Altenpfleger setzen Niederdeutsch als „Türöffner“ ein / BBS-Schüler suchen „plattsnackenden“ Lehrer

Platt erleichtert Umgang mit Dementen

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Stefanie Wunsch und Simon Bellersen üben im Rollenspiel den Umgang mit Demenzkranken; Hella Einemann-Gräbert und Ernst-August Bode sehen zu.

Wildeshausen - Von Anja Nosthoff„Ick snack platt. Du ook?“ Die Altenpflegeschüler von Hella Einemann-Gräberts Klasse halten stolz rote Buttons mit diesem Ausspruch hoch. Seit einem Jahr verfolgen sie Einemann-Gräberts Fachunterricht in den Berufsbildenden Schulen Wildeshausen auf Niederdeutsch (wir berichteten).

Für einige von ihnen war das ein Einstieg von null auf hundert. Stefanie Wunsch zum Beispiel kann zwar herrlich „berlinern“, wenn sie will, aber plattdeutsch hatte zuvor noch niemand mit ihr gesprochen. Und trotzdem hatten die Schüler gemeinsam mit Einemann-Gräbert selbst die Inititiative ergriffen und sich mit dem „bilingualen“ Unterricht zusätzliche Arbeit aufgebrummt. Auch nach einem Jahr sind sich alle wieder einig: Sie wollen mehr. Und warum?

„In unserem Beruf ist Platt wirklich ein Türöffner“, greift Kea Gundrum einen Leitspruch auf, mit dem ihre Klasse für mehr Unterricht auf Plattdeutsch wirbt. Wie ihre Mitschüler habe die Oldenburgerin bei der Altenpflege die Erfahrung gemacht, dass die Sprache oft den Zugang zu älteren Menschen erleichtert. Besonders gelte das im Umgang mit Menschen, die an Demenz leiden.

„Wenn ich mal dement werden sollte, würde ich bestimmt auch nichts verstehen oder sogar wütend werden, wenn mich jemand auf Hochdeutsch anspricht“, sagt Einemann-Gräbert mit einem Augenzwinkern. „Demente Menschen leben ja im Geiste in ihrer Kindheit. Und da war ich nun mal das kleine Hellachen auf Opas Schoß und nicht Frau Einemann-Gräbert. Allein bei dem Namen würde ich mich dann schon gar nicht angesprochen fühlen.“

Um die dementen Menschen in ihrer Kindheit abzuholen und sie zu „aktivieren“, wie die Altenpfleger sagen, reicht manchmal schon ein Gruß oder eine Frage auf Platt. „Es geht nicht darum, perfekt zu sprechen, sondern einfach darum, mutig genug zu sein, mal munter draufloszuplappern. Dann hat man meistens schon gewonnen.“

Das Konzept gehe in ihrer Klasse, die mit ihrer geringen Größe von gerade mal 13 Schülern – zwei brachen ihre Ausbildung im ersten Jahr ab, eine kam als Quereinsteigerin hinzu – sehr gut auf. „Die Schüler sind sehr offen für darstellende Unterrichtsformen.“

Das sei wichtig, denn in Einemann-Gräberts Unterricht geht es um „Aktivierungsmethoden“, die die Altenpflegeschüler an ihrem Arbeitsplatz später umsetzen sollen.

„Aktivierung geschieht nicht nur durch die Sprache, sondern auch durch die Animation aller Sinne – ob nun durch Berührung, durch Wärme oder durch Musik“, erklärt Einemann-Gräbert. Das wird im Unterricht praxisnah geübt: In Rollenspielen werden entsprechende Situationen geprobt. „Es ist also jede Menge Stoff, den wir bewältigen müssen.“ Ihren Schülern die plattdeutsche Sprache wirklich zu erklären oder den Einstieg durch Spiele zu erleichtern – dafür blieb keine Zeit. „Ich hab‘ einfach drauflos ge snackt.“

Ganz so einfach, wie Einemann-Gräbert und ihre Klasse sich das mit dem Unterricht auf Platt vorgestellt hatten, ging es dann aber doch nicht. „Wir hatten erst gar nicht daran gedacht, dass wir auch eine offizielle Genehmigung brauchen. Aber nachdem die Fachkonferenz und der Schulleiter unser Projekt dann abgesegnet hatten, war alles wieder in Butter“, erzählt Einemann-Gräbert.

Allerdings hätte die Klasse wohl auch nicht gedacht, dass Platt so platt machen kann. „Die Schüler haben zwar nur zwei Tage in der Woche Schule neben ihrer Ausbildung, und davon snacken wir wiederum nur zwei Stunden platt. Aber es ist für die meisten eine viel höhere Konzentration nötig, um meinen Erklärungen auf Plattdeutsch zu folgen. Obwohl ich Gestik und Mimik einsetze und mich bemühe, langsam zu sprechen.“ Bei diesen Worten lachen ihre Schüler. Mit der Gestik und Mimik ihrer Lehrerin sind sie zwar mehr als zufrieden, aber die Worte kommen der energischen Frau doch meist ziemlich schnell von den Lippen. „Dafür sorgen im Unterricht viele Lacher zwischendurch für Entspannung“, sagt Tanja Bavendiek.

Für die Zukunft wünschen sich die angehenden Altenpfleger trotzdem, zwei Stunden pro Woche mehr Zeit zu haben, um sich darin ausschließlich der plattdeutschen Sprache zu widmen. Diese Zeit würden sie von ihrer Freizeit opfern und an den regulären Unterrich anhängen. „Wir brauchen nur noch einen Lehrer.“ Besondere Qualifikationen seien dafür nicht gefordert. „Hauptsache, er snackt mit us platt.“

Ernst-August Bode, der sich gestern bei der Klasse über das Pilotprojekt informierte und höchst angetan war, versprach, sich umzuhören. „Das Projekt ist bisher einzigartig, findet aber hoffentlich Nachahmer“, zeigte er sich als Verteter der Oldenburgischen Landschaft begeistert.

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