Initiative im Kreis Oldenburg

Heimatverbunden, knackig, neugierig: Junge Landfrauen und wie sie ticken

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Das Landleben schätzen Neele Bruns, Ramona von Seggern und Tonia Helmers (von links) sehr – auch, wenn sie nicht alle auf einem Bauernhof leben.

Das Landvolk hat ein neues Mitglied bekommen: die Junge Landfrau. Sie taucht immer häufiger auf – auch im Kreis Oldenburg. Sie liebt das Leben fernab der Stadt, arbeitet aber nur selten im Stall. Nachmittags hat sie keine Zeit. Wie tickt die Junge Landfrau? Ein Erklärungsversuch.

Landkreis Oldenburg – Wer das Stichwort „Junge Landfrauen Niedersachsen“ in eine Online-Suchmaschine eingibt, erhält mindestens 40 Treffer, hinter denen sich Informationen zu Initiativen von Frauen unter 40 Jahren verbergen. Sogar eine Anleitung zum Aufbau gibt es im Internet: „Der einfachste Weg ist es, eine Art Untergruppe der Kreislandfrauen zu gründen. Die besteht lediglich aus einer Orga-Gruppe und wir schenken uns die ganzen Wahlen und den administrativen Bums“, schreibt etwa „Deichdeern“ aus Nordfriesland.

Pragmatisch, knackig und möglichst simpel – so halten es auch die Jungen Landfrauen, die sich im Mai im Landkreis Oldenburg gegründet haben. Sie kommunizieren per Handy-Chat bei Whatsapp und treffen sich einmal im Monat zu einer gemeinsamen Aktion. Neun von ihnen bilden ein Organisationsteam. Doch was macht die Jungen Landfrauen so anders, dass sie eigene Veranstaltungen planen und damit Frauen erreichen, die vorher nicht kamen? Fünf Antworten.

Junge Landfrauen wohnen eher selten auf einem Bauernhof, aber lieben das Landleben.

„Ich glaube, es ist heute nicht mehr so, dass die Frau auf dem Hof mitarbeitet. Ich denke, das war früher schon anders“, sagt Janine Kolweyh. Sie ist 33 Jahre alt und lebt in Iserloy-Hockensberg. Viele der Jungen Landfrauen stammen aus ländlichen Regionen. Manche leben nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem sie aufgewachsen sind – manchmal ist es ein landwirtschaftlicher Betrieb, oft nicht. Vielleicht 20 Prozent der Mitglieder wohnen auf einem Bauernhof, schätzt Anna-Lena Langhorst. „Man muss keinen Hof zu Hause haben.“ Die Lust am Landleben reiche aus, findet sie. Die 25-Jährige ist eine der Initiatorinnen der Jungen Landfrauen im Kreis Oldenburg.

Die Adventskranzaktion hat Ann-Kathrin Paradies (links) und Nicole Orth zu den Jungen Landfrauen gelockt.

Es gehe darum, das Leben fernab der Stadt zu schätzen, sagt Tonia Helmers. „Es bietet so viel. Ich bin dem Landleben sehr verbunden.“ Die 32-Jährige wohnt in Wildeshausen, hat aber einige Jahre auf einem Hof verbracht. Ihre Arbeit als Personaldisponentin hat sie dafür jedoch nicht aufgegeben. „Ich habe großen Respekt vor der Aufgabe. Ich mag es für die Freizeit“, sagt Helmers über die Landwirtschaft.

„Es ist auch einfach ein Heimatgefühl“, findet Neele Bruns. Sie arbeitet als Förderschullehrerin und lebt auf einem Hof in Großenkneten. Dazu passt, dass eine der ersten Veranstaltungen der Jungen Landfrauen im Kreis eine Kremserfahrt war: Auch ein Angebot an Zugezogene, um die Gegend besser kennenzulernen, erklärt Langhorst.

Junge Landfrauen haben am Nachmittag keine Zeit und wollen kein Kuchen-Back-Service sein.

„Wir gehen davon aus, dass alle arbeiten“, erklärt Ramona von Seggern, die ebenfalls zum Orga-Team gehört. Deshalb planen die Jungen Landfrauen ihre Veranstaltungen immer für abends. Die Eigenständigkeit durch die von einem Familienbetrieb unabhängige Arbeit und die veränderte Lebensgestaltung der Frauen spiegeln sich auch in ihrem Selbstverständnis wider. Sie seien nicht dazu da, um für Basare und Märkte Kuchen zu backen, findet Langhorst: „Es geht ja nicht darum, Leute zu beköstigen.“ Das sehen andere lockerer. Bruns schlägt vor, die Landfrauen könnten doch „einen coolen Kuchen backen“. Und Helmers argumentiert: „Nur weil es eine alte Tradition ist, muss es ja nicht verstaubt sein. Und wer bitteschön isst nicht gerne Kuchen?“

Wie dem auch sei: Selbermachen ist in, die Neuinterpretation von Althergebrachtem auch. Zum Beispiel die Idee, vor den Begriff „Landfrauen“ das Adjektiv „Junge“ zu setzen, die viele angelockt hat, die sonst nicht gekommen wären. „Alle haben gesagt: Da gehen wir nicht hin. Und dann waren doch alle da“, erzählt Langhorst von der Gründungsveranstaltung im Mai. Knapp 70 Interessentinnen waren damals dabei.

Neues auszuprobieren oder Interessen zu teilen steht im Fokus der Initiative. Denn die Jungen sind in einem Alter, in dem noch einige wichtige Entscheidungen ausstehen. „Die anderen Landfrauen haben schon ein festes Leben“, beschreibt Langhorst den Unterschied. Doch sie habe nach außen hin gar kein Problem damit, dazuzugehören: „Ich muss mich nicht schief angucken lassen, weil ich Landfrau bin.“

Junge Landfrauen machen lieber eine Weinprobe, als zum Hörgeräteakustiker zu gehen, und nutzen lieber Whatsapp, als Flyer zu drucken.

Rund 130 Teilnehmerinnen hat der Whatsapp-Chat der Jungen Landfrauen Oldenburg derzeit. Instagram soll bald als Info-Kanal hinzukommen, und auch auf der Internetseite des Kreisverbands können Interessierte die aktuellen Termine finden. „Die jungen Landfrauen sprießen überall aus dem Boden“, beobachtet Langhorst – und sie sind digital vernetzt.

Nicht nur die Kommunikationsformen, auch die Interessen der Frauen hängen von ihrem Alter ab. Veranstaltungen beim Optiker und Hörgeräteakustiker sind für ältere spannend, für jüngere hingegen nicht. Eine Weinprobe, ein Plattdeutschkurs, Adventskränze basteln – das sind die Veranstaltungen, die die Unter-40-Jährigen im Landkreis bisher organisiert haben. „Ich glaube, die Leute, die da sind, haben ähnliche Interessen“, sagt Helmers.

Und zwar? Dinge selbermachen, etwas anpacken – und Hauswirtschaftliches, antwortet die 32-Jährige. „Nettes mit Sinnvollem verbinden“, meint Bruns. Von Seggern schätzt, dass es „von allem etwas“ gibt und sich Traditionelles und Neues bei den Jungen Landfrauen mischen. Und Ann-Kathrin Paradies aus Munderloh ist zur Adventskranz-Aktion einfach deshalb gekommen, weil sie ein „Bastelfreak“ ist. „Man will sich ja auch integrieren“, fügt die 32-jährige Bankkauffrau hinzu.

Junge Landfrauen suchen nach einem Netzwerk.

Das Angebot der Jungen Landfrauen füllt gleich mehrere Lücken. „Es gibt für Männer alles Mögliche, aber die Frauen bleiben immer ein bisschen auf der Strecke“, findet Langhorst. Andere freuen sich, dass es ein Angebot für ihre Altersgruppe gibt: „Aus dem Landjugendalter ist man ja raus“, sagt Kolweyh – und die Mitglieder der etablierten Landfrauenvereine seien eben häufig deutlich älter. Die Grenzen ihrer Gemeinde zu überschreiten, sei wichtig, findet Paradies: „Man muss sich mal mehr untereinander kennenlernen.“ Heike Haske nennt das „auch mal unter Leute kommen“. Dass die Jungen Landfrauen im gesamten Kreis Oldenburg agierten, mache es abwechslungsreicher. Dass nicht alle auf einem Hof leben, Kinder haben oder demselben Beruf nachgehen, gefällt von Seggern: „Wir sind eine schön gemischte Truppe, das finde ich inspirierend.“

Lesen Sie auch: Landvolk-Unmut wegen Bauern-Bashings

Manche kennen sich noch aus der Grundschule, andere haben sich erst vor Kurzem getroffen. Die einen melden sich zu einer Veranstaltung an, auch ohne jemanden zu kennen. Zu den anderen gehört die 34-jährige Sabrina Grünfelder, deren Freundinnen sie zur Adventskranz-Aktion begleiten: „Ganz alleine wäre ich nicht hergekommen, glaube ich.“

Für Langhorst vom Orga-Team steht der Netzwerkgedanke im Vordergrund. Gerade, wenn die alten Freundeskreise auseinander gingen, weil doch nicht alle das Landleben liebten, oder eine Frau zu ihrem Partner zöge, seien neue Ansprechpartner wichtig. Themen wie Kinder, Arbeit, Wohnen, aber auch Austausch zu anderen Fragen: Trotz der lockeren Struktur seien die Jungen Landfrauen alles andere als oberflächlich, meint die 25-Jährige. „Wenn ich etwas habe, dann werde ich gehört.“

Junge Landfrauen wollen den etablierten Landfrauenvereinen keine Konkurrenz machen.

„Vielleicht haben wir auch total Vorurteile“, sagt Kolweyh. Aber sie ist trotzdem froh, dass es eine Landfrauengruppe für ihre Generation gibt. „Es ist einfacher, sich mit den jungen Leuten zu unterhalten“, findet auch Haske. Der ungezwungene, lockere Charakter der Treffen gefällt Nicole Orth aus Munderloh besonders gut. Kolweyh bestätigt das. Sie nennt als Beispiel die Adventskranz-Bastelaktion, die Seegers organisiert hat. „Wir können jetzt sehen: Keine kann so richtig professionell binden.“ Kein Problem, findet sie – aber bei den etablierten Landfrauen wäre das sicher anders gewesen.

Dem Austausch mit den Älteren wollen sich die Jungen Landfrauen aber nicht verschließen: Bald steht ein gemeinsamer Weihnachtsmarktbummel an. Außerdem sind die meisten der neu Aktiven Mitglied in den Ortsvereinen geworden. Mit gutem Grund: Die Gruppe nutzt die Verwaltung der Kreisverbände. „Ich glaube, viele Landfrauen hatten Angst, dass wir einen eigenen Verein gründen“, sagt Langhorst. Aber dafür gibt es wenig Anlass: Der Nachwuchs hält es am liebsten pragmatisch und simpel.

Neugierig?

Die Jungen Landfrauen im Landkreis Oldenburg sind per E-Mail an junge-lf@kreislandfrauenverband-oldenburg.de zu erreichen.

Wandel im Verband: „Da kommt frischer Wind“ 

Birgit Wessel, Geschäftsführerin des Niedersächsischen Landfrauenverbands Hannover: „Das ist auf jeden Fall eine gute Entwicklung. Landfrauen, das müssen wir ehrlich sagen, haben oft ein angestaubtes Image in der Öffentlichkeit. Dass so viele sich dazu bekennen zu sagen: ,Wir sind Landfrauen’, das tut dem Verband gut.“ 

Es sei auch wichtig, mit aktuellen Themen in die Zukunft zu schauen, sagt Wessel. Gründe für die Entstehung der Jungen Landfrauen sieht sie vor allem in den unterschiedlichen Lebensweisen der Generationen: Die jüngeren Mitglieder seien in der Regel berufstätig und hätten keine Zeit, nachmittags Veranstaltungen zu besuchen. Auch die Themen seien nicht die gleichen. Außerdem bestehe – trotz relativ stabiler Mitgliederzahlen – eine Alterslücke zwischen 45 und 55 Jahren. „Man möchte nicht mit seiner Schwiegermutter die Freizeit verbringen“, sagt Wessel. 

Ina Janhsen, Präsidentin des Niedersächsischen Landfrauenverbands Weser-Ems: „Das kommt von unten, von den jungen Leuten. Da kommt frischer Wind in den Verband. Das Gefühl scheint zu sein: Wir wollen etwas zusammen machen.“ Dinge selbst herzustellen, zu nähen oder einzumachen, aber auch die Gemeinschaft zu suchen sei wieder im Trend – und knüpfe an die Interessen der bestehenden Landfrauenvereine an. „Im Grunde genommen sind die Interessen ja gleich“, findet Janhsen. Sie hofft auf eine gemeinsame Entwicklung: „Wir wünschen uns, dass sich die jungen Frauen an die bestehenden Ortsvereine andocken.“

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