Uwe Mahlstedt leidet an tödlicher Nervenkrankheit

ALS-Patient auf Abschiedstour: Wenn eine Diagnose alles verändert

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Uwe Mahlstedt hat in seinem Gator Platz genommen. Der Wagen kommt normalerweise als Transportfahrzeug in Gartenbaubetrieben zum Einsatz. Ehefrau Kerstin steht ihrem Mann zur Seite. 

Kirchhatten - Von Ove Bornholt. Uwe Mahlstedt stirbt langsam. Der 51 Jahre alte Kirchhatter leidet unter der unheilbaren Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose, siehe unten). Das bedeutet, dass sich seine Muskeln nach und nach zurückbilden, bis er schließlich erstickt. Wie viel Zeit ihm bleibt, ist offen. Er ist seit einigen Jahren erkrankt, und der Muskelschwund schreitet voran.

„Wenn man Glück hat, hat man fünf Jahre“, sagt er. Noch kann Mahlstedt vieles machen, und er will seine Zeit nutzen. Unter anderem für „Uwe‘s Farewell Tour“ – der 51-Jährige möchte sich von Freunden sowie Bekannten verabschieden und auf seine Krankheit aufmerksam machen, an der übrigens auch der weltberühmte Physiker Stephen Hawking leidet.

Mahlstedt weiß seit dem Sommer 2015, dass er ALS hat. Damals bemerkte er, dass seine Kraft in den Armen nachließ. Vor der Diagnose hatte er ein ganz normales Leben gelebt. Er sitzt auf dem Sofa im heimischen Wohnzimmer und erzählt. Wie er in Hurrel geboren wurde, in Hude seinen Hauptschulabschluss machte und eine Lehre zum Kfz-Mechaniker anfing. „Das ist damals ja jeder geworden“, sagt er mit einem Schmunzeln.

30. Hochzeitstag im August

Nach der Lehre verpflichtete er sich für vier Jahre bei der Bundeswehr, Flugabwehrraketenbataillon 24. Er war unter anderem in Delmenhorst stationiert. Schließlich zog er Anfang der 1990er-Jahre mit seiner Frau Kerstin (47), die während des Gesprächs neben ihm sitzt, nach Kirchhatten. Seitdem wohnen beide neben Kerstins Elternhaus. Sie haben zwei 29 und 27 Jahre alte Söhne und sind im August 30 Jahre verheiratet.

Hin und wieder greift der 51-Jährige beim Erzählen nach seiner Kaffeetasse, trinkt einen Schluck. Dabei hält er den Becher mit der einen Hand und stützt diese mit der anderen Hand ab. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf, aber daran merkt man, wie krank er ist. Zudem spricht er zwar klar und verständlich, aber etwas ungewöhnlich, weil sich seine Nacken- und Schluckmuskulatur bereits zurückbildet.

Mahlstedt arbeitete nach der Bundeswehrzeit fast 20 Jahre lang als Fahrer, bewegte von Bussen über Kieslaster bis hin zu Schwimmbaggern „so ziemlich alles, was Räder hat“, erinnert er sich mit einem Lächeln. Schlussendlich machte er sich 2010 selbstständig, bot Winterdienst und das Reinigen von Fotovoltaik-Anlagen an. „Die Geschäfte liefen gar nicht schlecht“, sagt er.

Das große Hobby: der Schützenverein

Schließlich kommt Mahlstedt auf sein großes Hobby zu sprechen. Fast während seines ganzen Lebens war er im Schützenverein Sandersfeld in der Gemeinde Hude aktiv. Mit acht Jahren trat er ein, 1982 wurde er Jugend- und 1990 Herrenkönig. Er engagierte sich ehrenamtlich als Jugendwart und stellvertretender Vorsitzender. Ihm kommen die Tränen, als er davon erzählt. Inzwischen kann er nicht mal mehr ein Gewehr heben und ist vergangenes Jahr von allen Ämtern zurückgetreten. Ehefrau Kerstin, die als Damenwartin im Verein aktiv war, holt ihm ein Taschentuch. Es ist einer der seltenen Momente, in denen Mahlstedt während des Gesprächs die Fassung verliert. Er vermittelt ansonsten einen lebenslustigen, fröhlichen Eindruck. Auch Wehmut zeigt er kaum.

Ende 2011 erlitt Mahlstedt einen Schlaganfall. Beim Erzählen verschränkt er die Arme vor der Brust, die vorher noch ganz entspannt auf seinen Oberschenkeln lagen. Die Erinnerung an den Hirnschlag macht ihm offenbar zu schaffen. Er beschloss damals, wieder als Angestellter zu arbeiten und fing bei einem Abschleppdienst um die Ecke an. „Ich wollte etwas zurückschalten“, sagt er.

Erstes ALS-Symptom im Jahr 2015

Dann kam das Jahr 2015, und der Kirchhatter merkte, dass die Kraft in seinen Armen nachließ. Ein typisches Symptom für ALS, was er damals aber noch nicht wusste. „Es wurde und wurde nicht besser“, sagt Mahlstedt, der schließlich zum Hausarzt ging, der ihn an einen Neurologen überwies. „Der hat eigentlich sofort gesehen, was ich habe“, meint der 51-Jährige. Es folgte eine Untersuchung im Krankenhaus und die Diagnose ALS. Mahlstedt behielt es eine Woche für sich, bevor er sich seinem Bruder und seiner Frau offenbarte.

Kerstin berichtet, dass die Unsicherheit direkt nach der Diagnose ein „Scheißgefühl“ gewesen sei. „Warum eigentlich er?“, fragt sie. „Er hat sechs, sieben Tage in der Woche gearbeitet.“ Das Paar sei zweimal für eine Woche in den Urlaub gefahren. Nach Hooksiel und München. In 31 Jahren, in denen sie zusammen sind. Ansonsten Tagestouren, mit den Kindern mal zum Tierpark Hagenbeck nach Hamburg. Während sie erzählt, halten sich beide an den Händen. „Wir geben uns gegenseitig Kraft“, sagt sie. „Solange er Kraft hat, habe ich auch welche.“ Die Ehe habe sie zusammengeschweißt.

Seinen Humor hat er nicht verloren

Uwe habe trotz der Krankheit seinen Humor nicht verloren, meint sie. Er beugt sich vor: „Ich habe nach der Diagnose an einer Studie in Hannover teilgenommen. Da fragte mich eine junge Medizinerin kritisch, ob ich noch rauchen würde. Ich sagte ihr: ,Das Rauchen bringt mich nicht mehr um.‘“ Beide Eheleute müssen darüber lachen.

Der Rest ist schnell erzählt: Nach einer kurzen Reha fing Mahlstedt wieder an zu arbeiten. Erst in Kirchhatten, dann bis Mai 2016 in Wildeshausen. Seit dem 1. März dieses Jahres ist er Rentner. „Voll erwerbsgemindert“, wie es im Behördendeutsch heißt. Eigentlich sollte er direkt nach seiner Reha in Rente gehen, „aber mir fehlte noch etwas Zeit für meine Rentenansprüche, und es wurde auch langweilig“, so Mahlstedt.

Idee zur „Farewell Tour“ kam in der Klinik

Noch im Krankenbett kam ihm die Idee für seine „Farewell Tour“. „Ich wollte ein paar Leute besuchen, aus der wilden Zeit, dem Mofa-Alter. Und Arbeitskollegen. Leute, die man schon lange nicht mehr gesehen hat.“ Bis jetzt war unter anderem eine eintägige Nostalgie-Tour mit einem alten Opel Ascona und Kadett drin. „Andere kriegen einen vor den Koffer, und dann war‘s das“, will Mahlstedt die Zeit, die er hat, nutzen. Auch um auf die Krankheit aufmerksam zu machen und Spenden für Ausflüge im Rahmen der Tour zu sammeln. Dafür stellte er sich mit seinem Gator, einem kleinen Transporter wie er zum Beispiel in Gärtnerbetrieben zum Einsatz kommt, auf den Marktplatz in Kirchhatten und auf den Parkplatz des Edekas in Sandkrug. Den Wagen hat er von seinem ehemaligen Chef zur Verfügung gestellt bekommen.

Mahlstedt wollte mit Freunden, Bekannten oder Passanten ins Gespräch kommen, von seiner Krankheit erzählen. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. „Vielleicht war ich nicht aufdringlich genug“, sagt der 51-Jährige. „Aber das ist nicht meine Art.“ Dazu passt seine Reaktion auf die Anfrage unserer Zeitung nach einem Gespräch. „Ich bin total baff“, hatte er noch am Telefon gesagt.

Wie es mit Mahlstedt weitergeht, lässt sich auf seiner Facebookseite verfolgen. Zudem hat er auf Youtube ein Video über sich hochgeladen.


Was ist ALS?

Laut der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke (DGM) handelt es sich bei ALS um eine sehr ernste Erkrankung des zentralen und peripheren Nervensystems. Von 100 000 Personen sind drei bis acht betroffen, informiert die Charité in Berlin. Die Ursache für ALS ist nach Angaben der DGM nicht bekannt. Es gebe kein Medikament, das die Krankheit zum Stillstand bringt oder heilt. Weitere Infos gibt es im Internet.

www.dgm.org

www.als-charite.de

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