uns gehören „Fairtrade“ und Bio zusammen.

Was ist der Unterschied zwischen „Fairtrade“ und Bio?

Bei „Fairtrade“ geht es um die Produktionsweise, also das Leben der Produzenten. Sie sollen einen gerechten Lohn und vernünftige Arbeitsbedingungen erhalten. Außerdem gibt es „Fairtrade“-Prämien, die in soziale Projekte vor Ort fließen. Zum Beispiel Kindergärten, Schulen oder Informationen zu den Rechten von Frauen. Bei Bio geht es um das Produkt an sich, das gewissen Kriterien entsprechen muss.

Welche „Fairtrade“-Produkte gibt es in Wardenburg zu kaufen?

Lebensmittel jeder Art. Da kriegen Sie alles. Dann gibt es Damenkleidung im „Jeans Point“, Blumen wie Rosen und Weihnachtssterne sowie Kunsthandwerk, Spielzeug und Taschen im Eine-Welt-Laden. Früher gab es nur Kaffee und Bananen, mittlerweile gibt es mehr als 3  000 verschiedene Produkte.

Und ihr Stetson-Hut? Ist der auch „Fairtrade“?

Den kriegt man so leider nicht. Kleidung für Herren ist noch schwierig. Ich kaufe aber nicht bei traditionellen Billig-Herstellern wie zum Beispiel Kik, sondern bei denen, wo ich weiß, dass beispielsweise die Baumwolle fair gehandelt wird. Aber die Möglichkeiten sind noch sehr eingeschränkt. Die, die es gibt, versuche ich mit meiner Familie zu nutzen.

Wie könnte das Angebot breiter werden?

Es muss nachgefragt werden. Das ist der Schlüssel, den die Verbraucher in der Hand halten. Sie sollen die Marktleiter einfach nach fairen Produkten fragen. Und schon ist die Nachfrage da, die Produkte werden besorgt.

Nun kosten Waren in Bioläden oft mehr als bei Discountern. Zum Beispiel eine Packung Kaffee Arabica, 250 Gramm, für 5,49 Euro. Wie passt das zu kleinen Gehältern oder schmalen Renten?

Das ist teuer. Leute mit wenig Geld müssen dann zu Lidl gehen. Deswegen unterstützen wir Grünen dieses Angebot ja auch. Es ist wichtig, dass grundsätzlich jeder in der Lage ist, „Fairtrade“-Produkte zu kaufen. Auch bei diesen Waren kann man ohne Weiteres nach den Preisen gucken, da hat man aber dann den Nachteil, dass man nicht unbedingt Bio bekommt.

Werden denn „Fairtrade“-Produkte irgendwann so günstig wie konventionelle Lebensmittel sein?

„Fairtrade“ oder Bio wird immer etwas teurer sein, weil das Produkt etwas anders hergestellt wird. Wenn der Markt größer wird, werden auch die Waren günstiger, aber sie werden nie so billig sein wie konventionelle Lebensmittel jetzt. Wir wollen, dass vernünftige Preise bezahlt werden. Bei „Fairtrade“ ist ein Absacken unter einen bestimmten Wert nicht möglich. Der zwischen Produzenten und Händlern verhandelte Mindestpreis, zu dem ein Produzent seine Waren an den Handel abgibt, sichert ihm ein auskömmliches, durchgängiges Einkommen, das nicht gedrückt werden kann.

Wie geht es mit dem Titel „Fairtrade-Town“ weiter?

Wir wollen weiter informieren und alle Vereine in der Kommune anregen, fair gehandelte Produkte anzubieten. Das wir „Fairtrade“-Gemeinde geworden sind, ist ein Auftrag. Wir müssen den fairen Handel immer wieder in Erinnerung rufen. Da gibt es keinen Abschluss.

Zur Person: Detlef Bollmann (62) ist seit drei Jahren bei den Grünen. Er sitzt im Vorstand der Wardenburger Ortsgruppe. Der pensionierte Sport- und Geschichtslehrer wohnt im Ortsteil Tungeln. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und zwei Enkel.

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