16. „Landtage Nord“ in Wüsting eröffnet / Bis Montag 70 000 Besucher erwartet

Dialog statt „Besserwissermanier“

Bei der Eröffnung der deutschen Schafschurmeisterschaften: Katja Suding, Christian Dürr (beide FDP-Bundestagsabgeordnete), Fred Wachsmuth (Vorstand des Verbands deutscher Schafscherer), Schafscherer Felix Riedel (deutscher Vizemeister), Harald Lesch (Sponsor Genossenschaftsverband Weser-Ems) und Helmut Urban (v.l.). Foto: Franitza

Wüsting – In einem Punkt waren sich die Redner bei der Eröffnung der 16. „Landtage Nord“ am Freitagvormittag einig: So kann es nicht weitergehen. Sei es im öffentlichen Umgang mit den Landwirten, sei es mit einem „weiter so“ bei Produktionsmethoden aber auch Konsumverhalten, sei es bei der Vernachlässigung der Agrarier auf dem Land in Hinsicht Zukunftschancen und Internet. Mehrere hundert Gäste, darunter zahlreiche Vertreter aus Bundes- und Landespolitik, Verwaltungen und Verbänden aus dem gesamten Nordwesten, hatten sich zu einem Stelldichein im Festzelt auf dem 130 000 Quadratmeter großen Messegelände getroffen. Festrednerin war die Vize-Bundesvorsitzende der FDP, Katja Suding. Sie stammt gebürtig aus Vechta und kennt die Landwirtschaft aus der eigenen Familie. Rund 70 000 Besucher werden bis Montag in Wüsting erwartet, 600 Aussteller aus allen Bereichen der Agrarbranche nehmen daran teil.

Kein Blatt vor den Mund nahm eingangs Helmut Urban, selbst Bauer, Firmengründer und „Erfinder“ der „Landtage“. „Was negativ über die Landwirte verbreitet wird – ich halte das kaum noch aus“, empörte er sich. Wenn das so weiter gehe, wolle niemand mehr diesen Beruf ergreifen. Schon jetzt gebe es in Wüsting nur noch drei Höfe. „Das ist so traurig – wir müssen langsam aufwachen.“ Denn, so Urban, wer solle denn dann noch die Natur pflegen, wenn nicht die Bauern vor Ort. Es müsste ein Ende haben, dass Landwirte immer nur als „Bittsteller“ auftreten müssten.

Die Diskussion um den Klimawandel komme nicht von ungefähr, befand Hudes Bürgermeister Holger Lebedinzew – „ob Greta oder nicht“. Die Verbraucher wollten möglichst viele Lebensmittel zu einem möglichst geringen Preis. Die Spirale habe sich immer weiter gedreht: „Das geht eine Zeit lang gut – aber jetzt nicht mehr“, befand er. Das zu ändern und umzukehren sei möglich, „es liegt an uns, denn wir alle sind Verbraucher“, so der Huder. Gleichwohl: „Verbockt haben wir das alle miteinander.“ Deswegen dürfe dies jetzt nicht allein auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen werden. Dass diesen, bei aller Transparenz und Ansätzen, Scheinheiligkeit vorgeworfen werde, sei nicht hinzunehmen: etwa, wenn jedes Blühstreifenprojekt gleich als zu klein abgestempelt werde. Nötig sei ein breit angelegter Dialog, bei dem nicht jeder versucht, einen wirtschaftlichen oder politischen Vorteil herauszuschlagen. Anders könne die Auseinandersetzung mit dem Thema nicht funktionieren, so Lebedinzew.

„Draußen“ werde vor allem „über“ Landwirte gesprochen, konstatierte Landrat Carsten Harings. Dass die Kritik in einer „Besserwissermanier“ vorgetragen werde, sei nicht hilfreich. Dabei sollte die Diskussion doch besser respektvoll geführt werden. Deswegen sei es gut, dass die „Landtage“ der Branche hier eine gewichtige Stimme verliehen. „Jeder isst, was er essen möchte und kann sich vorher darüber informieren“ – diese Entscheidung wolle doch wohl niemand ernsthaft infrage stellen. Gleichwohl: „Der Landwirt will, soll, und muss davon leben“, so Harings. Doch geben Verbraucher hierzulande aktuell weniger als die Hälfte der Summe ihres Einkommens für Lebensmittel aus, als noch in den 1970er-Jahren. Das sei auch bei den Bauern angekommen. „Geiz ist nicht geil, sondern uncool“, sagte Harings unter dem Applaus der Gäste. Bestehende Probleme ließen sich nur gemeinsam lösen, und nicht dadurch, dass Bauern beschimpft und an den Pranger gestellt werden. In seiner Heimat, in der Gemeinde Hatten, plane ein Landwirt, einen Biohennenstall zu bauen, so Harings weiter: „Was folgt, ist blanke Ablehnung.“ Schlimmer sei jedoch, was in den „unsozialen Medien“ verbreitet wurde: Da werde allen Ernstes sogar von einem „Hühner-KZ“ gesprochen. „Da verschlägt es einem die Sprache“, schimpfte der Landrat. Und weiter: „Es ist unfassbar, einen Landwirt in die Nähe der Machenschaften des Naziregimes zu rücken“, wetterte er, „da fehlen einem 99 Pfennig an der Mark.“

„Die gesellschaftliche Debatte hat sich immer weiter von dem entfernt, was auf den Höfen passiert“, konstatierte Katja Suding anschließend. Zurück zu vermeintlich ökologischen Methoden? Die Antworten der „selbsternannten Klimaretter“ seien so einfach wie falsch. Sollten Landwirte wieder Wildgetreide anbauen wie noch vor 10 000 Jahren? Aber wie sollten dann die Milliarden von Menschen ernährt werden? Eine „konventionelle“ Landwirtschaft gebe es ihrer Ansicht nach nicht. Um die aktuellen Herausforderungen zu meistern, sollten die Bauern auf Fortschritt und Technik setzen („nicht zurück in die Steinzeit“) – das komme auch beim wichtigen Thema Klimaschutz zum Tragen. Um dem Ausstoß von Treibhausgasen überall zu begegnen, schlug die FDP-Politikerin vor, den Handel mit sich stetig verknappenden Zertifikaten auf alle gesellschaftlichen Bereiche auszuweiten. Abschließend sprach Suding den Wolf an: Sollte dieser sich irgendwo als Gefahr erweisen, müsse er auch geschossen werden dürfen.  fra

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