Alter gezielt ausgenutzt

Psychologin erklärt, warum gerade Senioren auf Schockanrufe hereinfallen

Eine Frau, die zu ihrem Handy greift.
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Am Telefon werden die meist alten Menschen unter Druck gesetzt und um Geld gebeten.

Es klingelt, der Telefonhörer wird abgenommen und am anderen Ende der Leitung spricht eine vermeintlich familiäre Person, die nach Geld fragt. Dabei geht es immer um dringliche Situationen wie Schulden oder medizinische Notfälle. Der Schock tritt häufig erst nach der Überweisung des Geldes ein: Der Angerufene wurde Opfer einer Betrugsmasche. Der sogenannte Enkeltrick ist nichts Neues, die Polizei warnt regelmäßig und auch manche Bankmitarbeiter sind dazu angehalten, besonders genau hinzuschauen, wenn – insbesondere alte Menschen – einen höheren Geldbetrag abheben.

Landkreis – Das Problem ist also bekannt, nur warum fallen so viele Senioren darauf herein? Unsere Zeitung hat mit Maria Pavlova, Leiterin des Fachgebiets psychologische Gerontologie an der Universität Vechta, darüber gesprochen. „Das Problem ist nicht so einfach zu beschreiben. Es ist vielmehr ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren verschiedener Natur“, erklärt die Wissenschaftlerin einleitend. Der größte Punkt sei aber unumstritten der kognitive Abbau der Menschen höheren Alters. Dieser beträfe die körperliche sowie geistliche Reaktionsgeschwindigkeit.

Überforderung durch Informationsflut

Es trete eine Veränderung im Verhalten der betroffenen Personen ein. „Insbesondere Informationen können nicht mehr so schnell verarbeitet werden.“ Schnell aufeinanderfolgende Sachverhalte würden dementsprechend dazu führen, dass die Betroffenen überfordert seien. „Es gibt somit für diese Menschen keine übergeordnete Perspektive mehr. Sie sind überfordert.“ Der kognitive Abbau sei auch der Grund, weshalb familiäre Absprachen scheitern. „Manche vergessen, dass es eine Absprache im familiären Kreis gab, dass zum Beispiel niemand am Telefon nach Geld fragt.“

Herauszufinden, ob ein Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit schon eingetreten ist, ist dabei gar nicht so einfach. „Menschen, die sich in einer Zwischenstufe befinden, sind besonders gefährdet“, so Pavlova. „Die Angehörigen können diese Person nicht richtig einschätzen.“ Dies sei im Speziellen schwierig, da sich diese Menschen über normale Alltagsthemen gut unterhalten können. „Das kennen sie. Damit sind sie vertraut. In Drucksituationen, die sich die Trickbetrüger in den meisten Fällen zunutze machen, kann das aber ganz anders aussehen.“

Erklärt die Gründe, weshalb Menschen auf den Enkeltrick hereinfallen: Maria Pavlova.

Auch Generationsunterschiede trügen dazu bei, dass immer wieder Senioren auf Betrugsmaschen hereinfallen. Es gebe „nun mal Unterschiede bei den finanziellen Kompetenzen“. Gerade Frauen im hohen Alter hätten in ihren jungen Jahren nicht die besten Bildungsmöglichkeiten erhalten. „Manche haben schlicht nicht die rechnerischen Fähigkeiten und finanzielles Wissen, um adäquat mit hohen Geldsummen umgehen zu können“, erzählt Pavlova.

Fehlender sozialer Kontakt spielt Tätern in die Karten

Ein weiterer wichtiger Punkt sei der häufig auftretende, fehlende soziale Kontakt zu anderen Personen und insbesondere zur eigenen Familie. Viele Ältere seien einsam. Sie würden mit einer ganz anderen persönlichen Einstellung an ein Telefonat herantreten. „So ist es für die Täter einfacher, Vertrauen zu diesen Personen aufzubauen. Gerade wenn die Stimmen ihrer eigenen Verwandtschaft nicht wiedererkannt werden, können die Betrüger den Menschen viel einreden.“

Das gehe besonders gut, wenn die Täter vorher Informationen über die Familie der Betroffenen sammeln. Speziell soziale Netzwerke im Internet seien dabei ein Problem. Die ältere Generation werde zunehmend digitaler, verliere dabei aber den Datenschutz aus dem Blickpunkt. „So ist es für Täter leicht, an Familieninfos zu kommen. Eine Freundschaftsanfrage bei Facebook genügt dafür schon“, erklärt die Wissenschaftlerin. Je nachdem, wie viel Privates dort preisgegeben werde, können Täter spezifischer auf das Opfer eingehen. Zur Verdeutlichung gibt Pavlova ein Beispiel: „Ich habe in meiner Recherche von einem Fall gehört. Eine Seniorin wird am Telefon unter Druck gesetzt. Ihr Enkel sitze in Mexiko in einem Gefängnis und bräuchte dringend einen gewissen Geldbetrag, um auf Kaution wieder freizukommen. Der Anrufer gibt sich als sein Anwalt aus.“ Die Frau überweist. Der Grund: Ihr Enkel war zu diesem Zeitpunkt wirklich in Mexiko. Sie hatte öfter seine Bilder auf Facebook kommentiert.

Aber was kann unternommen werden, um Menschen vor solchen Betrügern zu schützen? „Wichtig ist es die ältere Generation zu unterstützen. Es müssen vermehrt die familiären Kontakte gestärkt werden. Sind die Stimmen der Familienmitglieder gut bekannt, fällt es Tätern schwerer, die Betroffenen auszutricksen“, meint Pavlova.

Zudem müsse sehr auf den Datenschutz der Familieninformationen geachtet werden. „Was steht über die Familienverhältnisse im Internet? Wie leicht lässt sich auf Social-Media-Plattformen wie Facebook nachverfolgen? Gerade in diesem Bereich brauchen ältere Menschen Unterstützung.“ Nicht zuletzt sei es auch wichtig, das Thema anzusprechen und Aufklärungsarbeit innerhalb der Familie zu leisten. „Es muss ein Bewusstsein für solche Maschen geschaffen werden“, so Pavlova. Das familiäre Umfeld müsse präventiv eingreifen und den Älteren erklären, wie ein solcher Betrug aussehen könne.

Wir dürfen die Senioren nicht stigmatisieren.

 Maria Pavlova, Leiterin des Fachgebiets psychologische Gerontologie an der Universität Vechta

Abschließend führt die Psychologin einen Punkt auf, der ihr besonders am Herzen liegt: „Wir dürfen die Senioren nicht stigmatisieren“, sagt sie. Natürlich sei die Betrugsmasche bei Älteren ein Problem. „Die Fälle häufen sich aber gerade bei den alten Menschen, weil sie für die Betrüger ein gutes Ziel abgeben.“

Die Senioren seien häufig zu Hause und ihre Telefonnummern und Anschriften im Telefonbuch zu finden, anders als bei den jüngeren Generationen. „Wir müssen erkennen, dass jeder auf so eine Betrugsmasche hereinfallen kann. Und würde eine andere Gruppe mit der gleichen Häufigkeit zum kriminellen Ziel werden, gäbe es vermutlich gleich viele Fälle, wie derzeit unter den älteren unserer Gesellschaft“, sagt sie.

Das sagt die Polizei

Geht es bei dem „klassischen“ Enkeltrick darum, dass sich Anrufer als vermeintliche Familienangehörige ausgeben, setzen die Kriminellen inzwischen auf eine anders aufgemachte Art dieser Masche: „Vielmehr greifen die Täter aktuell auf die Masche der sogenannten ,Schockanrufe’ zurück“, berichtet die Polizeiinspektion Delmenhorst auf Anfrage. Dabei riefen zum Beispiel angebliche Anwälte oder Polizeibeamte bei dem Opfer an und teilen mit, dass ein Angehöriger einen tödlichen Unfall verursacht habe und nun eine Inhaftierung drohe. Um diese zu verhindern, müsse eine Kaution bezahlt werden. In anderen Fällen geben sich die Betrüger als Arzt oder Krankenhauspersonal aus und teilen mit, dass zum Beispiel die Tochter aus diversen Gründen (Verkehrsunfall, Corona) in der Klinik liege. Sie verlangten dann Geld für eine Behandlung. „Die Betrugsmasche der Schockanrufe in all ihren Varianten empfindet die Polizei als besonders perfide“, heißt es in der Antwort weiter. Die Täter nutzen ältere Menschen gewissenlos aus – die dadurch oftmals ihre Lebensersparnisse verlören. Die Beamten raten, sich auf keine Vermögensverfügung über das Telefon einzulassen: „Seien Sie immer skeptisch, was Ihnen am Telefon erzählt wird und lassen Sie sich vor allem nicht unter Druck setzen.“ Unter der Rufnummer 04421/1559115 berät die Polizei rund um die Uhr zu dem Thema.

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