SELBSTVERSUCH Comic-Workshop

„Sieht schauderhaft aus“

Teilen die Comic-Leidenschaft: Ulrich Mathias Gerr und Julian Fiebach kennen sich bereits seit ihrer Schulzeit.
+
Teilen die Comic-Leidenschaft: Ulrich Mathias Gerr und Julian Fiebach kennen sich bereits seit ihrer Schulzeit.

Oldenburg – Ich bin etwas nervös. Zum ersten Mal seit meiner Schulzeit werde ich wieder zeichnen: Ich nehme an einem Comic-Workshop teil. Zeichnen gehört beileibe nicht zu meinen Stärken. „Kunst: 4“, war jedenfalls die übliche Note in meinem Schulzeugnis, manchmal war es sogar eine Fünf. Nun also ein neuer Versuch bei einem Workshop in Oldenburg, den der Hamburger Comic-Zeichner Julian Fiebach leitet.

„Hallo! Du bist der Erste“, begrüßt mich Fiebach. In dem knapp 100 Quadratmeter großen Raum stehen sechs Tische, auf denen jeweils zwei Blatt weißes Zeichenpapier, ein weiteres Blatt mit vier aufgedruckten quadratischen Feldern, ein Bleistift der Stärke „B“, ein Radiergummi und ein Anspitzer liegen. Ich setze mich an den Tisch außen rechts und beobachte, wie die drei weiteren Teilnehmer eintrudeln. „Wir legen gleich mit der ersten Übung los. Zeichnet ins Feld oben links eine Figur in einer Wüste“, fordert uns Ulrich Mathias Gerr auf. Er leitet den Workshop zusammen mit Fiebach und arbeitet für die beiden Ausrichter der Veranstaltung, den Verein „Regionale Arbeitsgemeinschaft Bildung und Lernen Oldenburg“ und den Allgemeinen Studierenden-Ausschuss. „Ihr habt für die Aufgabe eine Minute Zeit“, sagt er noch.

„Okay, was ist typisch für eine Wüste?“, hämmert es in meinem Kopf. Dann habe ich eine Idee, drücke den Bleistift viel zu fest aufs Papier und skizziere seicht ansteigende Hügel, einen Horizont, eine Sonne und eine männliche Person. „Könnte auch eine Person in den Bergen sein“, kommentiere ich innerlich. Wie ich später sehe, waren die anderen einfallsreicher: Sie haben ein Kamel in ihre Wüstenszenerie eingefügt. „Nun entdeckt eure Person ein Fahrzeug. Zeichnet die Szene ins obere rechte Feld. Ihr habt eine Minute!“, weist uns Fiebach an. Mir fällt als erstes ein Fahrrad ein. Ich setze den Bleistift wieder an und skizziere zwei Reifen, die mir nicht ganz rund gelingen, einige Speichen und einen Rahmen. „Sieht eher aus wie ein altes Mofa aus den 60er-Jahren“, urteile ich beim Blick auf mein Werk.

Welchen Pinsel nehm ich nur? Unser Autor Klaus Eilers zeigt ein von ihm gezeichnetes Comic.

„Jetzt soll eure Figur im Feld unten links mit dem Fahrzeug interagieren“, gibt Fiebach vor. Also lasse ich sie in die Pedale treten. „Sieht schauderhaft aus – wie von einem Fünfjährigen gezeichnet“, meldet sich mein innerer Kritiker. Egal. „Im letzten Feld geht etwas schief“, lautet die letzte Vorgabe. Also lasse ich meine Figur in den Sand stürzen – und skizziere ein auf dem Boden liegendes Rad und einen Fahrer. „Ich habe meinen ersten Comic gezeichnet“, freue ich mich innerlich.

„Comics sind die Hälfte meines Lebens“

„Meinen eigenen Stil würde ich am ehesten als roh bezeichnen, vielleicht auch als einfach“, antwortet Fiebach auf meine Frage. Dabei kann er auch ganz anders, nämlich ganz gegenständlich und filigran, wie er mir anhand einiger seiner Bilder auf dem Handy zeigt. „In meiner Jugend habe ich schon gerne gezeichnet, aber mit den Comics ging es erst mit 19 oder 20 Jahren los.“

Der heute 36-Jährige, der in Oldenburg geboren wurde, studierte zunächst Kunstgeschichte in Berlin. Danach zog es ihn an die „Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg“ (HAW Hamburg), wo er Illustration studierte. Fiebach ist immer noch dort eingeschrieben und arbeitet zudem als Assistent in der Siebdruckwerkstatt der HAW Hamburg. „Wenn ich an einem Projekt sitze oder ein Abgabetermin bevorsteht, dann geht meine komplette Zeit fürs Zeichnen drauf. Insgesamt würde ich schon sagen, dass Comics die Hälfte meines Lebens sind“, überlegt der 36-Jährige.

Zurück zum Workshop: Übung folgt auf Übung, unterbrochen durch etwas Theorie. Wir lernen zum Beispiel, dass die Felder in einem Comic – also die Einzelbilder – „Panels“ heißen, dass es sich bei einer „Caption“ um eine Kurzinformation aus der Erzählerperspektive – zum Beispiel: „Kurze Zeit später“ – handelt und dass der Begriff für eine Sprechblase „Speech Balloon“ ist.

Vier Felder, vier Aufgaben: Im Workshop geht es um Schnelligkeit und kreative Ideen.

Die vierte Übung hat es in sich: „Bisher war es ja so, dass im Comic zwischen einem Panel und dem nächsten wenig Zeit vergeht – das ist jetzt anders. Nun lautet die Aufgabe, einen Film eurer Wahl in acht Panels nachzuerzählen. Ihr habt 45 Minuten Zeit“, gibt Fiebach vor. Ich bin zunächst ratlos, denn mir will partout nichts einfallen. Geschlagene zehn Minuten rätsele ich vor mich hin. Dann, ganz plötzlich, denke ich: „Der weiße Hai“. Ich kann mich nicht mehr so recht an die Handlung erinnern und recherchiere mit Hilfe meines Handys. Stück für Stück kehrt die Erinnerung zurück: Richtig, der Ort heißt Amity und der Name des Polizeichefs ist Brody. Ich beginne die Szene mit einem Panel am Strand. Das nächste zeigt eine Haiflosse im Meer und zwei Leichen am Strand, gefolgt von einem Bild, in dem eine Figur beim Blick auf die Toten sagt: „Kein Zweifel, das war ein Hai!“.

Panel für Panel entsteht und als Fiebach auf mein Werk blickt und es mit den Worten kommentiert: „Da weiß man sofort, wo man ist – funktioniert super“, bin ich trotz meines zeichnerischen Unvermögens stolz wie Oskar. Irgendwas in mir macht „Klick“ und sagt mir, dass Comic eben mehr ist als nur Zeichnen. Der 36-Jährige hat noch einige Tipps für mich. Zum Beispiel weist er mich darauf hin, dass Leser den oberen „Speech Balloon“ – also die Sprechblase – in der Regel vor dem unteren lesen. Also empfiehlt er mir, die Texte zu tauschen.

„Vom Comiczeichnen allein kann ich nicht leben“, erzählt Fiebach später. „Das können in Deutschland nur etwa fünf Zeichner.“ Und wie kommt er auf Ideen für eine Geschichte? „Ich versuche, das Thema aus dem eigenen Gefühl hervorzuholen. Die Idee ist da, weil das Sachen sind, mit denen ich mich eh beschäftige, und ich emotional dabei bin. Und noch was: Mir ist aufgefallen, dass Zeichner beim Führen des Bleistifts die Mimik ihrer Figur übernehmen.“

Tinte macht die Skizze zur Reinzeichnung

Am Ende sollen wir uns eine Handlung für einen Comic ausdenken. Ich erfinde einen Maler, der sich nicht entscheiden kann, in welcher Farbe er eine Hauswand streicht. Von Rot wechselt er über Blau zu Lila, um schließlich bei Grün zu landen. Im letzten Panel will er schließlich loslegen, als ihm plötzlich einfällt: „Mit welchem der vielen Pinsel soll ich denn die Wand tünchen?“

Zuletzt bringe ich die Bleistiftzeichnung zum Leuchttisch, lege ein weißes Blatt darauf und ziehe die durchscheinenden Bleistiftstriche mit einer schwarzen Tintenfeder nach, sodass eine Reinzeichnung entsteht. Das sieht doch schon sehr nach einem Comic aus.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

Die heilende Kraft der Aloe vera

Die heilende Kraft der Aloe vera

Stadt der Gegensätze - In Mumbai ist das kein Klischee

Stadt der Gegensätze - In Mumbai ist das kein Klischee

Mit «Weltklasse-Torhüter»: Bayern macht Achtelfinale klar

Mit «Weltklasse-Torhüter»: Bayern macht Achtelfinale klar

Meistgelesene Artikel

Kommentare