Flugzeugabsturz im Zweiten Weltkrieg / Hermann Wilke übergibt Angehörigen die Erkennungsmarke

Ein metallenes Stück Erinnerung

An der Unglücksstelle fand Hermann Wilke noch jede Menge Trümmerteile des Flugzeugs.

Ahlhorn - Von Jan SchmidtEs ist der 13. Januar 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Schutz der Dunkelheit startet auf dem Flugplatz in Ahlhorn eine zweimotorige JU 52-Nachtjägermaschine der Wehrmacht. Die Besatzung soll alliierte Bomber vom Himmel holen – doch schon nach wenigen Kilometern verliert der deutsche Flieger selber an Höhe. Zuerst fallen die Bordinstrumente aus, dann die Motoren. Sekunden später kracht das Flugzeug in die Baumkronen des Fahrenkamper Waldes. Alle vier Insassen sterben.

66 Jahre nach dem Absturz deutet Hermann Wilke auf einen von Moos bedeckten Baumstumpf. „Genau an dieser Stelle hat man die Männer gefunden“, sagt er mit gedämpfter Stimme. Neben ihm stehen Hannelore Schäfer, Helma Hülpüsch und Peter Schneider. Sie sind die Kinder von einem der verunglückten Soldaten.

Als der 22-jährige Helmut Schneider bei dem Absturz ums Leben kam, war seine älteste Tochter Hannelore zwei Jahre alt, sein Sohn Peter gerade mal ein Jahr und die jüngste Tochter Helma befand sich noch im Bauch ihrer Mutter.

Heute stehen die erwachsenen Geschwister an der Absturzstelle, um das letzte Andenken an ihren Vater in Empfang zu nehmen. „Dies ist sie“, sagt Hermann Wilke und holt eine kleine, etwas verblichene, aber dennoch sehr gut erhaltene Erkennungsmarke aus der Tasche. „51618/131“ – die in das Edelmetall eingravierte Nummer ist noch deutlich zu erkennen.

Dass Hermann Wilke die Marke im Wald entdeckte, grenzt nach Expertenmeinungen schon fast an ein Wunder. Sofort machte sich der 58-Jährige auf die Suche nach den Angehörigen.

Dafür schickte er zunächst die Erkennungsmarke nach Kassel zum Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge (VdK), wo die Nummer einem gewissen Fritz Kessler zugeordnet wurde. „Fritz Kessler hat es tatsächlich gegeben. Auch er ist damals mit einem Flieger abgestürzt. Allerdings schon am 20. Oktober 1943 und auch nicht in dieser Gegend“, berichtet Wilke von seinen Nachforschungen.

In der Nacht des 13. Januars 1945 seien im Bereich Ahlhorn-Wildeshausen genau zwei Flugzeugabstürze notiert worden. Die Insassen, jeweils vier pro Maschine, wurden alle in Ahlhorn beerdigt und sind in Kirchenbüchern namentlich erwähnt. Auch, weil Fritz Kessler in den Unterlagen nicht auftauchte, schickte Wilkens die Marke noch einmal weiter nach Berlin zur Dienststelle für die Benachrichtigung der Angehörigen von gefallenen Wehrmachtssoldaten. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die gleiche Erkennungsnummer an zwei verschiedene Soldaten vergeben worden war. „Das hat es in Deutschland keine zehn Mal gegeben“, betont Wilke.

Als Eigentümer kam neben Fritz Kessler demnach nur noch eine weitere Person infrage. Ermittlungen in Berlin und ein Blick in die Ahlhorner Kirchenbücher ließen schließlich keinen Zweifel mehr zu: Die Erkennungsmarke gehört Helmut Schneider, geboren am 27. August 1922 in Hammwerth im Westerwald.

Wilke forschte weiter und fand heraus, dass der Ort im Laufe der Zeit umbenannt worden war in Mudenbach. Spontan griff er zum Telefonhörer und fragte im Pfarrbüro der Gemeinde, ob der Name Helmut Schneider in den Archiven vermerkt sei. „30 Minuten später rief mich eine Mitarbeiterin des Pfarrbüros zurück, eine Frau Schäfer“, erzählt Wilke. „Sie sagte mir, dass sie eine geborene Schneider sei. „Mein Vater ist damals an dieser Stelle abgestürzt“, habe sie nur noch hinzugefügt.

Sofort war Hannelore Schäfer vom Vorschlag begeistert, mit ihren Geschwistern nach Ahlhorn zu kommen und dort die Absturzstelle zu begutachten. Bei dieser Gelegenheit sollte dann auch die Marke übergeben werden. Einige Monate später wurde die Reise dann tatsächlich realisiert. Die Schneiders buchten ein Hotel in Ahlhorn und trafen sich morgens mit Hermann Wilke in dem Waldstück.

„Es ist schön, wenn man sieht, dass sich jemand so viel Arbeit gemacht hat, nur damit wir dieses Andenken an unseren Vater noch bekommen können“, sagte Hannelore Schäfer und verlangte Wilkens unwillkürlich ein verlegenes Lächeln ab. Gemeinsam schritten die Geschwister noch einmal über den Waldboden.

An dieser Stelle, kaum ein paar hundert Meter von der Gaststätte „Schnitgers Höhe“ entfernt, sammelte Wilke noch etliche Überreste der JU 52-Maschine ein. Offenbar wurde der Tankanzeiger des Flugzeugs von den eigenen Kameraden sabotiert. „Die wollten, dass der Krieg endlich vorbei ist“, vermutet der 58-Jährige.

Ihren Aufenthalt nutzten die Schneiders noch für einen Abstecher zum Flugplatz Ahlhorn; jenen Ort, an dem ihr Vater zum letzten Mal in die Luft gestartet war. Das Grab auf dem Ehrenfriedhof in Ahlhorn hatten die Geschwister zuvor schon einmal besucht. Dieses Mal konnten sie von ihrer Reise etwas mit nach Hause bringen: ein kleines Stück Erinnerung aus Edelmetall.

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