Obdachlosenhilfe „Straßenengel“ in Oldenburg hält Notversorgung aufrecht

Die Schlange wächst stetig

Der Winter kommt: Rund 100 Obdachlose kommen derzeit pro Woche zu den „Straßenengeln“.
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Der Winter kommt: Rund 100 Obdachlose kommen derzeit pro Woche zu den „Straßenengeln“.

Oldenburg – Die Anzahl der Nutzer, die das Hilfsprogramm der „Straßenengel“ in Oldenburg in Anspruch nehmen, wächst von Woche zu Woche, sagt Mona Körber. Sie ist Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins in der Huntestadt. „Wir geben am Oldenburger Hauptbahnhof Lebensmittel, Hygieneartikel und Schlafsäcke raus.“ Die „Straßenengel“ kochen samstags einmal warm. Vor den Corona-Verschärfungen konnten Bedürftige vor Ort essen, jetzt wird zum Mitnehmen ausgegeben. Unmittelbar vor dem zweiten Lockdown hatten sie rund 50 Kunden pro Woche, sagt die Ehrenamtliche, vergangene Woche waren es an die 100 Personen. Die Gründe: Jobverlust und Kurzarbeit, hört Körber.

Die Bedürftigen, die zu den „Straßenengeln“ kommen, und die dem gängigen Tafelklientel entstammen, werde von der Coronalage zusätzlich belastet, berichtet sie. Außerdem seien es immer mehr Leute, die auf der Straße leben. Leute, die ihre Wohnung in den vergangenen Wochen verloren hätten. Körber: „Jetzt sehen wir eine eklatante Verschärfung, die Leute haben teilweise nicht mal eine Winterjacke.“

Körber und die Helfer haben Zelte, Isomatten und Gaskocher. Das Nötigste zum Überleben. Eine feste Unterkunft kommt in Oldenburg und in Deutschland nicht für jeden in Frage. Es gibt Vorbedingungen: kein Hund, kein Alkohol und keine Drogen. „Für viele wäre ein kalter Entzug tödlich“, sagt Körber. Viele Bedürftige sind abhängig. Sie spricht eine klare Sprache, nennt Probleme beim Namen. Auch aus anderen Gründen sei eine Notunterkunft für die Betroffenen oft nicht möglich. „Es gibt keine Privatsphäre, die Stimmung unter den Leuten ist oft aggressiv. Sie beklauen sich gegenseitig“, sagt sie. „Der Winter kommt. Es gibt Leute, die übernachten unter der Autobahnbrücke A 29, in versteckten Ecken in der Stadt, in Vorräumen von Bankfilialen neben Geldautomaten. Andere versuchen, bei Freunden, Bekannten, unterzukommen oder illegal in Gartenlauben.“

Gerade für Frauen ist die Wohnungslosigkeit infolge von Armut besonders prekär, schildert Körber. Oft wird die Situation von Männern ausgenutzt. Sexuelle Gefälligkeit für ein warmes Dach über dem Kopf. „Bei Frauen ist es oft eine versteckte Obdachlosigkeit“, so Körber.

Was müsste besser werden? Körber denkt an skandinavische Länder. Dort gebe es ein Programm, das „Housing First“heiße. Das sei wie bedingungsloses Wohnen. Die Person müsse nicht erst „clean“ sein oder einen Entzug gemacht haben, um eine Wohnung zu bekommen. Danach sehe man dort weiter mit Programmen.

Doch „der Infektionsschutz geht absolut vor“, betont Körber. Ihre Arbeit werde schwieriger. Selbst wenn die Spendenbereitschaft „eigentlich ganz gut“ sei, wie sie sagt. Die Leute bringen Lebensmittel vorbei, Firmen zeigen Engagement. „Wir haben viele tolle Spender.“ Darunter seien auch viele, die selbst mal in einer Notsituation waren. Sie merkt, dass immer mehr Leute selbst nicht mehr genug haben, um etwas spenden zu können.

Eine schwierige Situation. „Ich persönlich sehe die Schlangen, die Anzahl der Kunden, stetig wachsen“, so Körber. „Wie lange können wir noch ausrücken?“, fragt sie sich. „Die Ämter sind uns und den Johannitern gegenüber sehr wohlwollend“, sagt Körber. Sie habe das Gefühl, dass man versuche, sie so lange wie möglich arbeiten zu lassen unter den Coronaregeln.

Inwieweit sich die Verordnungen verschärfen und die Arbeit dann eventuell eingestellt werden muss, wisse momentan niemand. Im Frühjahr mussten die „Straßenengel“ schon einmal die Ausgabe von Lebensmitteln von März bis Mai einstellen. Doch die Not war und ist groß. Damals bereiteten die Ehrenamtlichen Taschen am Hauptbahnhof vor, die von zwei ausgewählten Obdachlosen vertrauensvoll in der Szene verteilt wurden. „Wir waren damals die Einzigen mit der ,Oldenburger Spendengrupppe‘, die in Oldenburg Lebensmittel ausgeben durften“, ist Körber stolz.

Die Obdachlosen nicht alleine lassen. Dazu steht Mona Körber auch heute: „Wir werden die Notversorgung aufrecht erhalten.“

Von Gregor Hühne

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