Reitclub lässt 100 Jahre Revue passieren / Tochter eines Mitgründers beim Festakt

Was der RC „Sport“ mit Olympia zu tun hat

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Neben dem obligatorischen „Flachgeschenk“ überreichte Sandra von Ohlen ein Pferdebild an Harald Straßer. ·

Harpstedt - Von Jürgen BohlkenGROSS KÖHREN · Die 87-jährige Gertrud Thier zählte am Sonnabendnachmittag beim gut besuchten Jubiläumsfestakt des RC „Sport“ Harpstedt mit Kaffee- und Kuchen-Tafel in der nett hergerichteten Reithalle in Groß Köhren zu den besonderen Gästen. Die in Bremen wohnende Seniorin ist die Tochter von Friedrich Schnaue, einem jener zwölf Männer der ersten Stunde, die den Verein auf den Tag genau 100 Jahre zuvor aus der Taufe gehoben hatten.

Mit mehr als 500 an Stellwänden angebrachten Fotos und vielen weiteren Schnappschüssen, die ein Beamer fortlaufend auf eine Leinwand projizierte, ließ der Reitclub seine bewegte Geschichte lebendig werden. Zusätzlich widmeten sich Heinz Nienaber, der Ehrenvorsitzende Dietrich Kracke und Claus Grote in der vom Jagdhornbläsercorps des Hegerings Harpstedt und den „Pragern“ umrahmten Feierstunde ausgiebig der Historie.

Nienaber begann seinen Streifzug im Gründungsjahr. 1912 seien viele neue Vereine hinzugekommen. Den Menschen sei es damals gar nicht so schlecht gegangen. „Das Kaiserreich war eine aufstrebende Weltmacht. Es lebte sich recht gut darin“, sagte der Köhrener. Doch die scheinbar ordentlichen Lebensbedingungen seien vor dem Hintergrund des nahenden Weltkrieges trügerisch gewesen.

Nienaber erwähnte – wie zuvor Samtgemeindebürgermeister Uwe Cordes –, dass der Pferdesport 1912 erstmals zu Olympischen Spielen zugelassen worden war. Er streifte zudem eine Kabinettsorder, die Kaiser Wilhelm II. am 29. Januar 1912 unterschrieb: „Darin war erstmals festgelegt, nach welchen Grundsätzen sowohl ein leistungsfähiges Pferd als auch ein leistungsfähiger Reiter auszubilden sei. Danach wird bis heute ausgebildet.“ Ein klein wenig habe der RC „Sport“ sogar mit Olympia zu tun. Worauf Nienaber hinaus wollte, enthüllte er am Ende seines bis in die 1950-er Jahre reichenden Rückblicks. Er spielte auf das Pferd „Prinzess“ an, ehemals im Besitz von Wilhelm Heitzhausen aus Klosterseelte, das seine Grundausbildung im RC „Sport“ erhalten habe. Es sei an den Reiter Klaus Wagner verkauft worden und habe 1956 bei den Olympischen Reiterspielen in Stockholm zum von der deutschen Mannschaft im Military errungenen Silbermedaillen-Erfolg beigetragen.

Viele „Flachgeschenke“ in Form „gefüllter“ Umschläge nahm der erste Vorsitzende des RC „Sport“, Harald Straßer, entgegen. 500 Euro kamen allein vom Pferdesportverband Hannover. Besonders freute sich Straßer über ein Bronze-Bild, das Ernst Noltes Tochter Ilka dem Verein überließ; ihr Vater hatte es einst zur Einweihung der früher vom RC „Sport“ genutzten Reitanlage in Holzhausen erhalten.

Der Reitsport sei nicht irgendein Sport, unterstrich Uwe Cordes in seinem Grußwort. Damit verbinde sich nicht nur der Wunsch

In kurzer Hose und

ohne Sattel...

nach Fitness und Bewegung, sondern auch nach Umgang mit dem Pferd, also mit einem Lebewesen und sozialem Wesen. Der Reitsport fördere das Wohlbefinden: „Ein Ausritt in freier Natur weckt neue Lebensgeister.“ Hatte Landrat Frank Eger nach eigenem Bekunden vor etwa 30 Jahren letztmalig auf einem Ross gesessen, so lag das beim Samtgemeindebürgermeister geschätzte 50 Jahre zurück. „In kurzer Hose und ohne Sattel. Seitdem nicht mehr“, so Cordes schmunzelnd. Das größte Glück der Erde, das einem Sprichwort zufolge „auf dem Rücken der Pferde“ liegen soll, in einer starken Gemeinschaft erleben zu dürfen, sei etwas ganz Besonderes, betonte Beckelns stellvertretender Bürgermeister Manfred Sander. „Dieser Verein funktioniert schon über 100 Jahre hinweg“, bescheinigte er dem RC „Sport“. „Ich hab‘ da noch ‘was, womit ihr ein bisschen Hafer kaufen könnt“, sagte er bei der Überreichung des Geldgeschenkes der Gemeinde Beckeln. Erika Cordts, Ehrenvorsitzende des Pferdesportverbandes Hannover, lobte die „fantastische“ Vereinsstruktur im RC „Sport“, stellte die Voltigiergruppe heraus, die kürzlich Kreismeister geworden war, unterstrich die Bedeutung von Jugendarbeit und Ehrenamt und konstatierte, die Begeisterung für das Pferd zu wecken, sei nötiger denn je. „Was mir etwas fehlt, ist der Zusammenhalt zwischen Zucht und Sport“, beklagte sie und forderte eine stärkere Kooperation ein.

Man könne sehen, dass der RC „Sport“ eine fest verwurzelte Gemeinschaft sei, meinte Landrat Frank Eger. Er würdigte das Engagement der Mitglieder und den Einsatz des Vorstandes, der auch in schwierigen Zeiten mutige Entscheidungen getroffen habe. Harald Straßer wollte ihm die Chance geben, endlich wieder mal im Sattel zu sitzen: „Das kriegen wir hin. Rufen Sie mich an!“, ermunterte er Eger schmunzelnd.

An die Adresse des Reiternachwuchses sagte der Vorsitzende: „Ich muss auch mal unsere Jugendlichen loben. Sie waren hier die letzten Tage mit Besen, Handfeger und Schaufel im Einsatz und haben richtig schön mitgearbeitet. Es ist eben nicht so, dass sie nur vor dem PC sitzen.“

Weitere Grußworte und Präsente kamen von Horst Bokelmann, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Kreissportbundes, sowie von Sandra von Ohlen aus dem Vorstand des Kreispferdesportverbands Diepholz.

Mit einem Gottesdienst in der Reithalle folgte gestern Teil zwei des Jubiläums. Zum Gelingen trugen neben dem Posaunenchor und Pastorin Simone Schmidt-Becker auch Mitglieder des RC „Sport“ bei. 20 Reiter hatten sich zuvor am Morgen auf dem Harpstedter Marktplatz gesammelt, um sich hoch zu Ross und in Begleitung zweier Pony-Kutschen auf den Weg zum Gottesdienst zu machen.

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