Vortrag bei der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft

Milliardenverluste durch Veganer?

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Friedrich-Otto Ripke (Niedersächsische Geflügelwirtschaft, l.) hatte Kirsten Kemmerling (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, M.) sowie Professor Michael Schmitz nach Visbek eingeladen. 

Mit Falschaussagen wird Stimmung gegen Nutztierproduzenten gemacht, schreibt Professor Michael Schmitz in der Einleitung zu seiner Studie. Darin legt er dar, dass der Verzicht auf Fleisch Deutschland Milliarden kosten würde. Die Niedersächsische Geflügelwirtschaft hat ihn zu einem Vortrag eingeladen.

Visbek – „Alles, was wir hier für das Tierwohl leisten, hat Folgen.“ Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, gab am Mittwoch mit dieser Feststellung seinen Gästen das Stichwort. Zur Mitgliederversammlung in Visbek hatte der Verband Kirsten Kemmerling von der Stabsstelle Nutztierhaltung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sowie Agrarökonom Michael Schmitz eingeladen.

Der Volkswirtschaftler im Ruhestand griff den Ball in seinem Vortrag „Warum überhöhte Produktionsstandards und Fleischverzicht in Deutschland nicht nachhaltig sind“ als erster auf. Er erläuterte, dass aus seiner Sicht die Folgen höherer Standards bei der Fleischproduktion steigende Verbraucherkosten und massive Gewinnausfälle wären. In einer Studie, die er im Auftrag der verbandsnahen Alhard-von-Burgsdorff-Stiftung erstellt hat, will er zudem nachgewiesen haben, dass auch Fleischverzicht zu einem milliardenschweren wirtschaftlichen Schaden Deutschlands führen würde.

Rund 80 Mitglieder hörten sich die Thesen Schmitz’ im Gasthaus Hogeback an. Der Professor im Ruhestand leitete seine Erläuterungen mit einer Skizze von Gegensätzen ein. Stigmatisierte Landwirte stünden auf der einen, radikalökologische junge Menschen auf der anderen Seite. Studierende erlebe er als naive und durch Falschmeldungen irregeleitete Grüne, auch seine ehemaligen Uni-Kollegen seien „nicht mehr nutztierfreundlich“, kritisierte Schmitz. Politische Entscheidungen seien auf die Vermeidung von CO2-Emissionen fokussiert und bedächten die wirtschaftlichen Folgen nicht ausreichend.

Beim Thema Nachhaltigkeit steht für Schmitz die ökonomische, nicht die ökologische Seite im Vordergrund. „Ohne eine wirtschaftlich gesunde Situation können wir uns das alles (Umweltfreundlichkeit, Anm. d. Red.) nicht leisten“, sagte er. Dabei stehe Deutschland aktuell im globalen Vergleich gut da. Beim Weltagrarhandel behauptet die Bundesrepublik Platz drei unter den Ex- und Importeuren. Und innerhalb der EU wächst der deutsche Anteil an der Tierproduktion sogar.

Trotzdem sieht Schmitz die Lage pessimistisch. Deutschland dürfe sich nicht durch weiter steigende qualitative Anforderungen bei der Tierproduktion ins ökonomische Aus katapultieren. „Bei überhöhten Standards steigen die Preise“, argumentierte Schmitz. Die Folge: eine fallende Exportquote.

Im Modell hat er mit Kollegen zwei Szenarien durchgerechnet. Erstens: Die Bundesbürger verzichten auf tierische Produkte, komplett oder zumindest teilweise. Würden die Deutschen ihren Fleischverbrauch um die Hälfte reduzieren, so Schmitz, entstünde ein Verlust von umgerechnet gut 7,8 Milliarden Euro. Entsagten sie allen tierischen Produkten, betrüge das Minus 17,1 Milliarden Euro. Diese Zahlen basieren auf der Annahme, dass Deutschland im Alleingang handelt. Weltweit hätte diese Maßnahme allerdings sinkende Fleisch- und Getreidepreise zur Folge.

Zweites Szenario: Deutschland produziert weniger Fleisch. Das sei auch ein ökologisches Problem, erläutert Schmitz, denn im Ausland seien die Emissionen bei der Produktion häufig höher als hierzulande. Allerdings wäre der wirtschaftliche Schaden in diesem Fall vergleichsweise gering: Eine um die Hälfte verringerte Fleischproduktion würde laut seinem Modell einen ökonomischen Verlust von rund 892 Millionen Euro im Jahr bedeuten. Gewinner wären die EU-Nachbarländer. Außerdem würde der Weltmarktpreis von Fleisch drastisch steigen, der für Getreide jedoch leicht sinken.

Gibt es keinen anderen Ausweg, als die Vorreiterrolle der Bundesrepublik bei der Nutztierproduktion zu behaupten? „Es gibt keine klare nachhaltige Strategie“, kritisierte Schmitz.

Nachfragen gab es kaum, auch wenn Schmitz bei einigen Punkte eine Erläuterung schuldig blieb. Würde das Geld, das Deutsche durch den Fleischverzicht einsparen, automatisch in umweltschädlichen Konsum wie Reisen, Autos oder ähnliches investiert? Eine unhinterfragte Annahme. Und selbst wenn – wie Schmitz aus einer Studie zitiert – zwei Drittel des Tierfutters weltweit für Menschen nicht genießbar ist: Ist das ein Argument dafür, die Tierproduktion in Europa hoch zu halten? Schließlich ist Grasland, auf das sich dieser Befund bezieht, hierzulande als Tierfutter weniger üblich. Im Publikum fand der Vortrag Anklang: „Wir haben ein sehr großes Interesse an solchen Zahlen“, sagte ein Zuhörer.

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