150 Sorten weltweit

Dr. Grünkohl in spe: Doktorand schreibt über „Oldenburger Palme“

Der „Master of Grünkohl“ in seinem Element: Christoph Hahn steht in seinem Grünkohlfeld..
+
Der „Master of Grünkohl“ in seinem Element: Christoph Hahn beschäftigt sich seit Jahren mit der Pflanze.

Die Tage werden kürzer, es wird kälter und somit ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es nachts wieder regelmäßig friert. Es dauert also nicht mehr lange, bis Menschen mit Bollerwagen durch den Landkreis ziehen, denn der erste Grünkohl kann geerntet werden. „Das ist leider so nicht ganz richtig“, erklärt der Doktorand der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg, Christoph Hahn. In einem Gespräch mit unserer Zeitung erzählt der Wissenschaftler, dass Grünkohl schon vor dem Frost geerntet werden kann, vielfältiger ist, als viele Menschen glauben und von seinen Plänen, die beste Grünkohlsorte zu züchten.

Landkreis –Seit einigen Jahren beschäftigt er sich im wissenschaftlichen Kontext an der Uni Oldenburg mit dem grünen Gewächs. Während es in seiner Bachelorarbeit um den Vergleich von Grünkohl-Saatgut alter sowie kommerzieller Sorten ging, analysierte er in seiner Masterarbeit die verschiedenen Arten nach ihren Inhaltsstoffen. „Es kamen immer mehr verschiedene Aspekte im Laufe meiner Studentenzeit hinzu. Und dann hatte ich das große Glück, in Oldenburg meine Doktorarbeit über den Grünkohl schreiben zu dürfen.“

150 verschiedene Grünkohlsorten

Besonders interessiert ihn die Vielfalt der Pflanze. „Es gibt etwa 150 verschiedene Grünkohlsorten weltweit“, so Hahn. „Einige sind sehr klein, andere mannshoch. Es gibt Sorten, die rot gefärbt sind. Manche sind miteinander verwandt, andere nicht. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist das unheimlich interessant.“ In seiner Arbeit versucht er unter anderem, diese Unterschiede zu vergleichen und zu gruppieren. „Grünkohl ist nicht gleich Grünkohl. Die amerikanischen Sorten unterscheiden sich beispielsweise grundsätzlich von denen aus der Toskana“, beschreibt Hahn.

Verschiedene Sorten sind auf dem Forschungsfeld an der Uni zu finden.

Geschichtlich gesehen sei der Kohl an der Mittelmeer- sowie Atlantikküste am weitesten verbreitet gewesen. Woher der Grünkohl aber genau stammt, sei nicht überliefert. „Zuerst angebaut haben die Pflanze jedoch die alten Römer“, erklärt Hahn. Warum ist dann gerade Norddeutschland ein gutes Anbaugebiet? „Das liegt am Küstenklima. Historisch gesehen hat sich der Kohl an der Nordseeküste besonders wohlgefühlt, da die Winter milder und nasser sind als im Süden.“ Zudem sei es möglich, dass zu dieser Zeit Sorten angebaut wurden, die weniger grün gewesen sind als die heutigen. „Die Pflanze verliert beim Kochen zwar immer etwas Farbe, aber ich vermute, wegen der alten rötlich-braunen Sorten, die verwendet wurden, heißt es in manchen Regionen noch immer Braun- und nicht Grünkohl.“

Ernte schon vor dem ersten Frost möglich

Des Weiteren untersucht der 33-Jährige in seiner Forschung die Inhaltsstoffe verschiedener Grünkohlsorten bei unterschiedlichen Temperaturen. „Ich habe mir die Frage gestellt, was passiert bei kalten und was bei warmem Wetter mit der Zusammensetzung des Grünkohls?“ Insbesondere interessiere ihn dabei der Zuckergehalt der Pflanze bei kaltem Wetter. „Die Tradition besagt, dass der Grünkohl nicht vor dem ersten Frost geerntet werden darf“, erklärt der gebürtige Oldenburger.

Die Pflanze reagiere auf die eisigen Temperaturen. Sie produziere Zucker, die in den Zellmembranen eingelagert werde. So schütze sie ihren Photosyntheseapparat im Winter. „Nur ist dies beim Grünkohl bislang kaum wissenschaftlich untersucht worden. Wir konnten nun zeigen, wie sich der Gehalt verschiedener Zuckerarten in der Pflanze verändert. Die Pflanze beginnt mit dem Schutzprozess wesentlich früher. Sie reagiert schon ab Temperaturen unter zehn Grad. Also muss mit der Ernte nicht bis zu ersten Frost gewartet werden“, erläutert Hahn.

Sein Ziel: eine eigene Sorte zu züchten

„Neben der Forschung versuchen wir im Arbeitsteam unsere eigene Sorte zu züchten. Eine echte Oldenburger Palme“, so der 33-Jährige weiter. Ebenso wie der Braunkohl sei die im Sprachgebrauch bekannte „Oldenburger Palme“ keine eigene Kohlsorte, stellt der Wissenschaftler klar. Das wolle er ändern. Vor ein paar Jahren habe er auf dem Oldenburger Grünkohltag sein Vorhaben vorgestellt und die Menschen gefragt, wie sie sich diese Sorte vorstellen. „Dabei ist herausgekommen, dass der Oldenburger seinen Grünkohl klassisch mag. Er muss grün sein und seine Blätter an den Rändern kraus.“

In Fläschchen wird der Saft unterschiedlicher Sorten aufbewahrt.

Dies sei in seine Zuchtversuche auf dem Gelände des Botanischen Gartens an der Uni Oldenburg mit eingeflossen, sein Ziel sei aber eigentlich, möglichst viele gute Eigenschaften verschiedener Sorten zu vereinen. „Die Oldenburger Palme sollte viele gute Inhaltsstoffe haben und gesund sein. Zudem soll sie leicht anzubauen und beständig sein, damit sie jeder im heimischen Garten anpflanzen kann.“ Bis die Sorte allerdings fertig gezüchtet ist, vergehen noch einige Jahre, so Hahn. So müssen immer wieder einzelne Pflanzen mit den gewünschten Merkmalen selektiert und weiter vermehrt werden, bis sie eine „stabile Sorte darstellen“.

Die schmackhafteste Grünkohlart kann der Doktorand nicht benennen. „Vielleicht wird unsere Oldenburger Palme die Leckerste sein. Aber darüber lässt sich streiten. Es gibt einfach sehr viele Varianten. Ich finde besonders die nussigen Sorten interessant.“ Am liebsten verwende er Grünkohl für einen selbst gemachten Salat. „Dafür nehme ich eine italienische Sorte. Die ist milder und weniger bitter. Sie kann auch roh, direkt von der Pflanze gegessen werden. Das geht im Übrigen bei allen anderen Grünkohlsorten auch.“

Weitere Informationen zur Grünkohlforschung und zum botanischen Garten der Universität Oldenburg stellt Hahn am kommenden Sonntag von 12 bis 18 Uhr auf dem Rathausmarkt in Oldenburg im Rahmen der Grünkohl-Saisoneröffnung „Hallo Grünkohl!“ der Stadt vor.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

Test-Kapazitäten in Wildeshausen hoffnungslos überfordert

Test-Kapazitäten in Wildeshausen hoffnungslos überfordert

Test-Kapazitäten in Wildeshausen hoffnungslos überfordert
Harpstedter Eisdiele mutiert zu Schnellteststation

Harpstedter Eisdiele mutiert zu Schnellteststation

Harpstedter Eisdiele mutiert zu Schnellteststation
Illegales Corona-Testzentum in Wildeshausen geschlossen

Illegales Corona-Testzentum in Wildeshausen geschlossen

Illegales Corona-Testzentum in Wildeshausen geschlossen
Querdenker-Demo in Wildeshausen

Querdenker-Demo in Wildeshausen

Querdenker-Demo in Wildeshausen

Kommentare