Mysteriöser Fund in Wardenburger Gotteshaus vor 62 Jahren

Eine Hand in der Kirchenwand

Alfred Addicks zeigt die Stelle in der Kirche, an der er einst die abgetrennte Hand hat einmauern müssen.
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Alfred Addicks zeigt die Stelle in der Kirche, an der er einst die abgetrennte Hand hat einmauern müssen.

Wardenburg – Pastor Günther Wilhelm Rogge, der während des Umbaus der Marienkirche in den Jahren 1958/1959 Wardenburg tätig war, erzählt er in einem von ihm geschrieben Aufsatz in der Kirchenchronik, dass Maurer im Inneren der Kirche in der Wand einen Hohlraum freigelegt hatten. Daraus streckte sich ihnen eine menschliche Hand entgegen. Er stellte verschiedene Vermutungen an.

War es die Hand eines Diebes, die ihm im Mittelalter zur Strafe abgehackt wurde? Die Reliquie eines Märtyrers? Oder stimmte die Theorie, dass ein Handwerker in der Kirche bei früheren Renovierungsarbeiten einen Unfall hatte und die Hand sofort abgetrennt und sie darauf eingemauert worden war? Mehr als 60 Jahre nach dem gruseligen Fund erinnert sich nun ein Zeitzeuge an die Entdeckung – und widerspricht den Aufzeichnungen des Pastors.

Der Geistliche hatte die Entdeckung, nachdem ihn ein aufgeregt Handwerker herbeigerufen hatte, folgendermaßen geschildert: „Ich dachte zunächst an einen makaberen Scherz, den sich irgendeiner dort mit seinen Arbeitskollegen erlaubt hatte. Oder sollte diese Geschichte nur erfunden worden sein, um jemanden herbeizulocken, der den geplagten Bauarbeitern doch einmal eine Erfrischung für die vom vielen Staub durstig gewordenen Kehlen spendieren würde? Doch, als ich zur Baustelle kam, musste ich mich davon überzeugen, dass der mir zunächst so verworren erschienenen Darstellung von der Menschenhand in der Mauer haargenau der Wirklichkeit entsprach.“ Beim Abklopfen alten Putzes im Innern der Kirche seien plötzlich zwei ganze Steine aus der Wand gefallen und hatten dadurch eine Art Nische von etwa 25 Zentimeter Höhe, Breite und Tiefe freigelegt, beschreibt Rogge. Daraus reckte sich dem Betrachter tatsächlich „eine außerordentlich gut erhaltene geöffnete Menschenhand“ entgegen.

Wie kam die Hand in die Wand?

Daraufhin wurden nun alle sich für diesen Fund interessierten kirchlichen und staatlichen Dienststellen informiert. Rogge weiter: „Sachverständige kamen und fingen an, durch vorsichtiges Abklopfen der Wände nach etwaigen weiteren Nischen zu suchen. Welche Aufregung, als dann tatsächlich eine weitere und schließlich sogar noch etliche Nischen entdeckt und geöffnet wurden! Aber welche Enttäuschung, als in keiner anderen Öffnung außer ein paar vermoderte Holzteilchen irgendwas gefunden wurde.“

Nachdem alle Nischen geöffnet waren, ergab sich aus ihrer exakten Anordnung auch die Erklärung für ihre Existenz: Es waren alte Balkenlöcher, in denen einst die Enden der Unterzüge für die Orgelempore gelegen hatten, bevor die Kirche 1737 eine neue Orgelempore bekam, für deren Unterzüge neue ‚Nischen‘ benötigt wurden, ist Rogges Chronik weiter zu entnehmen. Somit war ein Rätsel offenbar gelöst – doch wie kam die Hand in die Wand? „Eine Reliquie konnte es nicht gewesen sein, weil man dafür keine ganze Hand, sondern höchstens den Teil eines Fingerknochens eines Kirchenheiligen zu nehmen pflegte“, überlegte der Geistliche. Rogge vermutet in seinem Aufsatz, dass es sich um die Hand eines Zimmermanns handeln könnte, die dieser bei einem Unfall beim Einbau der neuen schweren Unterzüge für die Orgelempore eingebüßt hatte. Dazu passe der „außerordentlich gute Erhaltungsgrad“ der Hand, die erst 1958, als sie einige Tage lang der Luft ausgesetzt war, zu zerfallen begann. Daraus könne „gefolgert werden, dass sie unmittelbar nach ihrer Abtrennung an diesem Fundort eingemauert worden ist.“

„Dat könnt wi nich moken!“

Nachdem vor Kurzem die Geschichte der Hand in Wardenburg bekannt geworden ist, meldete sich jetzt ein Zeitzeuge: der damalige Maurergeselle Alfred Addicks. Anfang der Woche schildert er an dem Schauplatz des Hand-Fundes seine Version der Geschichte: „Nach meinem Wissen kam die Hand bei der Herstellung eines Heizungskellers unter dem Altarbereich ans Tageslicht und kam in die Obhut von Pastor Rogge. Nachdem die Renovierungsarbeiten im Inneren der Kirche so gut wie abgeschlossen waren, kam Pastor Rogge mit einem Tablett in die Kirche. In Pergament lag darauf eine graue mumifizierte Hand. Mir wurde aufgetragen, in Augenhöhe in der Ostwand, etwas links vom Eingang, eine etwa 30 mal 30 Zentimeter tiefe Öffnung in das Mauerwerk zu schlagen. Hier legte ich samt dem Pergament die Hand hinein.“ Damit es ein Erkennungsmerkmal gibt, habe er seine Hand auf die frisch überputzte Stelle gedrückt. „Willi Schumacher, der die Bauaufsicht hatte, kam daraufhin zu mir und sagte: ,Dat könnt wi nich moken!‘ Daraufhin musste ich den Putz glätten.“

Damit hat der 86-jährige Addicks einen wichtigen Beitrag rund um den Mythos der mysteriösen Hand geleistet: Denn bisher wurde angenommen, die Hand befände sich in der Außenwand links von der Außentür in der Nähe eines dargestellten Weihekreuzes. Auch war damals berichtet worden, dass die Hand in das Naturkundemuseum nach Oldenburg gekommen sei.

Die Marienkirche in Wardenburg.

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