Begegnung: Junge Ghanaer und Togolesen weilen in Harpstedt / Beschäftigung mit brennenden Zukunftsfragen

Kunst wird zum Kommunikationsmittel

Die Biogasanlage von Frieder Eiskamp auf dem „Dreiangel“ haben die jungen Togolesen, Ghanaer und Deutschen gestern im Rahmen der Jugendbegegnung besichtigt.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken· Mais kennen die sieben Gäste aus Ghana und Togo, die momentan zusammen mit fünf deutschen Studenten und Schülern an einer dreiwöchigen Jugendbegegnung teilnehmen und dabei anfangs in der Eduard-Schilling-Stiftung in Harpstedt wohnen, in ihrer Heimat als Grundnahrungsmittel. Dass daraus hierzulande in großem Stil Energie gewonnen wird, kam ihnen gestern bei einer Besichtigung der Biogasanlage von Frieder Eiskamp auf dem „Dreiangel“ zunächst etwas befremdlich vor.

„Ansonsten sind wir aber gar nicht so überrascht über das, was wir hier sehen“, sagt Victor Elom Anyomi (22). Er und die anderen jungen Afrikaner, die in Begleitung der Jugendpfarrer Daniel Akotia (40) aus Togo und Richard Nimo (52) aus Ghana seit dem 14. Juli in Deutschland weilen, kannten die Bundesrepublik bereits aus den Medien als industrialisierten Wirtschaftsraum. Überrascht hat aber der überdurchschnittlich heiße Sommer. Die Hitze hierzulande empfinden die Afrikaner mitunter sogar als unangenehmer als das Klima in ihrer Heimat.

Wenngleich die Gemeinschaftspflege nicht zu kurz kommt, steht die Jugendbegegnung unter der Regie der Evangelischen Jugend Oldenburg in Kooperation mit der Norddeutschen Mission in Bremen im Zeichen ernster Zukunftsfragen und -visionen: Da geht es um die Schere zwischen Arm und Reich genauso wie etwa um die Verschmutzung der Meere. „Am Dienstag haben wir darüber diskutiert, was jeder Einzelne tun kann, damit die Welt nicht den Bach runter geht. Die afrikanischen Gäste fanden, in ihren Ländern müsse zunächst das Umweltbewusstsein geschärft werden. Es komme darauf an, den Mund aufzumachen und immer wieder – nötigenfalls auch laut – auszusprechen, dass der Klimawandel keine Erfindung ist“, erläutert Esther Haas, Regionaljugendreferentin der Evangelischen Jugend Oldenburg.

Doch die Beschäftigung mit der Kernfrage, wie die Erde in 20, 30 oder 40 Jahren aussehen könnte, geschieht nicht in erster Linie über die Sprache. Vielmehr wird die Kunst zum Kommunikationsmittel. Die jungen Menschen erarbeiten ihre Zukunftsvisionen mit Farben und Pinsel – und finden Gefallen daran. In einem Workshop, der sich wie ein roter Faden durch die deutsch-afrikanische Begegnung zieht, gibt die Kunstpädagogin Meike Janßen aus Seefeld/Wesermarsch ihnen das nötige Rüstzeug an die Hand und weiht sie in künstlerische Techniken ein. „Die Afrikaner genießen es, mit Farben zu arbeiten und finden das wunderbar. Sie sind bei null angefangen. Umso mehr erstaunen die tollen Arbeitsergebnisse“, sagt Diakonin Christa Schulz-Achelis aus Harpstedt, die bei der Evangelischen Jugend Bremen beschäftigt ist.

Zum Einstieg in die künstlerische Arbeit ging es um Vorurteile. Die Togolesen und Ghanaer sollten ihre Vorstellungen von der Bundesrepublik malen und die deutschen Jugendlichen ihr persönliches Bild von Afrika wiedergeben. Welche Zukunftsvisionen im Workshop Gestalt annehmen, ist ab dem 1. August in der Oldenburger Lamberti-Kirche für eine Woche zu sehen: Dort werden die entstandenen Gemälde dann präsentiert. „Wir suchen noch nach weiteren Ausstellungsmöglichkeiten in der Region“, sagt Esther Haas.

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind sich der Komplexität des Themas längst bewusst. Sie erkennen, dass in der globalisierten Welt irgendwie alle Problemfelder – von der Kinderarmut bis hin zur Erd-erwärmung – zusammenhängen und nicht isoliert betrachtet werden können. Sie wissen um Regierungen, die oft nicht so handeln, wie sie eigentlich müssten. Sie begreifen, dass die öffentliche globale Wahrnehmung von Umweltkatastrophen stark davon abhängt, ob Medienkonzerne wie CNN darüber berichten oder nicht. Sie hielten es für sinnvoll, wenn alle Staaten der Erde den Klimaschutz als Verfassungsziel formulierten – und wenn Menschen aus Afrika in Industrienationen qualifiziert und ausgebildet würden, um sie mit zukunftsfähigen Schlüsseltechnologien vertraut zu machen.

Sparsam gehalten wurde ganz bewusst das Besichtigungsprogramm mit Zielen wie dem Klimahaus in Bremerhaven und der Jugendkirche Bremen. Bei Frieder Eiskamp erfuhren die afrikanischen Gäste gestern sogar, was die seit November 2008 Strom und Wärme produzierende Biogasanlage gekostet hat. Ihr Urteil: „Gar nicht mal so teuer.“

Da-Do Noviekou (26) aus Togo lobt die angenehme Atmosphäre in der Gruppe. Sie habe überhaupt in Deutschland „sehr nette Menschen kennen gelernt“. Victor Elom Anyomi resümiert auf Englisch kurz und knackig: „Germany  is a  nice place.“

Am Anfang der Begegnung wirkte auch die Fußball-WM nach. In Diskussionen ging es etwa um das unglückliche Ausscheiden Ghanas gegen Uruguay. „Die Ghanaer in unseren Reihen haben sich aber gefreut, dass die deutsche Elf so weit gekommen ist“, plaudert Esther Haas aus dem Nähkästchen. Ein bisschen WM-Feeling kam jüngst beim gemeinsamen Kicken im Garten der Schilling-Stiftung mit „international besetzten“ Mannschaften auf. Nach den ersten elf Tagen der Begegnung wechselt die Unterkunft: Die Gruppe wohnt dann für eine Woche bei privaten Familien im Ammerland und in der Wesermarsch. Für die letzten Tage geht‘s in eine Jugendherberge.

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