Schulklasse erinnert an vergessene NS-Opfer im „Kloster Blankenburg“

Heimpersonal ließ Geisteskranke verhungern

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Am östlichen Stadtrand von Oldenburg gelegen: das Kloster Blankenburg.

Oldenburg - Von Klaus Eilers. „In schönster, gesündester Lage – wie ein Erholungsheim – liegt diese Anstalt für unheilbare Geisteskranke“, pries eine Propagandabroschüre aus der Nazi-Zeit das Kloster Blankenburg am östlichen Stadtrand Oldenburgs an. Die Wirklichkeit für die Insassen sah anders aus: Vernachlässigt, verhungert, ohne Grabstein verscharrt, vergessen. Die zehnte Klasse der Freien Waldorfschule Oldenburg erinnert nun im Rahmen eines Projekts im Fach Geschichte an 85 Euthanasie-Opfer, die im Kloster Blankenburg zwischen 1937 und 1941 den Tod fanden.

„Das Heimpersonal hat die meisten Kranken verkümmern und verhungern lassen. Andere sind als Folge von Infektionen gestorben“, sagt die 16-jährige Schülerin Lisa Witzke. „Schwere Idiotie“ und „Geistesgestörtheit“ – so habe die Diagnose bei vielen Insassen gelautet. „Wir haben jetzt die Namen 85 Verstorbener mit Geburts-, Sterbe- und Begräbnisdaten herausgefunden“, erzählen Jonas Carl Weber (15) und sein gleichaltriger Klassenkamerad Marlon Marten.

Die Klasse habe alles mühevoll recherchiert – in Kirchenbüchern und Archiven. „Ich finde es erschreckend, dass sich bis heute noch niemand um das Schicksal der Toten gekümmert hat. Dabei liegen die Kirchenbücher doch seit Jahrzehnten offen herum“, wundert sich die 16-jährige Anna Laura Recksiek. Dann aber findet sie doch eine Erklärung: „Unsere Generation ist die erste, die mit einem anderen Blickwinkel an die Ereignisse von damals herangeht. Unsere Großeltern waren Kriegskinder, und unsere Eltern haben sich nicht getraut, in den Wunden ihrer Eltern zu wühlen.“

Von den 85 Toten, von denen einige nur so alt wie die Zehntklässler wurden, sind 52 laut Oldenburger Archiv-Akten vom provisorischen Friedhof des Klosters Blankenburg auf den Neuen Friedhof in Oldenburg umgebettet worden. Die sterblichen Überreste liegen dort unter einer Rasenfläche, nicht viel größer als ein Klassenzimmer.

„Für jeden Toten ist nur ein schmaler Streifen von 70 Zentimetern in der Breite kalkuliert worden“, wissen die Schüler. Kein Grabstein, keine Gedenktafel. Nichts deutet darauf hin, dass hier 52 Menschen begraben sind. Nun planen die Zehntklässler, endlich eine Gedenktafel auf dem Neuen Friedhof zu errichten – in Zusammenarbeit mit städtischen Sponsoren oder Geldgebern des Landes, vielleicht aber auch gemeinsam mit privaten Stiftungen. Gespräche mit der Friedhofsverwaltung laufen. „Wir würden uns über Spenden, auch Sachspenden, zum Beispiel von einem Steinmetz, sehr freuen“, sagt Recksiek. Es gebe schon ganz konkrete Ideen zur Gestaltung einer Gedenktafel, so Geschichtslehrer Christian Hauck-Hahmann.

Doch wo sind die sterblichen Überreste der anderen 33 Toten verblieben? Hauck-Hahmann und die Schüler gehen davon aus, dass sie wohl noch unter den Fundamenten des Kesselhauses auf dem Blankenburger Klostergelände liegen, das 1941 errichtet wurde. Hauck-Hahmann hält es für „schwer vorstellbar, dass diese Tatsache baurechtlich in Ordnung ist.“ Er plädiert dafür, dass auch diese sterblichen Überreste umgebettet werden. Die Frage, ob das Kesselhaus nicht dafür abgerissen werden müsse, lässt er offen. „Vielleicht ist ja auch eine Bergung von der Seite möglich“, meint er.

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