Neue Veranstaltungsreihe zu psychischen Erkrankungen in Kirchhatten gestartet

Über den Vormarsch der Depression und fatale Fehler

+
Andreas Feyerabend sprach in Kirchhatten über Depressionen und das Burnout-Syndrom.

Kirchhatten - Von Karsten Tenbrink. „Jede Depression geht vorbei“. So lautete die gute Nachricht von Andreas Feyerabend, Fachberater für Psychotraumatologie, an die Besucher seines Vortrags in Kirchhatten. Die richtige Therapie natürlich vorausgesetzt. Diese allerdings auch rechtzeitig zu bekommen, sei heute leider alles andere als selbstverständlich.

„Bei Depressionen handelt es sich um die am weitesten verbreitete Volkskrankheit in Deutschland“, berichtete der Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). „Aber im Verhältnis zum Bedarf gibt es dafür die geringsten Kapazitäten.“ Patienten müssten in der Regel mindestens sechs Monate auf einen Termin beim Facharzt warten. Einer der Gäste seines Vortrags wusste sogar von einem Beispiel zu berichten, wo es zwei Jahre gedauert habe. „In diesem Zeitraum ist die Depression längst chronisch“, so Feyerabend.

Gerade in ländlichen Regionen gebe es zu wenige Psychotherapeuten, doch selbst Ballungsräume seien betroffen. Die Folge: „Patienten wenden sich an ihren Hausarzt oder gehen bei akuten Beschwerden in die Notaufnahme einer Klink“, so der 39-Jährige. Und beides sei alles andere als ideal. Hausärzte hätten logischerweise weniger Erfahrung in der Behandlung psychischer Krankheiten und außerdem zu wenig Zeit, weil sie eine Vielzahl an Patienten hätten. Die Notaufnahmen wiederum „sind hoffnungslos überlastet und haben eine viel zu geringe Refinanzierung“, erklärte Feyerabend. Sie bekämen 279 Euro pro Patient im Quartal. Das reiche gerade mal für zwei Behandlungen. „Ab dem dritten Besuch arbeiten die Ärzte ehrenamtlich“, bringt es Feyerabend auf den Punkt. Und dabei seien je nach Phase der Erkrankung fünf Behandlungen im Quartal das Minimum. „Krankenhäuser müssen wirtschaftlich arbeiten, also sind sie gezwungen, das Geld an anderer Stelle wieder reinzuholen“, beschrieb er die Konsequenz.

Die Kliniken finanziell besser auszustatten sei aber nur eine der seiner Meinung nach dringend notwendigen Reformen. Noch wichtiger für die Patienten sei die Kassenzulassung für weitere Psychotherapeuten. „Genügend Fachkräfte gibt es, aber einfach zu wenig Kassensitze“, so Feyerabend.

Nach wie vor seien Depressionen und insbesondere das Burnout-Syndrom auf dem Vormarsch. Vor allem Leistungs- und Konkurrenzdruck macht der Leiter der MHH-Trauma-Ambulanz dafür verantwortlich. „Einen deutlichen Anstieg gab es schon im Zeitalter der Industrialisierung“, berichtet Feyerabend über einen grundsätzlichen Zusammenhang mit der Arbeitswelt. „Heute kommen die vielfältigen Vergleichsmöglichkeiten hinzu, die den Druck auf Unternehmen und damit letztlich auf die Arbeitnehmer erhöhen.“ Dabei ermögliche gerade die Berufstätigkeit den Menschen die Erfüllung wichtiger psychischer Bedürfnisse: Das Gefühl, eigene Fähigkeiten zu realisieren und etwas zu leisten, positive Rückmeldungen und Wertschätzung dafür zu erfahren sowie einer Gruppe anzugehören und innerhalb dieser mit anderen zu kooperieren.

Von der Situation im Beruf hänge daher auch die allgemeine Lebenszufriedenheit stark ab. Und wenn im Job der Stress, dessen Empfinden von Mensch zu Mensch ganz individuell sei, zu groß und andauernd ist, Misserfolge oder anhaltende Unsicherheit hinzu kämen, drohe der Burnout. Oft seien es besonders motivierte und engagierte Beschäftigte, die darunter leiden. „Ausbrennen kann nur, wer vorher für etwas gebrannt hat“, bringt es Feyerabends auf eine einfache Formel. Von zentraler Bedeutung seien zusätzliche Stressfaktoren in anderen wichtigen Lebensbereichen wie der Familie oder dem sozialen Umfeld. Die eigentliche Erkrankung sei schließlich ein Prozess: Chronische Erschöpfung sei ein erstes wichtiges Warnzeichen, dass Gefühl, das die Freizeit keinen Erholungswert mehr hat. Auch Schlafstörungen und ein vermehrter Hang zum Grübeln über Sorgen zählten dazu.

Deutschlandweit ließen sich die 53 Millionen Krankheitstage im Jahr zu einem erheblichen Teil auf psychische Erkrankungen zurückführen. Auf 30 bis 50 Prozent schätzt Feyerabend den Anteil. Einige große Firmen hätten das Problem erkannt und bieten ihren Angestellten bestimmte Ausgleichsmaßnahmen an. Den Reifenhersteller Continental und den Auto-Konzern Volkswagen nennt er als Beispiele.

Doch das alleine reiche nicht: Auch in der Gesellschaft müsse sich etwas verändern. „Mit psychischen Erkrankungen halten wir hinterm Berg, sie passen nicht zum Leistungsgedanken“, so der Fachberater für Psychotraumatologie. Deshalb schätzt er die Dunkelziffer der Betroffenen als enorm hoch ein. Als „geradezu fatal“ bezeichnet Feyerabend deshalb den Umstand, dass Menschen, die einmal in psychotherapeutischer Behandlung waren, keine Berufsunfähigkeits- oder Krankenzusatzversicherungen mehr abschließen könnten. „Das ist der komplett falsche Ansatz“, sagt der 39-Jährige, „ich plädiere eher für eine regelmäßige Depressions-Prophylaxe, mit einem Bonusheft wie bei Zahnärzten.“

Die „LebensKunst“ hatte Feyerabend am Donnerstag in ihre Gaststätte eingeladen – und war selbst ein bisschen überrascht von der Resonanz: „Es war unsere erste Veranstaltung dieser Art und es kamen 36 Teilnehmer – ein großer Erfolg“, sagte Beate Lama von der Kontakt- und Beratungsstelle. Kein Wunder also, das weitere Vorträge über psychische Erkrankungen folgen sollen. „Alle sechs bis acht Wochen“, kündigte Lama an.

Mehr zum Thema:

Reitpferde- und Fohlenauktion in Verden 

Reitpferde- und Fohlenauktion in Verden 

"De Beek-Uln": Jubiläumskonzert in Scheeßel

"De Beek-Uln": Jubiläumskonzert in Scheeßel

Saarländer wählen neuen Landtag - Reicht es für Rot-Rot?

Saarländer wählen neuen Landtag - Reicht es für Rot-Rot?

Ferrari-Star Vettel triumphiert beim WM-Auftakt

Ferrari-Star Vettel triumphiert beim WM-Auftakt

Meistgelesene Artikel

Entenschlachterei am Westring fällt im Ausschuss durch

Entenschlachterei am Westring fällt im Ausschuss durch

Vater wird aus Sorge um kranke Tochter zum Betrüger

Vater wird aus Sorge um kranke Tochter zum Betrüger

Spascher Sand wächst und möchte es warm haben

Spascher Sand wächst und möchte es warm haben

Herrlichkeit: Denkmalschutz sorgt für Veränderungssperre

Herrlichkeit: Denkmalschutz sorgt für Veränderungssperre

Kommentare