Claas Hüer und die Oldenburgische Aids-Hilfe kämpfen gegen Krankheit – und die Schranken im Kopf

Professioneller Tabubruch

Mahnmal gegen das Tabu: Die Oldenburgische Aids-Hilfe rollte auf dem Markt eine rote Aids-Schleife aus. Archivfoto: privat

Oldenburg - OLDENBURG (dn) · Als erstes hat Claas Hüer eine gute Nachricht zu verkünden. „HIV positiv zu sein“, sagt der Sozialarbeiter der Oldenburgischen Aids-Hilfe, „ist heutzutage kein Todesurteil mehr. Glücklicherweise.“ Der rasanten medizinischen Entwicklung ist es zu verdanken, dass Aids definitionsgemäß keine „tödliche“ Krankheit mehr ist, sondern nur noch eine „chronische“. Soweit die Theorie. Der Kampf gegen die Tabuisierung hat jedoch gerade erst begonnen.

„In Deutschland gibt es 70 000 Infizierte, die Dunkelziffer liegt etwa bei 100 000. Aber wer krank ist, ist ausgegrenzter denn je“, erzählt Hüer, der mit seiner Organisation praktisch professionellen Tabubruch betreibt. In der vergangenen Woche war er mit der Aids-Hilfe in Oldenburg präsent, erst beim Drogentotengedenktag auf dem Bahnhofsvorplatz und später bei der Nacht der Solidarität auf dem Markt. Immer wieder zeigt sich: Der größte Gegner sind die Schranken im Kopf. „Über Aids redet man nicht, das Thema wird einfach totgeschwiegen“, klagt Hüer, „gerade von den Gefahren für Drogenabhängige will niemand etwas wissen.“ Denn dort trifft ein Tabuthema das nächste.

„Wir machen Primärprävention“, sagt Hüer und erklärt, was das bedeutet: „Wie auf dem Drogentotengedenktag verteilen wir Spritzen und setzen uns für die bessere Verfügbarkeit von Ersatzdrogen ein, um die Ansteckungsgefahr zu vermindern.“ Denn: „Den Kampf gegen die Krankheit gewinnt man vor der Ansteckung.“ Danach könne man mit lebenslangem Einnehmen von Tabletten zwar unter Umständen eine normale Lebenserwartung erreichen, allerdings: „Nicht bei allen funktioniert das gleich. Ein infizierter Anwalt wird zum Beispiel eher seine Tabletten nehmen können als ein Drogenabhängiger, der massenhaft andere Sorgen hat.“

Um die Menschen über die weltweite Verbreitung des HI-Virus‘ aufmerksam zu machen und zu informieren, hat die Aidshilfe bei der Nacht der Solidarität eine riesige rote Schleife ausgerollt und auf einem Infostand Auskunft gegeben. Neben dem altbekannten Problemgebiet Afrika ist vor allem Osteuropa massiv gefährdet. Die Beispiele, die Hüer nennt, sind schockierend: „Die ukrainische Stadt Odessa am Schwarzen Meer hat rund eine Million Einwohner, 100 000 davon sind HIV-positiv.“ Prävention: Fehlanzeige. Behandlungsmöglichkeiten: kaum zugänglich. „Meistens trifft es doch gerade dort die sozial Schwachen, und die haben keine Chance, sich professionell behandeln zu lassen.“

Ganz so dramatisch ist die Situation in Norddeutschland freilich nicht, doch Hüer warnt davor, „die Probleme vor der eigenen Haustür zu vergessen: Hier ist genug zu tun.“ Allein in Oldenburg gibt es offiziell 300 Betroffene, auch hier liegt die Dunkelziffer wohl deutlich darüber. Die Oldenburgische Aids-Hilfe kümmert sich momentan um 156 Infizierte aus ganz Norddeutschland. Doch Claas Hüer macht sich nichts vor: Es ist ein zäher Kampf für ihn und seine Mitstreiter, bei dem man manchmal zu ungewöhnlichen Mitteln greifen muss. „Bei der Nacht der Solidarität haben wir 1 000 ,Fahrrad-Kondome‘ verteilt, das sind Überzieher für den Sattel“, erzählt er, „um symbolisch für Prävention zu werben.“ Derlei Aktionen zeigen Wirkung. Bis 2007 erreichte die Anzahl der neuen HIV-Erkrankungen jährlich neue erschreckende Höhen, seitdem konnte der Anstieg gestoppt werden. Eine Tendenz, die Mut macht.

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