Willst du mit mir geh‘n – oder lieber mit mir wähl‘n?

Politiker-Speed-Dating in Bookholzberg

+
Auf in die erste Runde: Lothar Wuth, Harry Kowitz, Ansgar Focke, Christian Dürr, Christian Marbach, Birte Wachtendorf, Veruschka Schröter-Voigt und Axel Brammer suchten während des Politiker-Speed-Datings den Kontakt zu interessierten Bürgern.

Landkreis - Von Jan SchmidtRote Rosen gab es keine. Niemand schaute verliebt, die Romantik war zu Hause geblieben. Wer punkten wollte, sparte mit Komplimenten, überzeugte stattdessen durch Argumente. Dem Speed-Dating für Politiker fehlte am Dienstag zwar der Flirtfaktor, nichtsdestotrotz konnte der eine oder andere sein Gegenüber erobern.

Dass es ein spannender Abend werden würde, hatte sich schon früh angekündigt: Wo man auch hinschaute, die Augen trafen auf Siegertypen. Sicheres Auftreten, gesundes Selbstbewusstsein, eine offene Haltung – wichtige Eigenschaften, nicht nur bei der Partnerwahl. In der Mensa des Berufsförderungswerkes in Bookholzberg zählte die Sympathie gleich doppelt: Den Politikern blieb nur wenig Zeit, um mit ihren Gesprächspartnern eine Diskussionsgrundlage zu finden. Schon nach zehn Minuten ertönte ein Gong, der jeweils die nächste Runde einläutete. Die Hauptpersonen wechselten dann den Tisch.

Aufgrund des hohen Interesses an der Veranstaltung gab es eine Unterteilung in Gruppen. An jedem Tisch saßen drei bis sechs Bürger. Alle hatten hohe Erwartungen, immerhin waren mit Ansgar Focke (CDU), Axel Brammer (SPD), Christian Dürr (FDP), Birte Wachtendorf (Grüne), Christian Marbach (Freie Wähler), Veruschka Schröter-Voigt (Die Linke), Lothar Wuth (Piratenpartei) und Harry Kowitz (Bündnis 21) gleich acht Kandidaten anwesend, die sich um ein Mandat bei der Landtagswahl am 20. Januar bewerben. Ein Spaziergang sollte es für die Politiker an diesem Abend nicht werden.

Von Anfang an zeigte sich, dass schwammige Formulierungen und Phrasendrescherei an diesem Abend nicht funktionieren würden. Manche Bürger hatten sogar Fragenzettel mitgebracht, um den Kandidaten einmal richtig auf den Zahn fühlen zu können. „Was bitteschön gedenken Sie zu tun, um die Situation für die Krankenpfleger zu verbessern?“, wollte Irene Veenhuis von Ansgar Focke wissen. Dessen Antwort, dass nicht die Politik, sondern die Sozialleistungsträger und die Träger der Pflegeeinrichtungen selbst für die Bestimmung der Pflegesätze zuständig seien, ließ Veenhuis so nicht gelten. Die Politik könne doch immerhin gewisse Rahmenbedingungen schaffen.

Zum gleichen Thema äußerte sich Linke-Kandidatin Veruschka Schröter-Voigt: „Pflegeheime gehören meiner Meinung nach in die öffentliche Hand. Bei Privatisierungen geht es immer auch um Profit.“ Für die Pflegekräfte schlug sie einen Mindestlohn in Höhe von zehn Euro vor. „Das ist immer noch zu wenig“, bemerkte ein Zuhörer, worauf Schröter-Voigt wiederum entgegnete, dass andere Parteien selbst diesen geringen Betrag nicht akzeptieren wollten.

Einen Tisch weiter musste sich Christian Dürr für die schlechten Umfragewerte seiner Partei rechtfertigen. Zur Personaldebatte auf Bundesebene sagte er, dass er auf die Bürger vertraue. „Die meisten interessieren sich doch viel mehr für Inhalte als für Diskussionen um Köpfe.“ Er selber rechne sich für die Landtagswahl „ganz ordentliche“ Chancen aus. „Wir brauchen eine liberale Kraft im Landtag, das werden die Leute auch erkennen.“

Sozialdemokrat Brammer unterhielt sich derweil über die Energiewende. „Das Erneuerbare Energiengesetz (EEG) war eine gute Idee. Jetzt muss es unbedingt noch nachgebessert werden.“ Sofort gab es den Einwand, dass die Vergütungen im Rahmen des EEG viel zu hoch gewesen seien. Das Resultat lasse sich im Landkreis Oldenburg anhand der vielen Biogasanlagen betrachten. Brammer blieb jedoch bei seiner Meinung: Für die Energiewende seien die hohen Förderungen notwendig gewesen. Nun gelte es, diese neu zu ordnen. Ebenfalls rechtfertige er den Ausbau sogenannter Stromautobahnen. Dass diese allerdings nicht verstaatlicht würden, sei ein großer Fehler. „Manchmal habe ich das Gefühl, die Regierung tut alles, um den Leuten die Energiewende madig zu machen.“

Christian Marbach, Vertreter der Freien Wähler, hatte sich auf das Speed-Dating gut vorbereitet. Er konnte den Bürgern ausgedruckte Statistiken zeigen und nannte immer wieder Zahlen und Fakten. Sein Lieblingsthema: Abschaffung der Studiengebühren in Niedersachsen. Ebenfalls wurde er nicht müde zu betonen, dass seine Partei als einzige ein konkretes Konzept für den Rückbau der Europäischen Rettungsschirme verfolge. Zwar sprach Marbach häufig über Euro- statt über Kommunalpolitik. Trotzdem kam er damit bei einigen Wählern gut an: „Anders, als ich vermutet hatte, hat sich Herr Marbach detailliert geäußert und sich generell gut verkauft“, urteilte Hans Zahnert aus Delmenhorst.

Am Ende des Abends waren die Eindrücke erwartungsgemäß sehr unterschiedlich. Für alle Kandidaten gab es von verschiedenen Seiten Lob. Blamiert, so viel steht fest, hat sich durch das Speed-Dating jedenfalls keiner, weder auf Seite der Politiker noch auf der der Bürger. „In zehn Minuten lassen sich viele Themen auch nur oberflächlich ankratzen“, stellte eine Teilnehmerin aus Oldenburg fest. Sie habe deshalb vor allen Dingen darauf geachtet, wer in seiner Art und Weise zu sprechen authentisch wirkt.

Ein bisschen erinnert das wieder an Speed-Dating im klassischen Sinne: Selbstbewusstsein, sicheres Auftreten, offene Haltung – der klassische Siegertyp, eben auch in der Politik.

Das könnte Sie auch interessieren

Empörte Angehörige im Loveparade-Prozess

Empörte Angehörige im Loveparade-Prozess

Reise-Anbieter mühen sich um Barrierefreiheit

Reise-Anbieter mühen sich um Barrierefreiheit

Mitbewohner von Attentäter Amri: Habe früh vor ihm gewarnt

Mitbewohner von Attentäter Amri: Habe früh vor ihm gewarnt

May offen für Nachverhandlungen zum Brexit-Abkommen

May offen für Nachverhandlungen zum Brexit-Abkommen

Meistgelesene Artikel

Riesiges Hornissennest auf dem Dachboden gefunden

Riesiges Hornissennest auf dem Dachboden gefunden

So überlebt ihr eure Kohlfahrt ohne Kohllateralschaden

So überlebt ihr eure Kohlfahrt ohne Kohllateralschaden

SPD: Innenstadt sonntags sperren

SPD: Innenstadt sonntags sperren

Tesla kracht in Wildeshausen gegen Baum: 120.000 Euro Schaden

Tesla kracht in Wildeshausen gegen Baum: 120.000 Euro Schaden

Kommentare