Organspende – ein Thema, das scheinbar kaum jemand wahrnimmt, bis das eigene Leben plötzlich davon abhängt

Wann verlässt die Seele den Körper?

Gesprächskreis am Dienstagabend in Hude: Von der Öffentlichkeit wird das Thema Organspende viel zu wenig wahrgenommen, waren sich die Teilnehmer einig. ·
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Gesprächskreis am Dienstagabend in Hude: Von der Öffentlichkeit wird das Thema Organspende viel zu wenig wahrgenommen, waren sich die Teilnehmer einig. ·

Landkreis - Von Jan SchmidtFriedhelm Schulz ist ein fröhlicher Mensch. Er befindet sich in der Blütezeit seines Schaffens, ist körperlich fit und engagiert sich während seiner Freizeit. Äußerlich unterscheidet er sich in keiner Weise von anderen Menschen. Dennoch gab es einen prägenden Einschnitt, der sein Leben stark veränderte – beinahe hätte ihm dieser Einschnitt das Leben sogar genommen. „Der Zug war im Grunde schon abgefahren“, erinnert sich der 45-jährige Rentner aus Hude. „Es sah schlecht für mich aus.“

Die Leber, das zentrale Organ des gesamten Stoffwechsels, war kaputt. Nicht etwa, weil Schulz ungesund gelebt hatte. Es handelte sich um einen genetischen Defekt; einen nicht zu beeinflussenden Umstand, der ihn plötzlich aus seiner Idylle, seinem Glück brutal herausriss.

Sterben. Dazu war es noch viel zu früh. Aber ohne eine neue Leber würde er nicht mehr lange leben, wusste Schulz. Mit dem Thema Organspende hatte er sich zwar schon vorher beschäftigt. Nun aber sollte es für ihn zum Dreh- und Angelpunkt werden.

Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) warten in der Bundesrepublik derzeit etwa 12 000 Menschen auf ein Spenderorgan. 2010 wurden exakt 4 205 Organe von 1 296 Menschen entnommen. Pro Jahr stehen – verteilt auf eine Million Einwohner – ganze 13 Spenderlebern zur Verfügung. Benötigt werden 25.

Bei Friedhelm Schulz wurde die Erkrankung vor 13 Jahren festgestellt. Als die Beschwerden 2006 ein akutes Stadium erreichten, kam er endlich auf die Warteliste für eine Transplantation. Bis zur OP dauerte es dann noch mehr als zwölf Monate.

„Ich bin sehr dankbar“, sagt Schulz heute und lächelt: „Wir kommen gut miteinander aus, meine neue Leber und ich.“

Ihm ist durchaus bewusst, dass er ohne den Tod eines anderen Menschen nicht mehr existieren würde. Schuldgefühle hat er deshalb keine, sagt er. Schließlich wäre der Organspender auch ohne ihn gestorben.

Längst nicht alle Patienten reagieren so positiv auf den Eingriff. Die psychische Belastung ist mitunter enorm und beeinflussen den Erfolg der Transplantation in großem Maße. Zur Belastung kann beispielsweise auch der Gedanke werden, dass etwas ursprünglich Fremdes im eigenen Körper arbeitet.

Seit er sein zweites Leben geschenkt bekommen hat, engagiert sich Schulz im Deutschen Verein für Lebertransplantierte. Er betreut Patienten im Klinikum Oldenburg und besucht diverse Veranstaltungen zum Thema.

Unter dem Stichwort Organspende hatte der Hospizkreis Hude am Dienstag zu einem offenen Gesprächsabend eingeladen. Neben Friedhelm Schulz nahmen daran auch andere Betroffene teil. Anwesend war ebenfalls die Organspendebeauftragte des Klinikums Bremen-Mitte, Eva Reischuck.

Es sind Gesprächsabende wie jener, in denen Ängste ausgesprochen werden, sich Hoffnungen nähren und Initiativen starten. Das Spenden von Organen ist noch immer ein gesellschaftliches Tabuthema, waren sich die Teilnehmer der Runde einig. Reischuk berichtete, dass viel mehr Menschen als angenommen zu einer Organspende bereit wären, sofern man sie persönlich darauf anspreche. Telefonumfragen belegten dies.

Da sich aber kaum jemand mit dem Gedanke beschäftige, resultierte daraus zwangsläufig Unwissenheit, erläuterte Reischuk. Unwissenheit sei wiederum der Nährboden für Horrorgeschichten, etwa, dass Organe noch an der Unfallstelle entnommen würden.

Solche Geschichten sind natürlich völlig haltlos. Bevor eine Organentnahme möglich ist, muss der Patient von zwei unabhängigen Ärzten für hirntot erklärt werden. Dies geschieht nie an einer Unfallstelle, sondern immer auf der Intensivstation im Krankenhaus. Wenn das Gehirn des Patienten nachweislich keine Aktivitäten mehr aufweist, wird die Funktion der Organe für einen bestimmten Zeitraum noch künstlich durch Maschinen erhalten. Erst dann stellt sich die Frage nach einer möglichen Organentnahme.

Wie viele Menschen wissen darüber Bescheid? Wer setzt sich freiwillig mit dem eigenen Tod auseinander, vor allem aber mit den genauen Umständen des Sterbens?

Genau dies fordert das Thema Organspende. Wer sich traut und sich damit beschäftigt, stößt früher oder später auf die existenzielle Frage: Wann verlässt die Seele den Körper?

Nachweisbar ist nur der Hirntod. „Für mich ist das Gehirn alles, was mich ausmacht“, sagt Eva Reischuck. „Wenn mein Bewusstsein und mein Empfinden abgestorben sind – in diesem Moment, glaube ich, ist der Körper für die Seele nicht mehr bewohnbar.“

Solche Sätze sind schwere Kost – sogar für einen Gesprächskreis, der exakt für einen derartigen Austausch zusammenkommt.

Friedhelm Schulz wirkt nachdenklich, auch die übrigen Teilnehmer scheinen in Gedanken. „Schlussendlich muss jeder zu seiner eigenen Lösung kommen“, bricht Reischuck das Schweigen. Und wieder sind sich alle einig, dass nicht die Entscheidung – pro oder contra Organspende – ausschlaggebend ist. Auf einem Organspendeausweis gibt es schließlich mehrere Möglichkeiten, sein Kreuz zu setzen. Eine davon lautet: „Nein, ich widerspreche der Entnahme von Organen oder Gewebe.“

Friedrich Schulz sucht nicht den Blick zurück, sondern will weiterhin nach vorne schreiten. Wer sein Spender war, ob männlich oder weiblich, wird er nie erfahren. Um einem Organhandel vorzugreifen, verabschiedete der Deutsche Bundestag 1997 das Transplantationsgesetz (TPG). Demnach dürfen postmortale Spenden ausschließlich in einen anonymen Pool gegeben werden. Genau andersherum läuft das Prinzip bei den Lebendspenden: Beispielsweise eine Niere darf nur entnommen werden, wenn der Spender im privaten Bezug zum Empfänger steht.

Unvergessen ist wohl der Auftritt von Frank-Walter Steinmeier. Der SPD-Bundestagfraktionsvorsitzende zog sich im August 2010 für einige Wochen aus der Politik zurück, um seiner erkrankten Ehefrau eine Niere zu spenden. Dies war, so glaubt auch Friedhelm Schulz, ein erster Anstoß für ein Umdenken in der Bevölkerung.

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