Unrechtmäßiger Erwerb nicht auszuschließen

Landesmuseum Natur und Mensch untersucht seine Schädel-Sammlung

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Die Ethnologin des Landesmuseums Natur und Mensch in Oldenburg, Jennifer Tadge, stellt einen übermodellierten Zeremonieschädel aus Papua-Neuguinea vor.

Oldenburg - In den Beständen des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg finden sich 21 menschliche Schädel außereuropäischer Herkunft unter anderem aus Australien, Kamerun, Kanada und Papua-Neuguinea. Das hat eine wissenschaftliche Untersuchung des Museums ergeben, die am Dienstag vorgestellt wurde.

Bei einigen Schädeln sei ein unrechtmäßiger Erwerb zu vermuten. Im Januar 1891 erhielt das Museum laut Zugangsbuch einen Aino-Schädel. Den Überrest eines nordjapanischen Ureinwohners hatte der Sammler Paul Meyer via Wladiwostok von der Insel Sachalin nach Oldenburg geschickt.

Geschichte vieler Relikte ist ungeklärt

Jetzt liegt der Schädel neben 20 weiteren in einem grauen Pappkarton. Zuvor lagerten die menschlichen Überreste offen und ungeschützt in den Magazinen. Dass die Bestandsaufnahme komplett ist, bezweifeln die Wissenschaftler - in einer Kladde von 1894 sind weit mehr Menschenschädel verzeichnet, als jetzt gefunden wurden. Während die Forscher bei manchen der Relikte im Dunkel tappen, lässt sich die Geschichte bei anderen gut rekonstruieren. Etwa bei dem für Zeremonien genutzten Schädel aus Papua-Neuguinea, dem Katzenaugenschnecken in die Augenhöhlen eingesetzt sind. Oder bei den menschlichen Überresten zweier Inuit, die von einer Forschungsreise nach Kanada im Jahr 1883 stammen.

Laut den Tagebucheinträgen des Ethnologen Franz Boas hätten sich die kanadischen Ureinwohner explizit gegen das Mitnehmen von Knochen verwahrt, so Museumsdirektor Peter-René Becker. Die Schädel kamen über den Steuermann des Expeditionsschiffs dennoch nach Oldenburg. Als „potenziellen Unrechtskontext“ bewertet dies Jennifer Tadge, die als Mitarbeiterin des Museums die Bestandsaufnahme vorgenommen hat. „Wir können es nicht wieder gut machen, aber wir stellen uns der Verantwortung“, sagt Becker.

Museum will Rückgabe der Schädel ermöglichen

Auch um eine eventuelle Rückgabe der Schädel zu ermöglichen, will der Museumsdirektor die Herkunft der menschlichen Überreste weiter erforschen lassen. Mit Gen-Analysen könne eine genauere Zuordnung zu Ethnien erfolgen. Im Oldenburger Museum will man die Rückführung der Schädel allerdings nicht von sich aus betreiben. „Wenn das Interesse aus den Herkunftsländern da ist, werden wir reagieren“, sagt Becker.

Dem Thema des kolonialen Erbes stellt man sich auch andernorts: Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hatte im April angekündigt, sechs menschliche Schädel aus Afrika in die Herkunftsländer zurückführen zu wollen. Bereits vor einem Jahr hatte der Bremer Senat beschlossen, menschliche Überreste der Ethnien Maori und Moriori aus den Beständen des Übersee-Museums an den Staat Neuseeland zu übergeben.

Der Deutsche Museumsbund hatte 2013 Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen veröffentlicht. Eine wissenschaftliche Untersuchung hat erstmals versucht, die Herkunft der außereuropäischen Schädel zu klären. Dabei haben sich dem Museum zufolge Hinweise auf koloniale Kontexte und berühmte wissenschaftliche Expeditionen ergeben.

dpa

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