Wenn die Polizei Hilfe braucht

Ein Helfer für Helfer in der Not: Axel Kullik ist Polizei-Seelsorger

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Axel Kullik ist Seelsorger und für den Bereich der Polizeidirektion Oldenburg zuständig.

Axel Kullik ist Seelsorger bei der Polizeidirektion und -akademie in Oldenburg. Er kommt zum Einsatz, wenn die Beamten einmal selbst Rat und psychologische Unterstützung benötigen.

Oldenburg – Auf Axel Kulliks Bürotisch steht ein kleines grünes Schiff mit weißen Segeln. Es erinnert ihn daran, auch einmal innezuhalten und sich zu fragen: Wie geht es mir eigentlich gerade? Manchmal kommt es dann vor, dass Kullik bei der Arbeit anruft und sagt: „Tut mir leid, ich muss heute absagen. Es gibt einen Notfall. Und der bin ich.“ Das sei ein Zeichen von Professionalität, so der 56-Jährige.

Axel Kullik hat keinen einfachen Beruf. Rund 5000 Angestellte kommen auf ihn zu, wenn sie Rat, Hilfe oder psychologische Unterstützung benötigen. Es sind die Menschen, die eigentlich selbst für Sicherheit und Ordnung sorgen sollen. Kullik ist evangelischer Pastor und Polizeiseelsorger in Oldenburg. Sein Dienstbereich erstreckt sich über das gesamte Gebiet der Polizeidirektion Oldenburg und die Region Ostfriesland. Also auch über den Landkreis Diepholz. Anders als Notfallseelsorger und Kriseninterventionsteams ist Kullik damit nicht für die Betreuung der Opfer von Gewaltverbrechen oder Ähnlichem zuständig, sondern für die Leute, die auf der anderen Seite des Geschehens stehen: die Polizisten. Auch sie benötigen manchmal Rat und Hilfe.

Ein kleines Büro - autark und unscheinbar

Das Büro des Pastors auf dem Gelände der Polizeidirektion Oldenburg ist unscheinbar. Beinahe dazwischengequetscht wirkt es im schmalen Eingangsbereich der Kantine. Viele würden sich darüber beschweren. Kullik findet es gut. Es mache deutlich, dass er zu keiner der zahlreichen Abteilungen der Polizei gehöre, sondern komplett autark sei. Er ist zu 50 Prozent über die Konföderation der evangelischen Kirchen in Niedersachsen und zu 50 Prozent über die evangelische Kirche in Oldenburg angestellt – also nicht bei der Polizei.

Im Gegensatz zu den Mitarbeitern der regionalen Beratungsstelle der Polizei, die eine ähnliche Aufgabe wie er hat, bietet er einige Vorteile für die Beamten: Er hat eine Schweigepflicht, ist nicht an einen bestimmten Dienstweg oder eine Hierarchie gebunden, hat keinen Strafverfolgungszwang und hat ein Zeugnisverweigerungsrecht.

Niemand wird je verpfiffen 

Während Kullik diese Punkte aufzählt, wirkt er konzentriert. Der freundliche Pastor mit dem dunkelblauen Pullover strukturiert seine Sätze, bevor er sie sagt. Und dennoch redet er munter und ohne zu zögern wie ein Wasserfall. Ein Wasserfall, der zuhört und auch mal schweigt, wenn es sein muss.

Das ist ihm wichtig. „Jeder kann zu mir kommen, ohne Angst zu haben, verpfiffen zu werden“, sagt er. Nicht nur viele Studenten, die bei der Polizeidirektion Oldenburg an der dortigen Akademie ausgebildet werden, kommen zu ihm – auch gestandene Beamte und manchmal sogar Führungspersonen. Diese wollen oft einfach nur reden und Dinge loswerden. „Keiner will dann irgendeinen Pfaffen mit Banalitäten über Gott hören“, so Kullik. Und viele wollen am nächsten Tag auch bloß nicht darauf angesprochen werden.

Was kompliziert und anstrengend klingt, bereitet Kullik viel Freude. Er höre oft „gut, dass du da bist“ und meint damit weniger sich selbst, als vielmehr seine Institution als Seelsorger. Es herrscht ein „ganz tolles Netzwerk hier“, erzählt er und seine Augen strahlen Freude und Zufriedenheit aus.

Kontakt zu „Querschnitt durch die Gesellschaft“

Und das ist wichtig, denn laut Kullik sind die rund 1400 Polizeianwärter aus ganz Norddeutschland (Tendenz steigend) an der Akademie in Oldenburg ein „Querschnitt durch die Gesellschaft“. So gibt es auch dort Mobbing, Depressionen und schlimme Schicksalsschläge. Letztens etwa seien innerhalb von einer Woche zwei Studenten bei Autounfällen ums Leben gekommen. Kullik war da, brachte den Kommilitonen die schwere Nachricht bei. Es gab Kondolenzbücher, Rückzugsorte und Gesprächsangebote.

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Während der Pastor erzählt, merkt man schnell, dass er die Seelsorge für die Beamten sehr schätzt und stolz auf das Angebot ist. Auch, wenn es viel Arbeit für ihn bedeutet. Als er über das Gelände führt und seinen Arbeitsplatz vorstellt, humpelt er manchmal ein wenig. Sein Rücken schmerzt, da er seit Wochen viel sitzt und arbeitet. Und psychisch? Nimmt er die Probleme der anderen auch manchmal mit nach Hause? Nein. Er habe keine Angst, fühle sich nicht schuldig und habe „eine gesunde Distanz“ zu den Geschichten der ihm Anvertrauten.

Seit 2011 Seelsorger bei der Polizei

Manchmal braucht er aber doch einen Tag für sich. Dann fährt er den weiten Weg nach Hause ins Wangerland an die Küste. Da braucht er dann Zeit für sich, geht spazieren, schaut noch einmal in der Gemeinde Schortens vorbei, wo er, bevor er 2011 zur Polizei kam, 18 Jahre lang Gemeindepfarrer war. Und manchmal geht er auch zu seiner Jolle. Schon als Kind wollte er Seefahrer werden.

Dass es jetzt anders gekommen ist, scheint ihn nicht zu stören. Spricht er von seinem Beruf, nennt er diesen ein Privileg. Von dem Traum des Seefahrers ist neben seiner Jolle nur das kleine grüne Schiff mit den weißen Segeln in seinem Büro geblieben. Es erinnert ihn daran, dass es auch noch einen Axel Kullik abseits der Seelsorge gibt.

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