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„Quimburga“ tobte 1972 in nur 20 Minuten über Niedersachsen

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Aufräumarbeiten nach dem Sturm.
Aufräumarbeiten nach dem Sturm. © ksy

Landkreis - Von Jan Schmidt. Es ging alles ganz schnell. Mit den ersten Wolken peitschte auch schon der Wind übers Land. „Könnte stürmisch werden“, dachte sich Adolf Wilders, Forstwirt im Revier Sandkrug.

Er war gerade zum Holzschlag in den Wald ausgerückt, da krachte ihm plötzlich, ohne jede Vorwarnung, eine Tanne vor die Füße. Zum Glück, so muss man heute sagen, flüchtete Wilders sofort ins Freie. Nur Sekunden später entfaltete „Quimburga“ seine volle Kraft. Bei dem Orkan – er zerstörte am 13. November 1972 riesige Waldflächen in Mittel- und Westeuropa – starben 73 Menschen. 

Nächste Woche jährt sich das Geschehen zum 40. Mal. Wer das Unwetter damals miterlebte, wird seine persönlichen Erinnerungen daran haben. Jeder, der mit dabei war, wird noch genau wissen, wo er gerade war, was er gerade gemacht hat und wie der Sturm ihn überraschte. Kommen sehen hatte das Unwetter jedenfalls keiner, nicht einmal die Wetterforscher. Heute weiß man auch warum. Wie sich herausstellte, handelte es sich um ein äußerst seltenes Aufeinandertreffen bestimmter Luftströme. Das war so nicht vorhersehbar gewesen.

Klaus Hoffmann, damals Revierleiter der Försterei Augustendorf (links) und Adolf Wilders, damals Forstwirt im Revier Sandkrug, haben noch viele Erinnerungen an den Sturm. ·
Klaus Hoffmann, damals Revierleiter der Försterei Augustendorf (links) und Adolf Wilders, damals Forstwirt im Revier Sandkrug, haben noch viele Erinnerungen an den Sturm. · © Schmidt

„Quimburga“ tobte nur etwa 20 Minuten mit voller Kraft. Während dieser Zeit erreichte der Orkan jedoch Windgeschwindigkeiten bis zu 180 Stundenkilometer. Die Schäden waren so verheerend, dass der Holzmarkt in den kommenden Jahren nahezu komplett einstürzen sollte. „Innerhalb von kürzester Zeit wurde so manches Lebenswerk zerstört“, sagte gestern Rainer Städing, Pressesprecher des Forstamtes Ahlhorn. Er meinte damit vor allem die Arbeit seiner damaligen Forstamtskollegen.

Zum Beispiel Klaus Hoffmann. Er leitete 1972 das Forstrevier Augustendorf (Friesoythe). Über den Sturm befragt, antwortet er sehr emotional: „Nachdem die Böen abgeklungen waren, ging ich auf eine Anhöhe. Dort hatte ich einen guten Überblick. Als ich das Ausmaß der Zerstörung erkannte, standen mir die Tränen in den Augen.“

Hälfte der Waldfläche verwüstet

Im Raum Weser-Ems verwüstete der Orkan die Hälfte der gesamten Waldfläche (5000 Hektar) und zwei Drittel des Holzvorrates. Es dauerte mehrere Tage, bis Straßen und Forstwege für den Verkehr wieder freigeräumt waren. Zur Bewältigung des Schadens stockte die Regierung die Zahl der Waldarbeiter auf – im Raum Weser-Ems von 300 auf 500 Arbeiter. Bis zu 33 Bagger, 1150 Traktoren und 20 Lastwagen wurden zur groben Entzerrung des Windwurfes eingesetzt. Mit Unterstützung aus Schweden und Österreich galt es zunächst nur, das wertvollste Holz zu bergen. Dieser Vorgang dauerte  unter Einbeziehung moderner skandinavischer Holzerntemaschinen zweieinhalb Jahre.

Klaus Hoffmann, damals Revierleiter der Försterei Augustendorf (links) und Adolf Wilders, damals Forstwirt im Revier Sandkrug, haben noch viele Erinnerungen an den Sturm. ·
Klaus Hoffmann, damals Revierleiter der Försterei Augustendorf (links) und Adolf Wilders, damals Forstwirt im Revier Sandkrug, haben noch viele Erinnerungen an den Sturm. · © Schmidt

Wegen des eingebrochenen Holzmarktes in Deutschland trat ein bundesweiter Einschlagstopp für stehende Bäume in Kraft. Ebenfalls rückten Exporte in den Vordergrund. Aus der Region Weser-Ems gingen in den Jahren nach „Quimburga“ 41.000 Kubikmeter Holz nach Dänemark, 60 000 Kubikmeter nach Schweden und 100.000 Kubikmeter Holz über Bremen nach Japan. Weitere Exporte folgten nach Italien, Österreich und Rumänien.

Dennoch waren die Massen innerhalb Deutschlands kaum zu bewältigen. Die Niedersächsische Landesregierung richtete für das übrige Holz, das bis 1977 schrittweise vermarktet wurde, 93 Nasslagerplätze ein. „Dabei handelte es sich um eine Nasskonservierung. Das Holz wurde permanent beregnet, damit es nicht durch Käfer, andere Tiere oder Pilze befallen wurde“, erläuterte Rainer Städing.

Etliche Unfälle beim Aufräumen

Nach seiner Darstellung kam es im Rahmen der „Aufräumarbeiten“ auch zu etlichen Unfällen. 22 Waldarbeiter verloren ihr Leben durch abrollendes Holz, durch zurückklappende Wurzelteller, umstürzende Schlepper oder durch Holz, das unter Spannung stand. Insgesamt geschahen etwa 700 Unfälle. Die meisten davon waren auf jenes Holz unter Spannung zurückzuführen, es gab aber auch Unfälle mit der Motorsäge (damals arbeiteten die Helfer noch ohne Beinschutz).

Zeitzeuge Adolf Wilders erinnert sich an blaue Flecken und Schürfwunden: „Die Aufräumarbeiten waren wirklich gefährlich“, unterstrich er gestern. Klaus Hoffmann konnte das nur bestätigen: „Wir hatten ja damals nur leichte Helme auf und nicht einmal Handschuhe an.“ Als er am 13. November von orkanartigen Böen geweckt wurde, habe er noch nicht ansatzweise geahnt, was sich durch diesen Sturm – vor allem beruflich – für ihn verändern würde. „Als wir die ersten drei Tage quasi durchgearbeitet hatten, um die Straßen einigermaßen von umgestürzten Bäumen zu befreien, gab es erstmal einen ordentlichen Grog.“ 

Heute kann er darüber schon wieder schmunzeln. Dennoch: Vor allem während der ersten Wochen seien die Aufräumarbeiten „sehr deprimierend“ gewesen. „Das Motto lautete einfach Kopf hoch und durch.“ Die Bilder von damals habe er noch oft vor Augen. „Im Nachhinein ist es schon bemerkenswert, wie viel Glück ich damals hatte, dass mir und meiner Familie nichts passierte.“

Folgen noch immer ablesbar

Laut Rainer Städing sind die Folgen des Orkans noch immer in den Wäldern lesbar. Mindestens 60 Jahre werde es noch dauern, bis die Schäden im Bereich der Niedersächsischen Landesforsten vollständig behoben sind.

In den Jahren 1974 bis 1978 investierte die Bundesregierung 82 Millionen DM in die Wiederaufforstung der Waldflächen. Im Bereich des Forstamtes Hasbruch wurden 90 Hektar Laubwald und 586 Hektar Nadelwald angepflanzt. Im Bereich des Forstamtes Ahlhorn waren es 413 Hektar Laubwald und 1791 Hektar Nadelwald.

Für den Fall der Fälle, sagt Städing, existiere heute ein Leitfaden „Sturm“. Dieser beinhalte eine optimierte Sicherheitsausrüstung und auch stark verbesserte Arbeitsverfahren für Forstwirte. Auch das Holzernteverfahren wäre nach den heutigen Standards hoch technisiert. „An erster Stelle“, heißt es aber dann, „besteht die Hoffnung, „dass sich ,Quimburga‘ so schnell nicht wiederholt.“

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