Serie: Kinder, Karriere, Kommunalpolitik

„Mehr Frauen? Eine Existenzfrage für die CDU“

Eine Frau steht vor mehreren Fotos von deutschen Bundeskanzlern.
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Ahnenreihe: Dass endlich mal eine Frau Kanzlerin ist, sei zwar gut, löse aber nicht das Frauenproblem der CDU, findet Marlies Hukelmann.

26,5 von 100 Mandaten in der Kommunalpolitik in Niedersachsen sind von einer Frau besetzt. In den Gemeinderäten sowie dem Kreistag des Landkreises Oldenburg sind es nur wenig mehr: 28,1 Prozent. Warum ist das so? In dieser Serie sprechen fünf Kommunalpolitikerinnen über ihre Erfahrungen – mit Gremien und Parteien, der eigenen Familie sowie gesellschaftlichen Hürden. Teil 3: Marlies Hukelmann, stellvertretende Landrätin in Cloppenburg und Vorsitzende der Landesfrauenunion.

Vor 30 Jahren entschied sich Marlies Hukelmann, Vorsitzende der Landesfrauenunion, für die Kommunalpolitik. Für sie ist klar: Wenn eine Frau wirklich aktiv werden will, dann findet sie Lösungen für Hindernisse. Sie meint aber auch, dass die CDU vielleicht noch nicht reif für die 50-Prozent-Frauenquote ist, die nun zur Debatte steht. Ein Gespräch über Kommunalpolitik, Kinder und die CDU.

Was sollte eine Frau mitbringen, die sich für ein Mandat in der Kommunalpolitik interessiert?

Zuhören zu können, ist eine ganz wichtige Geschichte. Die Interessierte sollte auch wissen, dass es bestimmte Rahmenbedingungen und Strukturen gibt. Das ist was anderes als eine Bürgerinitiative oder beim Elternabend. Viele Frauen sind ja in Kindergärtenbeiräten aktiv. Das ist der sogenannte vorpolitische Raum. Politisch mitzugestalten, ist ja im Grunde die Fortsetzung davon.

Warum springt der Funke bei vielen nicht über?

Es kommen Elternphasen dazwischen, und auch die Tatsache, dass man am Anfang viel Zeit mitbringen muss. Gehen wir mal davon aus, dass es etwa 50 Termine jährlich sind. Es kann mal sein, dass es drei Wochen lang keinen gibt, aber dafür sind dann auch drei Wochen hintereinander jeweils zwei Termine. Die Zeit muss ich ja irgendwo hernehmen. Und dann muss die Begeisterung schon sehr groß sein, in dieser Zeit Politik zu machen, statt anderen Freizeitbeschäftigungen nachzugehen. Und, was ganz wichtig ist: Ich muss mir darüber im Klaren sein, dass bestimmte Entscheidungen sehr lange dauern. Ich brauche also unglaublich viel Geduld und Ausdauer und muss manchmal auch denselben Punkt dreimal diskutieren.

Wie wichtig ist Durchsetzungsfähigkeit?

Durchsetzungsfähigkeit – die muss man lernen oder noch besser mitbringen. Noch wichtiger ist für mich aber der Wille zur Macht. Der Begriff politische Macht ist ja sehr negativ besetzt. Macht hat jemand, der Ellbogen einsetzt und ein Ziel hat und dort hin will. Aber natürlich muss ich ein Ziel haben. Das lässt sich auch auf die Diskussion um zu wenig Frauen in der Politik übertragen: Ich muss es wollen, und ich muss es auch tun. Zu sagen: Ich tu’s jetzt – hat auch zur Konsequenz, dass ich mich zu Hause durchsetzen muss gegen die Familie oder vielleicht gegen den Partner.

Wie war das bei Ihnen?

Ich denke mal 30 Jahre zurück: Als ich mich entschieden habe, für den Kreistag zu kandidieren, war meine jüngste Tochter drei Jahre alt, das jüngste von fünf Kindern. Das hat mich schon sehr nachdenklich gestimmt, dass ich ganz oft erklären musste, warum ich jetzt in die Politik gehe und nicht noch eine Periode warte. Von dem sogenannten schlechten Gewissen will ich gar nicht sprechen – vielleicht auch ein Grund zu sagen: Ich will nicht mehr warten. Ich habe im Vergleich zu Männern schon viel länger gewartet.

Also geht das – als Frau Beruf, politisches Engagement und Familie zu vereinbaren?

Ich hatte den Vorteil, dass wir einen Bauernhof hatten, wo immer jemand da war. Und meine Schwiegermutter war vor Ort. Es geht, wenn man bereit ist, andere Dinge zurückzustellen, sportliche Aktivitäten, meinen Strickclub oder etwas in dem Bereich. Es ist auch die Frage: Ist der Partner regelmäßig zuhause oder ist er Lkw-Fahrer? Dann sieht es natürlich anders aus. Man muss unheimlich viel organisieren, auch in Fragen der Kinderbetreuung. Aber es geht. Für jemanden, der kleine Kinder hat, ist ein Sitzungstermin abends um halb 5, halb 6 natürlich nicht der glücklichste.

Silvia Breher, CDU-Bundestagsabgeordnete für Cloppenburg/Vechta, hat kürzlich digitale Sitzungen vorgeschlagen.

Natürlich kann ich eine Fachausschusssitzung per Videokonferenz machen. Aber wenn dann die Küche der Arbeitsplatz ist, weiß ich nicht, ob das die ideale Bedingung ist. Oder wenn die Kinder dabei sind. Man muss es ausprobieren. Nur: Das ist eine mechanische Umsetzung. Der erste Schritt ist: Ich muss interessiert sein. Und wenn ich Lösungen finden will, finde ich welche.

Sie mussten wahrscheinlich viele Lösungen finden.

Ich musste viele finden, ja. Aber es geht, wenn ich als Frau dazu bereit bin. Das andere sind ja Möglichkeiten, die das Ganze vereinfachen können. Wenn wir an die jungen Frauen denken, die wir gerne hätten, die sind im Umgang mit sozialen Medien ganz anders vorbereitet. Aber wo sind die Frauen, die erst mal bereit sind, zu sagen: 2021 ist Kommunalwahl, und ich bin dabei?

Zu wenig Frauen in der CDU – nicht nur vom Dümmer bis zum Nordseestrand.

Sind die Parteien in der Verantwortung?

Ja, die Werbung muss aus den Parteien kommen. Und es muss mehr Unterstützung geben in der Bevölkerung. Ich teile die Auffassung unseres Ex-Stadtverbandsvorsitzenden: Eine Generation früher war es eine Ehre, gefragt zu werden, ob man kandidieren möchte. Jetzt ist es eine Quälerei, zu fragen. Es geht auch um die Grundeinstellung, dass es eine Aufgabe ist, die erforderlich ist. Ich habe manchmal zehn Frauen gefragt und nur eine war bereit, zu kandidieren. Wie schaffen wir es, dass nach außen wieder klar wird: Das ist eine ehrenvolle Aufgabe?

Und, wie schaffen wir das?

Ich behaupte: Uns geht es zu gut. Wofür sollen wir denn kämpfen? Ist es in den Köpfen schon drin, dass es um die Existenz geht? Der Kampf um Arbeitsplätze vor Ort, um bezahlbaren Wohnraum, um ärztliche Versorgung – das sind Beispiele, dass es auch auf der kommunalen Ebene Bereiche gibt, für die man sich einsetzen muss, wenn man will, dass sich was verändert. Dann muss man vielleicht anfangen, zu fragen: Was möchtest du verändert haben, was gefällt dir nicht?

Könnte man es so formulieren: Früher trauten sich die Frauen nicht an die Politik heran, weil sie als Männerdomäne mit Prestige galt, und heute sind sie zu sehr auf sich selbst bedacht?

Es ist ja auch berechtigt, zu sagen: Die Zeit, die ich zur Verfügung habe, die möchte ich nicht im Rathaus oder bei Sitzungen verbringen. Ich kann mich ja trotzdem einbringen oder Vorschläge machen. Nur entscheiden werden dann letztendlich der Rat und der Kreistag. Aber der Grund, weshalb das Interesse an Politik zwischendurch merklich zurückgegangen ist, ist: Es geht uns zu gut. Ich bleibe dabei.

Wie denken Sie über die vorgeschlagene CDU-Frauenquote von 50 Prozent ab der Kreisvorstandsebene bis 2025?

Ich bin nicht Feuer und Flamme für den Vorschlag der Strukturkommission. Ich weiß noch nicht, wie ich mich da als Delegierte entscheiden werde. Die Drittelquote [für öffentliche Mandate und Parteiämter] ist ja 1996 eingeführt worden. Wir hätten diese Diskussion heute nicht, wenn sie konsequent umgesetzt worden wäre. Wenn ich auf einem Bild nach Vorstandswahlen nur Männer sehe, dann weiß ich doch sofort: Das hat mit Quote wenig zu tun. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass Frauen in die erste Reihe müssen, um ein deutliches Zeichen nach außen zu setzen. Welches Bild liefern Parteien, liefert die CDU nach außen ab?

Männerpartei.

Ja. Für mich ist es immer ein Dreieck gewesen: der Gesetzgeber, die Partei und die Frau selbst. Die gesetzgeberischen Geschichten lehne ich ab, weil sie auch rechtlich nicht sicher sind. Das ist etwas, das die Partei mit den Mitgliedern klären muss. Jetzt kann man sagen: Das ist relativ einfach, wir machen das per Satzung. Wenn aber der Frauenanteil in der Partei bei 25 Prozent ist, ist es dann gerechtfertigt, 50 Prozent zu fordern? Oder bleibt man bei diesem Stufenmodell, bei weniger als 30 Prozent, ein Drittel und so weiter? Das führt ja dazu, dass man noch mehr Formalitäten abarbeitet. Es wird sicher noch einen Mittelweg geben. Die Junge Union hat übrigens schon mal den Antrag gestellt, die Quote abzuschaffen. Weil die jungen Frauen das völlig ablehnen.

„Ich will keine Quotenfrau sein.“

Ja. „Wenn ich kompetent bin, schaffe ich das auch so.“ Diese Auffassung vertreten oft die jungen Frauen in der CDU und der Jungen Union. Das muss ich akzeptieren. Aber ich sehe, dass vielen, auch kompetenten, Frauen Steine in den Weg gelegt worden sind. Die Partei weiß genau, dass sie es sich nicht leisten kann, auf Frauen zu verzichten. Der Anspruch der Volkspartei steht und fällt auch damit, wie ich mit der Gruppe der Frauen umgehe. Sind sie willkommen? Sie sind nicht willkommen, wenn ich ein Vorstandsbild habe mit sieben Personen: sechs Männer und die Frau am Rand im schwarzen Blazer, die gar nicht mehr auffällt?

Sind es eher individuelle als strukturelle Gründe, innerhalb der Partei und bei den Frauen, die eine Kandidatur verhindern?

Gerade was Kommunalwahlen betrifft, sind es zu einem großen Maß strukturelle Gründe. Wir haben ja in vielen Bereichen das Rotationsprinzip. Da entscheiden ganz wenige darüber, wie viele kandidieren. Wenn dann noch feststeht, dass in einem Bereich nur zwei Leute kandidieren, dann ist nicht selbstverständlich, dass es ein Mann und eine Frau sind. Bei dreien haben sie vielleicht eine Chance, zwei zu eins hinzukriegen. Sie müssen aber auch eine Frau haben, die sagt: Ich mach das.

Muss eine Frau vorbereitet sein auf bestimmte Äußerungen oder Angriffe?

Ja, „typisch Frau“ hört man schon in dem Bereich. Da weiß man nie, wie ernst gemeint das ist. Bei der Diskussion um Frauenhäuser zum Beispiel habe ich schon vor Jahren in Cloppenburg versucht, deren Notwendigkeit aufzuzeigen, und es kommt als Antwort: Dann brauchen wir auch ein Männerhaus. Das ist eine Ebene, wo ich dann sage: Wir brauchen nicht weiter zu diskutieren, du hast es nicht kapiert. Auf der anderen Seite sagen ja alle, wir brauchen die Sichtweise der Frauen für politische Entscheidungen.

Also ist noch viel zu tun?

Es gibt zwar positive Entwicklungen, die sind aber regional ganz unterschiedlich, wenn ich meinen Blick auf die Kreistage im Oldenburger Land richte. Die Partei als Ganze ist vielleicht noch nicht reif für die 50-Prozent-Quote. Ich muss ja diejenigen, die das beschließen, mitnehmen, auch vor Ort. Vielleicht sieht das in zehn oder 15 Jahren anders aus, weil die 40- bis 45-Jährigen heute eine andere Form von Partnerschaft leben als die jetzt 70- oder 80-Jährigen. In dieser Generation war die Frau eher nicht diejenige, die in die Politik gegangen ist.

Können weibliche Vorbilder helfen?

Wir brauchen Vorbilder. Wir haben ja Angela Merkel, Ursula von der Leyen und so weiter. Das müsste eigentlich Mut machen. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir in der Diskussion sagen: Wir brauchen die Quote nicht. Wir haben Merkel und von der Leyen und Kramp-Karrenbauer, was wollt ihr denn? Denn das ist ja nur eine Momentaufnahme. Wenn, dann wollen wir eine Regelung, die dauerhaft ist. Es ist eine Existenzfrage für die CDU, mehr Frauen in Ämter und Mandate zu bringen. 50 Prozent Frauen in der CDU, das braucht auch Zeit. Ich bin gespannt, ob es überhaupt zur Abstimmung kommt beim Parteitag.

Zur Person

Marlies Hukelmann, 68, lebt in Löningen. 1991 war sie eine der ersten beiden Frauen in der CDU-Kreistagsfraktion des Landkreises Cloppenburg, seit 2016 ist sie stellvertretende Landrätin. Hukelmann ist außerdem Vorsitzende der Landesfrauenunion und Delegierte für den CDU-Bundesparteitag 2020. Sie hat fünf Kinder und arbeitete bis auf ein Jahr als Lehrerin in Vollzeit.

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