Ehemaliger Sprecher des Neuen Forums schildert die Wochen vor dem 9. November 1989

„Maueröffnung war nicht beabsichtigt“

Dirk-Michael Grötzsch eröffnete und moderierte die erste offiziell genehmigte Kundgebung des Neues Forums am 18. November 1989 in Leipzig. 2008 erhielt er als einer der Akteure der friedlichen Revolution die „Heiße Kartoffel“, einen Preis des Mitteldeutschen Presseclubs. Repro/Foto: Grötzsch/Eilers

Oldenburg - Von Klaus Eilers . Es klingt fast so, als wünsche sich der geborene Leipziger Dirk-Michael Grötzsch eine Umschreibung der deutschen Geschichte. Der ehemalige Sprecher des Neuen Forums, der jetzt in Oldenburg wohnt und dort als Pressesprecher der evangelisch-lutherische Kirche Oldenburg arbeitet, hält nicht den Mauerfall am 9. November 1989, sondern die friedlichen Proteste einen Monat zuvor für das geschichtsträchtigere Datum: „Die eigentliche Revolution war am Montag, 9. Oktober, 1989.“

„Das Militär rund um Leipzig hatte vor dem Protestzug am 9. Oktober mobil gemacht, und die Krankenhäuser sollten Blutkonserven und Operationskapazitäten bereithalten, um Menschen mit Schussverletzungen zu behandeln“, schildert Grötzsch die Vorkehrungen in jenen Tagen. Schulen, Universitäten und viele Betriebe in Leipzig hätten zugemacht, und „den Menschen wurde die Anweisung gegeben, am 9. Oktober zuhause zu bleiben und nicht in die Innenstadt zu gehen.“ Noch zwei Tage zuvor, am 40. Jahrestag der DDR, „sind Demonstrationen – unter anderem in Leipzig – brutal niedergeknüppelt worden.“ In allen Kirchen in der Leipziger Innenstadt wurden die Menschen am 9. Oktober zum Gewaltverzicht bei den folgenden Protestmärschen aufgerufen, erinnert sich der 55-Jährige. „70 000 Menschen sind dann ab 18 Uhr mit Kerzen in den Händen und Gebeten auf den Lippen durch die Innenstadt gezogen“, schildert Grötzsch die Stimmung bei der Demonstration. „Ich bin überzeugt: Der Staatsapparat war auf 15 000 oder 20 000 Demonstranten gut vorbereitet – und hätte dann auch hart durchgegriffen.“ SED-treue Kampfgruppen hätten zu Hunderten mit Maschinengewehren zwischen den Knien auf Lastwagen gesessen, bereit zum Losschlagen. Die schiere Menschenmasse aber, von der „kein Fünkchen Gewalt ausging“, habe ein Eingreifen unmöglich gemacht, vermutet Grötzsch. Trotzdem hielt sich an jenem Tag die Spannung über der Demonstration, ob die Staatsmacht den Schießbefehl erteilen werde. Aber der kam nicht. „Für mich ist der 9. Oktober 1989 der Tag der friedlichen Revolution, der einzigen friedlichen Revolution auf deutschem Boden“, fasst der 55-Jährige zusammen.

Grötzsch hatte sich Mitte September dem Neuen Forum angeschlossen und ist Mitte Oktober zu einem der sieben Leipziger Sprecher der Bürgerprotest-Bewegung gewählt worden. „In uns ist nach dem 9. Oktober eine gigantische Kraft frei geworden“, sagt der 55-Jährige. Für ihn sind die Ereignisse an diesem Tag mit dem Ausbleiben von Gewalt „ein Wunder“. In den kommenden Wochen seien Hunderttausende in der gesamten DDR auf die Straßen gegangen und hätten protestiert, sagt der ehemalige Sprecher des Neuen Forums. Die Führungsriege hätte daraufhin erste zaghafte Reformen in Aussicht gestellt. „Die Menschen auf der Straße haben sie weggebrüllt.“

„Wir haben den Machtanspruch der SED infrage gestellt und Presse-, Meinungs-, Reisefreiheit gefordert sowie freie demokratische Wahlen.“ Ende Oktober und Anfang November sei die DDR-Führung unter dem Druck der Masse zu mehr Zugeständnissen bereit gewesen. „Die Maueröffnung war aber für uns eine Riesenüberraschung und auch nicht beabsichtigt“, stellt Grötzsch klar. Am Nachmittag des 9. Novembers habe die DDR-Führungsriege neue Reisebestimmungen beschlossen, nach denen Bürger bei einer Behörde einen Antrag auf eine Westreise stellen konnten. „Jemand hat dem Politbüromitglied Günter Schabowski kurz vor einer Pressekonferenz einen Zettel zugesteckt.“ Was Schabowski aus Unkenntnis aber dann mitteilte, hatte nur wenig mit dem Beschluss zu tun. Nämlich, dass ab sofort Ausreisen ins westliche Ausland möglich seien – ohne Vorliegen besonderer Gründe. „Keine Grenzstelle und keine Behörde wusste davon“, sagt Grötzsch. Die Ostberliner, die Westfernsehen empfangen konnten, seien dann zu Hunderten zu den Grenzübergangsstellen gegangen und hätten gerufen: „Lasst uns raus!“ Einer der Grenzoffiziere sei dem Druck der Masse wohl gewichen und habe den Schlagbaum aufgemacht.“ „Das alles war unkontrolliert und ungeplant – für mich nach den Vorkommnissen vom 9. Oktober das zweite Wunder.“ Grötzsch fasst zusammen: „Wir haben ein menschenverachtendes, brutales Unrechtssystem in die Knie gezwungen und abgeschafft. Mit dem Mauerfall war die Reform des Staatsapparats vom Tisch.“

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