Der Arbeitskampf bei Atlas ist festgefahren: Filipov und die IG Metall beschuldigen sich gegenseitig

Mit Vollgas ins Chaos

Oldenburg - Von Daniel NiebuhrGANDERKESEE · Der nette, ältere Herr mit den grauen Haaren hat gute Laune. Filip S. Filipov, Atlas-Eigentümer und Medienprofi, grinst in die Kameras, die im Sekundentakt klicken, und tut so, als wäre nichts geschehen. Fast hätte man es ihm abgenommen. Dann aber kommen die kritischen Fragen, und aus dem smarten, kleinen Mann wird der Wüterich Filipov.

„Ich werde der IG Metall niemals verzeihen“, poltert der bulgarische Besitzer der Atlas Maschinen GmbH auf der selbst einberaumten Pressekonferenz im Werk Ganderkesee auf Englisch in die Mikrofone – seine Dolmetscherin hatte alle Mühe, mit Filipovs Tiraden Schritt zu halten. „Die meisten hätten schon aufgeben, aber da kennen Sie mich schlecht.“

Zumindest kennt man ihn nun etwas besser, jenen so sturen Atlas-Eigentümer, dessen Arbeiter gestern kollektiv streikten. Und dieses Mal nicht mehr nur in Ganderkesee, sondern auch in den Werken in Vechta und Delmenhorst, wenn auch nur für einen Tag. „Es geht auch ums Prinzip“, meinte einer der Streikenden, und Jutta Blankau, die Bezirksleiterin der IG Metall Küste fügte an: „Wir wollen nur einen Tarifvertrag, der die Beschäftigten vor Willkür und der Unberechenbarkeit eines Arbeitgebers schützt, der sagt, er wolle sich lieber von seiner Frau erschießen lassen, als einen Tarifvertrag zu unterschreiben.“

Und so komisch es klingt: Zu dieser Aussage stand Filip Filipov auch gestern. „Ein Tarifvertrag“, sagt er, „würde uns die Wettbewerbsfähigkeit kosten.“ Und er rechnet vor: „Ein Lagerarbeiter verdient bei uns 3 100 Euro. Ich könnte einen für 2 000 kriegen, aber mit Tarifvertrag geht das nicht.“ Ein eiskalter Geschäftsmann eben. Und einer, der mindestens ebenso ernst macht, wie seine streikenden Arbeiter. „Ich habe viel Geduld“, verkündet er und erneuert seinen Schwur: „Mit der Gewerkschaft verhandle ich nicht.“

Dass er keine Scherze macht, musste Betriebsrat Detlef Pecht erfahren, der angeblich einen arbeitswilligen Kollegen geschubst haben soll und dafür fristlos entlassen wurde. „Das ist völlig aus der Luft gegriffen“, sagt Pecht, und auch seine streikenden Kollegen versichern: „Hier wurde niemand am Arbeiten gehindert. Wer ins Werk wollte, wurde auch durchgelassen.“ Worte, die Filipov wieder auf die Palme bringen: „Ich habe drei Zeugen für den Vorfall“, knurrt der Bulgare und versichert: „Wenn so etwas wieder vorkommt, fliegt der nächste raus. Und wenn es mich Millionen vor Gericht kostet.“ Das Funkeln in seinen Augen sagt: Er meint es toternst. Seine Angestellten können da nur mit dem Kopf schütteln. „Dieser Diktator“, sagt einer, „aber wir haben keine Angst.“

In der Tat machte Filipov gestern den Eindruck, als hätte er mehr zu verlieren als seine Arbeiter – allen Kampfansagen zum Trotz. „Ich werde nicht klein beigeben. Aber ich will meine Angestellten noch einmal eindringlich auffordern, wieder zur Arbeit zu kommen. Ich bin sicher, die meisten von ihnen wollen arbeiten.“ Und für den Rest habe er kein Verständnis: „Ich hätte auch Leute entlassen können, wie so viele andere, aber das habe ich nicht getan. Ich habe auch niemandem irgendetwas von seinem Gehalt gekürzt, sondern sogar zugesagt, die Verträge unbefristet zu verlängern. Wo ist das Problem?“

Eine gute Frage, die auch die Streikposten nur teilweise beantworten konnten. „Wenn wir jetzt nicht kämpfen, auch für die, die nach uns kommen, werden die Verträge sukzessive schlechter. Das ist ein schleichender Prozess.“ Was zu tun ist, um den zu stoppen, berät die Streikleitung heute – nichts scheint mehr unmöglich. Auch nicht, dass Filipov seine Streikenden durch billigere Leiharbeiter ersetzt. „Irgendwie müssen wir doch produzieren“, sagt der Atlas-Chef, „damit wir das Vertrauen unserer Händler nicht gleich wieder verlieren.“ Eine Lösung am runden Tisch? Wird immer unwahrscheinlicher. „Ich spreche nur mit dem Betriebsrat“, gab Filipov zu verstehen. Die Bürgermeister der drei betroffenen Gemeinden seien bei Verhandlungen jedenfalls nur im Weg: „Das ist keine Sache der Politik.“

Und so droht Atlas das komplette Chaos. Ein Schlichter ist kaum in Sicht, Zugeständnisse von irgendeiner Seite ebenfalls nicht. Das Ende im Arbeitskampf ist ungewisser denn je.

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