Porträt

Der Brite Patrik Husband wird kurz vor dem Brexit deutscher Staatsbürger

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Patrik Husband, Schulleiter der Käthe-Kollwitz-Grundschule in Delmenhorst, hat sich kurz vor dem Brexit entschieden, deutscher Staatsbürger zu werden.

Delmenhorst/Ganderkesee - Von Katia Backhaus. Wie sieht eigentlich ein Engländer aus? „Große Nase, abstehende Ohren, rote Haare – so wie Wayne Rooney“, antwortet Patrik Husband und lacht. Am Mittwoch, kurz vor dem Brexit, hat der Brite die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Sein Vater, erzählt er, sei in den frühen Achtzigern häufig für einen Türken gehalten und deshalb angefeindet worden.

Dunkle Haare, dunkler Bart und gebräunte Haut sind auf einem Handyfoto zu erkennen. Husbands Vater hat italienische, schottische und englische Wurzeln, aber ansehen kann man ihm das nicht. Husband erinnert sich noch gut an den Kommentar einer Nachbarin im nordrhein-westfälischen Beckum, wo er aufgewachsen ist: „Du kannst froh sein, dass du nicht aussiehst wie ein Engländer.“

Dass die Diskussion über den typischen Engländer nirgendwohin führt, ist also klar. Aber: Irgendwie sind sie doch wichtig, die Wurzeln. Denn wenn es um die deutsche Staatsbürgerschaft geht, verändert sich sein Ton. „So ein Pass ist eine Familienzugehörigkeit“, sagt Husband. Der 39-Jährige im blau-rot-karierten, ordentlich geknöpften Hemd sitzt auf einem dunklen Holzstuhl in seinem Schulleiterbüro an der Käthe-Kollwitz-Grundschule in Delmenhorst. Er gestikuliert wenig und spricht zwar viel, aber in ruhigem Ton. 

Husband ist nicht der Typ, der eine Flagge an die Wand hängen oder mit geschwellter Brust eine Nationalhymne singen würde. „God save the Queen“ sei ein schönes Lied, sagt er, aber den Text kann er nicht auswendig. Die deutsche Nationalhymne würde er wohl hinkriegen, er hat das hiesige Schulsystem durchlaufen, in der Oberstufe den Deutsch-Leistungskurs gewählt und dann Germanistik studiert.

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Als Lehrer mit englischem Pass verlöre Husband mit dem Brexit aller Voraussicht nach seinen Beamtenstatus. Er wird bald zum dritten Mal Vater, spricht von seinem Haus, von Krediten, von dem Leben, das er sich in Ganderkesee aufgebaut hat. In einer Ecke des vollgestellten Büros steht ein Bilderrahmen mit Kinderfotos, an der Wand hängen dunkel gerahmte Gemälde mit Landschaften und einem Bauernhaus. „Wenn das alles wegbrechen würde wegen einer Geschichte, bei der man nicht einmal gefragt wurde...“ – Husband beendet den Satz nicht richtig. Er sagt nicht „tragisch“ oder „grausam“ oder „schlimm“. Aber es ist klar, dass dieser Verlust für Husband eigentlich nicht vorstellbar ist.

Um die deutsche Staatsbürgerschaft hat sich der 39-Jährige erst spät gekümmert. Seit anderthalb Jahren liege sein Vater ihm damit in den Ohren, erzählt er. „Ich habe die Augen vor der Realität verschlossen, ich war naiv.“ Erst als der Gehaltsabrechnung ein Infoblatt beilag, in dem es um eine Ausnahmeregelung für verbeamtete Briten in Niedersachsen ging, wurde klar: Der Brexit ist real. 

Die Gefahr, den Arbeitsplatz zu verlieren, und die Vorstellung, wie in seiner Kindheit mit einer Aufenthaltsgenehmigung in der Tasche umherlaufen zu müssen, beunruhigten Husband genug, um sich um seine Einbürgerung zu kümmern. Er telefonierte mit der Schulbehörde, mit der Personal- und Rechtsabteilung. Was in Zukunft gelten würde, konnte ihm keiner genau sagen. So macht er nun wahr, was bereits auf einem Pullover steht, den ihm sein Vater im Studium schenkte: „English born, grown German“ – als Engländer geboren, zum Deutschen geworden.

Aufgewachsen ist Husband allerdings vor allem mit den irischen Traditionen seiner Mutter. Es gab Porridge und Marmite, salzigen Hefeaufstrich, zum Frühstück, dazu englische Kinderbücher und irische Folkloremusik. Neben dem Fernseher stand eine kleine, silberne Box, mit der Husbands zusätzlich zu den drei deutschen Sendern die BBC empfangen konnten. Weihnachten feierte die Familie am 25. Dezember. 

„Wir hatten auch diese Socken, keinen Kamin, aber die Socken“, erzählt er. Gefeiert wurden auch der St. Patrick’s Day am 17. März und Halloween. Das Wichtigste aber waren die Besuche bei der großen irischen Familie. „Ich könnte nicht mal sagen, wie viele Cousins und Cousinen ich in Irland habe“, sagt Husband. Inzwischen ist er nur noch alle drei, vier Jahre dort. Kontakt hält er per Facebook, früher nutzte die Familie dafür das Faxgerät.

Als Kind hatte Husband in Deutschland mit seinem Namen zu kämpfen. Eines Tages hörte er von Perry Bräutigam, dem ehemaligen Torwart von Hansa Rostock. Ein Name, so schräg wie sein eigener, nur in der anderen Sprache, das war ein gutes Gefühl. Und dann ist da noch sein zweiter Vorname James. Der erinnert an den tattrigen Butler aus „Dinner for One“. Mit dem Sketch tourte Freddie Frinton in den 50er-Jahren durch britische Theater, die Deutschen sehen darin typisch britischen Humor.

Husband ist ab sofort Bürger beider Staaten. „Irgendwo ist es auch eine romantische Entscheidung: Das sind meine Wurzeln“, sagt er. Beim Brexit-Referendum hätte er, hätte er gedurft, mit Nein gestimmt. In Deutschland hat Husband bisher nur bei Kommunalwahlen sein Kreuz gesetzt. Die Europawahlen habe er bisher immer verpasst, er wisse auch nicht so recht, warum er nie eine Benachrichtigung erhalten habe. Am 26. Mai wird Husband zum ersten Mal als deutscher Staatsbürger abstimmen: über die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments.

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