Inka Brümmer macht als Gemeindeschwester präventive Hausbesuche / Dr. Schwarz wünscht sich stärkere Vernetzung

„Sie ist der Fühler unserer Praxis“

Regelmäßige Absprachen zwischen Dr. Manfred Schwarz und Gemeindeschwester Inka Brümmer sind Pflicht.

Neerstedt - Von Tanja Schneider· Einige waren anfangs etwas zögerlich. Zwei erklärten, sie könnten noch selbst mit dem Rad herfahren. Der Großteil ist aber froh, wenn Inka Brümmer zum Hausbesuch kommt. Seit Mai ist die gelernte Arzthelferin im Auftrag des Neerstedter Arztes Dr. Manfred Schwarz als Gemeinde schwester im Einsatz. Durchschnittlich 70 Patienten der Praxis besucht sie im Monat – als vorbeugende Maßnahme.

Die Einführung der „Arztnahen Gemeindeschwester“ ist ein Baustein des „Dötlinger Modells“, das Dr. Schwarz federführend entwickelt hat und das älteren Einwohnern lange ein Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen soll. Hintergrund ist die demografische Entwicklung, die mit einem zunehmenden Anteil älterer Einwohner mit erhöhtem Versorgungsbedarf neue Strukturen erforderlich mache. „Hinzu kommt der Ärztemangel in ländlichen Gebieten“, betont Dr. Schwarz. War er sich vor einem Jahr noch sicher, dass die hiesige Region gut mit Hausärzten versorgt sei, sehe es inzwischen anders aus. Seine Praxispartnerin Dr. Ines-Karina Weiland ist aufgrund einer schweren Erkrankungen nicht mehr im Dienst. Dr. Brigitte Schulte, mit deren Wildeshauser Praxis die Neerstedter überörtlich zusammenarbeitet, geht bald in den Ruhestand. „Und ich werde im März auch schon 60“, sagt Dr. Schwarz.

Dass Inka Brümmer seit etwa einem Dreivierteljahr als Gemeindeschwester unterwegs ist, bedeute für den Neerstedter Arzt eine große Entlastung. „Viele ältere Patienten warten mit ihren Beschwerden einfach zu lange ab. Durch Inka können nun Probleme, ob medizinischer, psychischer oder sozialer Art, schneller erkannt und rechtzeitig Hilfe eingeleitet werden“, erklärt er das Prinzip. Hierfür hat Dr. Schwarz seine 310 Patienten, die 65 Jahre und älter sind, in sieben Kategorien eingeordnet – von den autarken Senioren, die nur bei Bedarf in die Praxis kommen, bis hin zu den Sterbenskranken. „Ab Stufe 3, die eingeschränkt mobile Patienten und Behinderte umfasst, fährt Inka raus“, erläutert der Arzt. Insgesamt betreut sie derzeit 165 Patienten. Wie oft sie diese besucht, hängt dabei nicht nur von der medizinischen Notwendigkeit ab. Brümmer ist präventiv im Einsatz. „Sie ist quasi der Fühler der Praxis“, sagt Dr. Schwarz.

Neben Aufgaben wie beispielsweise der Messung von Puls, Blutdruck oder Zucker bei Diabetespatienten sowie der Überwachung der Verordnungs- und Medikamentenpläne achtet Brümmer vor allem darauf, wie die Stimmung der Patienten ist. „Ich rede sehr viel mit ihnen, um zu erfahren, ob es ihnen gut geht“, berichtet sie. Dabei ist es von Vorteil, dass Brümmer aus der Gemeinde stammt und bereits vor ihrer Elternzeit jahre- lang in der Gemeinschaftspraxis tätig war. „Viele Patienten kennen sie und vertrauen sich ihr an“, weiß Dr. Schwarz. „Die gute Akzeptanz hat uns selbst überrascht.“ Durch die Besuche fallen Brümmer auch bei den Patienten, die sonst zu spät Hilfe in Anspruch nehmen würden, Veränderungen auf. Gibt es Anzeichen von Demenz? Kann der Patient die Aufgaben im Haushalt und Garten noch alleine bewältigen? Und gefährdet die Seniorin durch die Pflege ihres kranken Mannes vielleicht ihre eigene Gesundheit? Inkas Aufgabe ist es, Probleme rechtzeitig zu erkennen und Hilfe einzuleiten. Enge Absprachen mit Dr. Schwarz sind da eine Selbstverständlichkeit. Daneben kommuniziert sie aber auch mit den Pflegediensten und Ehrenamtlichen, die die Patienten bereits betreuen. Ein weiterer Schritt wäre die Vermittlung konkreter Unterstützung, zum Beispiel durch die Seniorenbegleiter. „Ziel muss eine Vernetzung aller im Bereich der Pflege Tätigen sein“, wünscht sich Dr. Schwarz. „Die Gemeinde bräuchte eine entsprechende Datenbank.“

Der Neerstedter Arzt geht davon, dass die Anzahl seiner Patienten, die von einer Gemeindeschwester besucht werden müssten, in den kommenden Jahren auf das Doppelte steigt. „Eigentlich bräuchten wir eine Vollzeit- und eine Halbtags-Inka“, sagt er. Derzeit ist Brümmer als 400-Euro-Kraft im Dienst. „Damit ist sie unterbezahlt“, ist sich Dr. Schwarz bewusst. Andere Modelle wie beispielsweise „AGnES“, bei denen Gemeindeschwestern mehr verdienen, seien für Schwarz allerdings kaum finanzierbar. „Kostenträger und Kassen fordern hier auch eine zusätzliche Qualifikation, die eine gut ausgebildete Arzthelferin meiner Meinung nach nicht benötigt“, berichtet Schwarz, der sich eine wissenschaftliche Aufarbeitung der bisher gesammelten Ergebnisse wünscht. „Wir wissen mittlerweile, wie hoch der Bedarf für eine Gemeindeschwester ist, wie groß der zeitliche Aufwand ist und das sich erhebliche Kosten sparen lassen, wenn durch die Gemeindeschwester Krankenhaus- oder Heimaufenthalte vermieden oder verkürzt werden können“, so Dr. Schwarz. Es bleibe aber die Frage, wer künftig den finanziellen Aufwand trägt. „Wenn die Gemeinde etwas für die Versorgung der älteren Einwohner tun möchte, sollte sie sich beteiligen“, sagt Schwarz, dessen Vision ein allgemeinmedizinisches Zentrum ist, von dem Gemeindeschwestern in die Fläche geschickt werden.

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