Motiv: Langeweile und Geltungssucht

Vorwürfe „treffen weitgehend zu“: Ex-Pfleger Niels H. gesteht seine Taten

+
Der wegen vielfachen Mordes Angeklagte Niels H. kommt in den Gerichtssaal.

Oldenburg - Es ist eine unfassbare Mordserie: Mehr als 100 Patienten soll ein Krankenpfleger getötet haben. Jetzt steht er erneut vor Gericht. Und er könnte noch mehr Menschen auf dem Gewissen haben.

Update: 12.20 Uhr

Niels H. hat am ersten Prozesstag die ihm zu Last gelegten Vorwürfe weitgehend gestanden. Die allgemein gestellte Frage von Richter Sebastian Bührmann, ob die 100 Vorwürfe vom Missbrauch an Patienten bis zur Todesfolge größtenteils zuträfen, beantwortete H. am Dienstag mit „Ja“.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 41-Jährigen vor dem Landgericht Oldenburg vor, von 2000 bis 2005 immer wieder Patienten an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst zu Tode gespritzt zu haben. Wegen sechs Taten sitzt er bereits lebenslang in Haft.

Er habe aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch gehandelt, sagte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann in der Anklageverlesung. H. soll Patienten nicht verordnete Medikamente gespritzt haben, die tödliche Komplikationen verursachten. Anschließend versuchte er, seine Opfer wiederzubeleben - was in vielen Fällen misslang. Das Motiv: Langeweile und Geltungssucht vor den Kollegen.

Update, 12 Uhr:

Niels H. will in dem gegen ihn eröffneten Prozess aussagen. Dies sicherte der 41-Jährige dem Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann am Dienstag nach der Prozesseröffnung vor dem Landgericht Oldenburg zu. Der bereits unter anderem wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilte H. antwortete zunächst auf Fragen zu seiner Erziehung und der Berufswahl. Er sei in Wilhelmshaven geboren und „behütet und beschützt“ und ohne Gewalt aufgewachsen. Als Vorbilder auch für seinen Berufswunsch Krankenpfleger nannte er seine Großmutter und seinen Vater, die beide den Beruf ausübten.

Update, 10.10 Uhr: Mit einer Schweigeminute für die Opfer hat am Dienstag der Prozess wegen Mordes an 100 Patienten gegen den Ex-Pfleger Niels H. in Oldenburg begonnen.

Es könnte die größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte sein: Jahrelang soll der Krankenpfleger Niels H. Patienten an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst getötet haben. 

Wegen sechs Taten sitzt er bereits lebenslang in Haft, an diesem Dienstag beginnt ein neuer Prozess gegen ihn. Der Vorwurf: 100-facher Mord. Wahllos soll sich H. seine Opfer ausgesucht haben. Das jüngste war 34, das älteste 96 Jahre alt. Zwischen Februar 2000 und Juni 2005 soll H. immer wieder Patienten Medikamente gespritzt haben, die zu Herzversagen führten oder andere Komplikationen auslösten. Danach versuchte er, seine Opfer wiederzubeleben. 

Um vor Kollegen zu glänzen

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft tat er das aus Langeweile und um vor Kollegen mit seinen Reanimationskünsten zu glänzen. Eine Krankenschwester hatte H. im Sommer 2005 auf frischer Tat am Klinikum Delmenhorst bei Bremen ertappt. Doch bis das gesamte Ausmaß der Mordserie ans Licht kam, vergingen Jahre. 

Mehr als 130 Leichen ließen die Ermittler auf Friedhöfen ausgraben und diese auf Rückstände von Medikamenten untersuchen. Mehrmals befragten sie den Ex-Pfleger im Gefängnis. Dieser habe die Taten gestanden, soweit er sich an sie erinnern könne, sagte Oberstaatsanwalt Martin Koziolek. 

Rund 120 Nebenkläger vor Gericht

Rund 120 Nebenkläger wollen in dem Prozess erfahren, wie und warum ihre Verwandten sterben mussten. „Sie wollen dem Angeklagten in die Augen schauen“, sagte Nebenklage-Anwältin Gaby Lübben. Das Landgericht Oldenburg erwartet zahlreiche Zuschauer und Journalisten zum Prozessauftakt.

„Die Stimmung ist sehr emotional: Wut, Trauer, sehr viel Anspannung, auf der anderen Seite Erleichterung, dass es endlich losgeht“, erklärte Nebenklage-Sprecher Christian Marbach zum Prozessauftakt.

Der Anklagebank mit dem Sitzplatz des Angeklagten Nils H. steht im zum Gerichtssaal umfunktionierten Festsaal der Weser-Ems-Hallen. Am 30. Oktober beginnt am Landgericht Oldenburg der Prozess gegen Niels H.

Wegen des großen Andrangs hat die Kammer die Verhandlung in die Weser-Ems-Hallen verlegt. Wie viele Menschen der Beschuldigte auf dem Gewissen hat, wird auch der neue Prozess nicht mit Sicherheit klären können. Die Polizei hatte wegen mehr als 200 Verdachtsfällen ermittelt. 

Doch viele Patienten, die an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst starben, wurden eingeäschert; ihre Leiche konnten nicht mehr untersucht werden. In zwei Fällen stehen außerdem Exhumierungen in der Türkei noch aus. Ob und wann die türkischen Behörden diese vornehmen, ist offen. 

Vorwürfe gegen Bundesregierung

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, forderte die Bundesregierung auf, aus dem Fall klare Konsequenzen zu ziehen. „Trotz der größten Mordserie der Nachkriegsgeschichte bleiben Bund und Länder weitestgehend tatenlos. Es fehlen bundesweite Anstrengungen, um solche Einzeltäter rechtzeitig zu stoppen. Das ist unerträglich“, sagte Brysch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Dienstag).

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Schützenhilfe von Barca: BVB zittert sich ins Achtelfinale

Schützenhilfe von Barca: BVB zittert sich ins Achtelfinale

Leipzig als Gruppensieger ins Achtelfinale

Leipzig als Gruppensieger ins Achtelfinale

Deutschland etwas besser, aber "mäßig" im Klima-Ranking

Deutschland etwas besser, aber "mäßig" im Klima-Ranking

Fotostrecke: Krise mal Krise sein lassen - Werder feiert Weihnachten

Fotostrecke: Krise mal Krise sein lassen - Werder feiert Weihnachten

Meistgelesene Artikel

Aldi-Neubau mit Feuerwehrsirene auf dem Dach

Aldi-Neubau mit Feuerwehrsirene auf dem Dach

LzO übergibt 10 000 Euro an Vereine

LzO übergibt 10 000 Euro an Vereine

Bauschutt unter dem Parkplatz

Bauschutt unter dem Parkplatz

„Einbruch“ ins Feuerwehrhaus

„Einbruch“ ins Feuerwehrhaus

Kommentare