Unbegleitete Flucht, begleitete Ankunft

Jugendliche, die ohne ihre Familie nach Deutschland flüchten, brauchen besondere Unterstützung durch die Behörden. Foto: dpa

Sie kommen ohne Familie, sind noch nicht einmal 18 Jahre alt und haben keine Zukunftsperspektive: Unbegleitete minderjährige Geflüchtete, die das Jugendamt des Landkreises Oldenburg betreut, haben auch nach der Ankunft eine schwere Zeit vor sich. Die Behörde zieht trotzdem eine positive Bilanz.

Landkreis Oldenburg – 35 unbegleitete minder- oder inzwischen volljährige Geflüchtete hat der Landkreis Oldenburg im vergangenen Jahr betreut, berichtet das Jugendamt. Die meisten von ihnen seien männlich, viele stammten – wie schon 2018 – aus Gambia und Guinea, andere kämen aus Marokko, Somalia und Nigeria. Nicht nur die Probleme, die sie mitbrächten, sondern auch die häufig komplizierten bürokratischen Verfahren in Deutschland seien eine Belastung für die jungen Menschen, heißt es in der Jahresbilanz. Der Aufwand für die Betreuung sei „deutlich größer als 2015 erwartet, die Hilfebedarfe stellen sich umfangreicher und langwieriger dar“. 15 der im vergangenen Jahr Betreuten seien jünger als 18 Jahre.

Nichtsdestotrotz verzeichnet die Behörde für 2019 überwiegend positive Fälle: Von den 21 abgeschlossenen Hilfeverfahren sei nur eines mit einer Ausreise geendet. Zwei Jugendliche verließen ihre Wohngruppe, ohne Bescheid zu sagen – „vermutlich, weil sie für sich keine Bleibeperspektive in Deutschland gesehen haben“, teilt das Jugendamt mit. Die meisten der jungen Menschen lebten nun in eigenen Wohnungen und seien nicht mehr auf besondere Unterstützung angewiesen.

Nach der Ankunft kommen sie häufig in Wohngruppen unter. In Ganderkesee und Delmenhorst seien die Einrichtungen des Wichernstifts Anlaufstellen, auch der Lindenhof in Hude nehme Minderjährige auf. Andere lebten in Pflegefamilien oder würden ambulant in eigenen Wohnungen betreut.

Betreuung ohne Worte

Katharina Kruse-Matyl leitet die Einrichtung in Hude und hat seit 2015 die vielfältigen Herausforderungen im Umgang mit den unbegleiteten Jugendlichen erlebt. Seit 2018 kämen vor allem Minderjährige aus Afrika in den Lindenhof, der Jungen ab 15 Jahren aufnimmt, sagt sie. „Sie haben absolut unterschiedliche Bildungsstände, manche waren nur auf einer Koranschule.“ Das sei besonders deshalb schwierig, weil für 16-Jährige von den Behörden vorgesehen ist, dass sie direkt in ein Berufsvorbereitungsjahr starten – doch häufig seien die fehlenden Deutschkenntnisse ein Problem. Manchen müssten die Gruppenregeln mit Händen und Füßen vermittelt werden, weil Sprachmittler fehlten. Doch es funktioniere: „Sehr positiv ist, dass das Zusammenwohnen überhaupt nicht problematisch ist“, sagt Kruse-Matyl. Es gebe keine Konflikte zwischen den deutschen und den ausländischen Jugendlichen, die über die alterstypischen hinausgingen. „Unser Konzept der Integration geht auf.“

Ausbilder sind zufrieden

Von Erfolgen berichtet auch das Jugendamt: Viele der Geflüchteten haben 2019 einen wichtigen Schritt in die Selbstständigkeit gemacht und eine Ausbildung angefangen. „Von den Betrieben gibt es dabei durchgängig positive Rückmeldungen zur hohen Arbeitsbereitschaft der jungen Männer“, heißt es im Bericht. Auch insgesamt sei zu sehen, dass die unbegleiteten Minderjährigen „eine hohe Motivation zu Anstrengung und Integration haben“. Eine Hürde sind jedoch die theoretischen Inhalte: Wer in seinem Herkunftsland nur kurz die Schule besucht hat, scheitert laut Jugendamt häufig daran – und entscheidet sich dann dafür, eine Tätigkeit auszuüben, für die kein weiteres Fachwissen nötig ist.

Da Deutschkenntnisse und ein Ausbildungsplatz wichtige Voraussetzungen für eine Bleibeerlaubnis sind, fürchteten die jungen Leute häufig die Abschiebung in ihr Herkunftsland, berichtet das Jugendamt. „Dies betrifft insbesondere die in den vergangenen Jahren Eingereisten aus den afrikanischen Ländern, die wenig Aussicht auf Asyl-anerkennung haben.“ Diese Unsicherheit erschwere nicht nur die Lage der Betroffenen, sondern auch die Arbeit der Helfenden: „Oft müssen die Betreuer die psychischen Folgen der Frustration und Unsicherheit mit pädagogischen Mitteln auffangen, die durch ausländerrechtliche Rahmenbedingungen und behördliche Verfahren entstehen.“ Es komme „im äußersten Fall“ auch vor, dass die Mitarbeitenden Abschiebungen oder die Angst davor „emotional begleiten“ müssten, heißt es im Bericht.

Eine therapeutische Begleitung sei für viele der traumatisierten jungen Menschen keine Option, zudem fehlten geeignete Fachstellen, beobachtet das Jugendamt. Kruse-Matyl sieht auch in diesem Bereich vor allem die Sprache als Problem: „Wenn die Jugendlichen so schlecht deutsch sprechen, finden sie keine therapeutische Anbindung.“ Lediglich in Bremen und in Hannover gebe es eine Anlaufstelle für psychologische Hilfe in anderen Sprachen.

Viele Anforderungen in kurzer Zeit

Die Herausforderungen für die Geflüchteten seien groß, findet Kruse-Matyl: Innerhalb weniger Jahre müssten sie lernen, in einem fremden Land zurechtzukommen, sich die Sprache aneignen und eine berufliche Perspektive entwickeln. Ab der Volljährigkeit müssen die jungen Leute einen eigenen Antrag auf Unterstützung beim Jugendamt stellen und können dann noch zwei weitere Jahre in einer Einrichtung wie dem Lindenhof bleiben. „Viele derjenigen, die diesen herausfordernden Prozess gut bewältigen konnten, haben sich inzwischen zu sehr verantwortlichen jungen Erwachsenen mit einer oftmals beeindruckenden persönlichen Reife entwickelt“, bilanziert das Jugendamt.

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