Neun Poeten und ihre Wortspiele beim zehnten „Slamprodukt“ in Oldenburg / Über 300 Zuschauer

Melancholie in Fantasialand

Er kam sah und reimte: Thomas Langkau holte sich den Sieg beim Oldenburger Poetry Slam.

Oldenburg - Von Daniel NiebuhrOLDENBURG · Thomas Langkau steht auf der Bühne, als würde er auf den Bus warten. Eine Hand in der Tasche, in der anderen seine Notizen, die Schiebermütze sitzt schief auf dem Kopf. Und dann fängt er an: „Wir liegen im Gras. Du und ich. Eine Wiese. Ich kaue auf einem Grashalm; Gänseblümchen zwischen Deinen Zehen. Der warme Wind und Deine Hand streichen über meinen Bauch. Ja, ich liebe Dich.“

SlamproduktThomas Langkau war der letzte, der beim Poetry Slam am Mittwochabend im brechend vollen Polyester in Oldenburg die Bühne betrat. Und es war kurz nach zehn, als er mit seinem exzellenten Text über Liebe und gesellschaftliche Paradoxa das zehnte „Slamprodukt“ gewann. Doch das war nicht so wichtig.

„Wir haben wieder fantastische Slams gehört“, jubelte Christian Bruns aus dem Organisations-Team, und Kollege Sven Linker sprach sogar von einem „wundervollen Abend“. Neun Slam Poeten waren gekommen, um sich jeweils für fünf Minuten der Jury und dem Publikum zu stellen. Und das war in Scharen gekommen: Mehr als 300 Freunde des geschwungenen Wortes und des gepflegten Schüttelreims überfüllten das Polyester regelrecht. Sie wurden nicht enttäuscht.

Katharina Röben aus Hamburg machte den Anfang, bevor der Hamburger Thomas Langkau zu seinem ersten Auftritt auf die Bühne kam. Mit einem ironischen Rede an den ewigen Verlierer „Dietmar“ („Ach, Dietmar, du bist vom Schicksal getreten, du bist einfach falsch auf diesem Planeten“) buchte er das Ticket für das Finale der besten drei Poeten. „Ulfsmichel“, der im Anschluss die Machenschaften der Geschenkpapier-Terroristen aufdeckte („Wer Geschenkpapier benutzt ist ein Psychopat!“) und Katharina S. aus Oldenburg, die ein starkes Bühnendebüt feierte, gelang das nicht, dafür aber Mitfavorit Andi Substanz aus Münster, der sich im Staccato-Stil ins Finale „rapte“.

Der jüngste Poet an diesem Abend, „Forke“, schaffte das nicht ganz, trotz tosendem Jubel für seinen Text „Lehrbuch 13, Aufgabe vier“, in dem er seinen Schultag in fünf Minuten an sich und dem Publikum vorbeiziehen ließ und zu dem Schluss kam: „Forke, was kannst du eigentlich? Weiß ich doch auch noch nicht.“

Das folgende Zwiegespräch zwischen Nele und Karsten reichte nicht für einen Platz auf dem Podium, ebenso wenig wie der wunderbare Auftritt von „Josefaraway“ aus Oldenburg: „Fantasialand, sagst du, das müsse ich mir mal vorstellen. Vorstellen?, frage ich. Vorstellen, sage ich. Vorstellen, denke ich. Für mich ist das fauler, fieser, mieser, abgefahrener Shit.“ Nicht ganz unerwartet buchte dafür Lokalmatadorin Annika Blanke das Finale, indem sie in drei Minuten aufzählte, was man in eben dieser Zeit alles tun könnte: „Drei Minuten für 30 Ferrero Küsschen, drei Minuten für drei Ein-Minuten-Terrinen, drei Minuten, die verdammt langsam vergehen, wenn man auf der falschen Seite der Klotür steht.“

Die besten drei Poeten lieferten sich dann noch einen sprachlichen Schlagabtausch auf höchstem Niveau. Annika Blanke begann mit Melancholie und einem Luxusproblem: „Ich will nicht soviel Glück haben, einfach so. Ich will darauf warten und nicht, dass es schon da ist, ohne, dass ich es eingeladen habe.“ Ohne Glück reichte es für sie zu Platz zwei noch vor Andi Substanz („Engel sängen in Engelsklängen, was meines Kopfes Enge sprengt“). Thomas Langkau allerdings überflügelte an diesem Abend alle. „Eigentlich hatten wir ja schon ähnliche Texte wie diesen “, verkündete er vor den finalen fünf Minuten, „aber, verdammt nochmal, es ist nunmal mein Lieblingstext.“ Und der nachdenkliche bis verzweifelte Poet begeisterte am Ende alle: „Hilfe! Galileo! Maus und Elefant! Benedikt und Dalai Lama! Gebt mir was, was mich beruhigt! Gebt mir Aspirin! Ich will saufen ohne Schädel; ich will kaufen ohne Kopf! Ausschwitzen! Auskacken! Auskotzen! Mein Kopf zerplatzt!“

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