Dioxin-Skandal: „Nordwestradio Unterwegs“ lud zur Podiumsdiskussion ein / Frage nach Schuld, Umgang und Folgen

„Lückenlose Kontrolle ist illusorisch“

Moderator Martin Busch (Mitte) standen Wilhelm Hoffrogge, Norbert Meyer, Hedi Grunewald und Peter Meiwald (v.r.) Rede und Antwort. Aus Hannover war zudem Landtagsabgeordneter Clemens große Macke zugeschaltet.

Doetlingen - ALTONA (ts) · „Zwischen den einzelnen Gesprächsabschnitten läuft Musik. Wer singen möchte, kann das auch gerne tun“, schlug Hilke Theessen gestern während der Aufzeichnung von „Nordwestradio Unterwegs“ im Hotel „Gut Altona“ den Zuhörern vor. „Dazu ist uns momentan wirklich nicht zumute“, lautete die Antwort. Schließlich war der Großteil der gut ein Dutzend Gäste Landwirte, bei denen das Thema „Dioxin“ alles andere als gute Laune hervorruft.

Auch die geladenen Gesprächspartner der Sendung, die eine Stunde nach der Aufzeichnung ausgestrahlt wurde, wirkten besorgt, nachdenklich und aufgebracht. „Natürlich bin ich sauer“, sagte der Dötlinger Wilhelm Hoffrogge, Vorsitzender der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft. „Es ist schlimm und beängstigend, dass ein einziges Unternehmen (Harles und Jentzsch) so viel Schaden anrichten kann. Die amtliche Kontrolle der Futtermittelhersteller hat in diesem Fall nicht gegriffen, und die Zusammenarbeit zwischen Niedersachsen und Schleswig-Holstein lief auch nicht gut.“

Neben Hoffrogge diskutierten Hedi Grunewald von der Verbraucherzentrale Niedersachsen, Norbert Meyer, Landvolkvorsitzender und Kreislandwirt aus Vechta, sowie Peter Meiwald von Bündnis 90/Die Grünen unter dem Titel „Schweinerei mit System ?“ mit Moderator Martin Busch. Aus Hannover war zudem der CDU-Landtagabgeordnete und Landwirt aus dem Landkreis Cloppenburg, Clemens große Macke, zugeschaltet.

Einen breiten Raum nahm die Frage nach der Schuld und dem richtigen Umgang mit dem Skandal ein. Hat die Politik schnell genug und richtig reagiert? „Nein“, meinte Meiwald. „Das Krisenmanagement war nicht optimal. Es gibt deutlich zu wenig Kontrolle und zu wenig Personal.“ Große Macke räumte ein, „dass es rückblickend immer Verbesserungsmöglichkeiten geben wird“. Er stellte aber auch klar: „Gegen kriminelle Energie kann nicht 100-prozentig agiert werden“. Eine lückenlose Kontrolle sei illusorisch.

Hoffrogge bemängelte, dass sowohl bei der staatlichen als auch bei der Eigenkontrolle der Betriebe, deren Vernetzung wünschenswert wäre, nur fertige Futtermischungen überprüft werden. „Das ist verkehrt. Wir müssen bei den Rohkomponenten anfangen.“ Eine verbesserte staatliche Kontrolle, abgestimmt mit den Eigenprüfungen, sei der Erfolgsschlüssel, so große Macke.

Meiwald forderte stattdessen, die Futtermittelherstellung wieder ganz in die Region zu holen. Landwirte sollten ihr eigenes Futter herstellen. Das sahen sowohl Hoffrogge als auch große Macke und Meyer anders. „Je geschlossener ein System ist, je größer und moderner, desto sicherer ist die Futtermittelherstellung“, betonte Hoffrogge, der sich zwischenzeitlich ein wenig in Rage redete. Er warf der Politik und dem Verbraucherschutz vor, die Bevölkerung nicht richtig aufgeklärt zu haben. „Das wurde den Medien überlassen, wodurch sich ein abstruser Hype entwickelt hat und Panik gefördert wurde“, sagte er.

Grunewald empfand die öffentliche Darstellung eher als verharmlosend, räumte aber ein, dass „die Verunsicherung der Verbraucher nicht so groß ist, wie viele denken“. Den von Bundesministerin Ilse Aigner vorgelegten Zehn-Punkte-Plan empfand sie genau wie Hoff rogge als einen Schritt in die richtige Richtung. Meyer würde den Plan gerne um einen Punkt ergänzt wissen, der Schadenersatzforderungen der Landwirte vereinfachen würde. „Wir haben nur den Lieferschein fürs Futter, aber keine Probe als Beweis“, bemängelte er.

Aber wer kommt für den finanziellen Schaden der Landwirte auf? „Bei den unmittelbaren Schäden, die durch die Beprobung – eine Probe kostet 500 Euro – und die Vernichtung der Tiere entstehen, sind die Futtermittelhersteller in der Pflicht“, so Meyer. „Die großen Schäden am Markt sind kaum geltend zu machen.“ Die Überlegung des Bundes, Landwirten günstige Kredite anzubieten, dürfte kaum gütlich stimmen. Auch wenn die Bauern den größten finanziellen Schaden haben, „im Vordergrund steht, dass Lebensmittel sicher sind. Und da sind wir Landwirte für zuständig“, sagte Hoff rogge, der dafür Applaus erntete. Er hoffte, dass die Verbraucher bald zu ihrem normalen Kaufverhalten zurückkehren und wieder Vertrauen gewinnen können.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Schlüsselzeuge Sondland bringt Trump in schwere Bedrängnis

Schlüsselzeuge Sondland bringt Trump in schwere Bedrängnis

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

Meistgelesene Artikel

Freie Fahrt ab Freitagnachmittag

Freie Fahrt ab Freitagnachmittag

Leichen im Keller und ein Mord aus Versehen

Leichen im Keller und ein Mord aus Versehen

Ausschuss berät über Straßenausbau

Ausschuss berät über Straßenausbau

Erinnerung und Mahnung zugleich

Erinnerung und Mahnung zugleich

Kommentare