Oder: Keine Sekunde Langeweile / Piano-Showman Joja Wendt verzückt rund 400 Besucher in der Christuskirche

Virtuose und zugleich Comedian

Der Flügel hebt ab – einer der Höhepunkte in Joja Wendts Ein-Mann-Show in Harpstedt, in der das Publikum dem Künstler in jeder Sekunde dank moderner Technik auf die Finger schauen kann.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken· Mit seinem vermutlich bemerkenswerten IQ geht er nicht hausieren. Aber eine Hochbegabung wird Joja Wendt sicher niemand absprechen. Den berühmten Jazz-Standard „Take Five“, an dem mäßig talentierte Musiker wegen des schwierigen Fünfvierteltaktes verzweifeln, spielt dieser Showman unter den Pianisten auf seinem Steinway-Flügel in der Harpstedter Christuskirche teilweise mit gekreuzten Händen. Die rund 400 Besucher sind restlos begeistert.

„Ich wurschtel mich da schon irgendwie durch. Das Schöne ist ja: Wenn ich mich verspiele, werdet ihr es gar nicht merken.“ Der Entertainer soll Recht behalten. Er redet fast genauso viel, wie er spielt, lässt immer wieder durchblicken, dass in ihm auch komödiantisches Talent schlummert. Er sei „ein Leuchtturm des Frohsinns im Meer der Ernsthaftigkeit der Piano-Solisten“, hat ein Feuilletonist über ihn geschrieben. Wohl wahr.

„Ist jemand hier, der in Harpstedt wohnt?“, fragt Wendt zu Beginn seines Konzerts. Finger schnellen in die Höhe. „Oh, Aborigines. Kann ich euch etwas Gutes tun? Mit Perlenketten oder so?“, flachst der Unterhalter.

Da Harpstedt ja bekannt sei als eine Enklave geballten Intellekts, habe er seinem Konzert eine jeweils dreiteilige äußere und innere Struktur gegeben, sagt er. Wie so oft verschwimmen Spaß und Ernsthaftigkeit. Drei Musikrichtungen haben es Joja Wendt angetan: Jazz, Boogie Woogie und Klassik. Aus jedem „Genre“ spielt er eine Trilogie. „Ich werde versuchen, die Energie und die Kraft von drei Pianisten ins Klavier zu bringen“, kündigt er an. Das gelingt ihm bei einer rasanten Boogie-Nummer so gut, dass die Zuhörer die Leistung nicht nur mit frenetischem Applaus, sondern auch mit lautem Stampfen ihrer Füße honorieren. Der Mann leistet Schwerstarbeit am Flügel. Die über die 88 Tasten fliegenden Finger sind fast zu schnell für die digitale Übertragungstechnik. Jeden Akkord kann das Publikum dank zweier Großbild-Projektionen live mitverfolgen.

Der Klassik nähert sich der Virtuose mit der Carmenfantasie von Wladimir Horowitz – einem Stück, das lange Zeit als nahezu unspielbar galt, bis Joja Wendt den Gegenbeweis lieferte und damit eine Wette gewann. Er habe dem Werk noch zwei Variationen hinzugefügt, um wieder die dreigeteilte „innere Struktur“ zu wahren, erzählt er.

Immer wieder blitzt sein Humor durch. „Wir kommen nun zu den Zugaben, meine Damen und Herren“, scherzt er nach den ersten drei Stücken. Und an anderer Stelle: „Oh, da fliegt schon die erste Strickjacke. Oder sind das Stützstrümpfe?“

Der Künstler zum Anfassen blickt in einer kleinen Beamer-Schau auf die Anfänge seiner Karriere zurück, als er sich mit einem klapprigen VW-Bus auf die Reise nach Italien machte, schwer beladen – mit einem Klavier an Bord. „Da war eigentlich schon fast an den Kasseler Bergen Schluss. Und dann kamen die Alpen...“ Wie sich die Bergtour mit einem etwas altersschwachen Fahrzeug – in Musik umgesetzt – anhört, lässt Wendt in einem Boogie Woogie der Extraklasse erlebbar werden. Die Melodie verlangsamt sich, und der Zuhörer sieht vor seinem geistigen Auge buchstäblich den steilen Anstieg. Trockeneisnebel simuliert Auspuffgase. Dann nimmt das Tempo mehr und mehr zu. Aha, nun geht‘s abwärts! Sogar Martinshorn streut Wendt in die Melodie ein. Plötzlich passiert das Unglaubliche: Der Flügel legt sich in die Kurve, beginnt zu schwanken. Dahinter steckt ausgebuffte Technik. In die Beine des Instruments eingebaute Druckluftzylinder machen den Flügel beweglich. Gegen Ende des Stücks schiebt Wendt den imaginären VW-Bus, sprich: den Steinway, auch noch an, während er weiter in die Tasten haut. Natürlich obsiegt zuletzt der Mensch über die Maschine.

Ob der Musikus jazzverwandte „Zigeunermusik“ oder ein kompositorisches Äquivalent zum Mandala intoniert – langweilig wird‘s nie. Schon deshalb nicht, weil der Shooting-Star unter den Pianisten ständig den Kontakt zum Publikum hält. Dabei findet sich allerdings leicht mal ein Zuhörer in der Opfer-Rolle wieder. In Harpstedt trifft es einen Bassumer mit dem Vornamen Siegfried. „Ach, Sie sind Rentner? Dann können Sie ja heute mein Jackett halten. Sie haben den Job! Darf ich Sigi sagen?“, fragt Joja Wendt und bekommt ein zögerliches Nicken zur Antwort. Da weiß „Sigi“ aber noch nicht, dass der Pianist ihn als Hauptdarsteller eines Running Gags auserkoren hat.

Das „Beste am Klavier“ hat der Hanseat seinen Fans versprochen. Einmal mehr hält er Wort.

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