Kriseninterventionsteams der Malteser helfen während extrem belastenden Erlebnissen

Ein ruhender Pol im emotionalen Chaos

Wenn nach einem schweren Unglück seelischer und psychologischer Beistand nötig ist, werden Kriseninterventionsteams angefordert. Fotos: Malteser

Sandkrug/Landkreis – Es sind Situationen, an die der Normalbürger nicht einmal denken mag: ein schwerer Unfall auf der Autobahn mit vielen Verletzten oder sogar Toten, ein Suizid, eine gescheiterte Lebensrettung im häuslichen Umfeld, die Überbringung einer Todesnachricht. Sind dies Erlebnisse, die Trauer und Leiden auslösen, sind es zugleich Vorfälle, bei denen Hilfe und Betreuung eine zentrale Rolle spielen können. Im Landkreis Oldenburg übernimmt seit 22 Jahren der Malteser Hilfsdienst die Krisenintervention in solchen Momenten. Zwölf Frauen und acht Männer im Alter zwischen 25 bis 65 Jahren stehen dafür rund um die Uhr bereit, berichtet Tim Jäger, Leiter des Teams, im Gespräch mit unserer Zeitung.

60 Einsätze habe seine Gruppe im vergangenen Jahr im Landkreis bewältigt, erläutert der 43-Jährige, der hauptberuflich in Oldenburg im Landesdienst arbeitet. Bereits seit dem Zivildienst ist er bei dem Rettungsdienst tätig, seit 18 Jahren in der Krisenintervention. „Wir werden nicht nach jedem Unfall alarmiert“, stellt er klar. 90 Prozent der Einsätze fänden im häuslichen Umfeld statt. Das Krisenteam der Malteser tritt zudem stets erst nach einer Anforderung durch die Großleitstelle in Oldenburg in Aktion. „Wir sind für Angehörige und Ersthelfer da, nicht für die Einsatzkräfte“, unterstreicht Jäger. Diese könnten später – so denn Bedarf besteht – um Betreuung nachfragen. Gleichwohl komme es mitunter vor, dass Mitglieder des Teams etwa Polizisten begleiten, wenn diese Hinterbliebenen eine Todesnachricht überbringen müssen.

Ist das nicht eine unglaublich schwere Aufgabe – eine, die auch den Helfer belastet? „Wir sind sehr gut ausgebildet und keine Laien“, stellt Jäger fest. Bevor jemand in einer Krisensituation entsendet wird, steht eine professionelle Ausbildung und Überprüfung der charakterlichen Eignung an. Sollte ein Erlebnis später dennoch zu traumatisch gewesen sein, so Jäger weiter, könne aber natürlich auch der Krisenhelfer Unterstützung erhalten. Regelmäßige Supervisionen gehörten ebenso zu der ehrenamtlichen Arbeit wie stete Fortbildungen.

Fragt man Jäger nach dem Vorgehen bei den Einsätzen, wird sofort klar, das – obwohl Ehrenamtler – ein geschulter Profi am Tisch sitzt. „Wir stellen uns vor und sagen, ,wir haben Zeit für sie‘“, beschreibt der Sandkruger. „Wir versuchen, ein ruhender Pol in einem emotionalen Chaos zu sein.“ Dazu gehöre es auch, Emotionen des anderen auszuhalten und selbst nicht zusammenzubrechen. Doch auch dafür sei der Helfer ausgebildet. „Wir machen alles, was in dem Moment guttut“, so Jäger: reden, zuhören und falls möglich Fragen beantworten. Manchmal sei es bereits Hilfe, gemeinsam zu schweigen. Aber: „Empathie heißt nicht, dass ich mitweine“, sagt der Malteser. Nichts sei in diesen schwierigen Momenten schlimmer als falsches Trösten, Floskeln oder leichtfertige Erklärungen. Zentrale Aufgaben am Einsatzort seien unter anderem, den Betroffenen zu stabilisieren, falsche Bewertungen der Situation zu korrigieren („Hätte ich doch nur...“) und falls möglich, die Entwicklung eines Verständnisses aufzubauen. Wert legen die Malteser zudem darauf, dass sich Hinterbliebene, falls möglich, von Verstorbenen verabschieden.

Wer Interesse an dieser Arbeit hat, kann sich bei den Maltesern melden. Anders als etwa beim Feuerwehrdienst gibt es keine Altersobergrenze. Das Mindestalter beträgt 25 Jahre. Ruheständler etwa, die schon über eine breite Lebenserfahrung verfügen, seien entsprechend gefragt. Einzige Bedingung sei, dass Kandidaten in der Nähe des Landkreises wohnen.  fra

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