Flutkatastrophe: Private Helfer machen den Unterschied

Hilfe überwältigend, Krisenstab überfordert

Ein großer Platz, über und über mit Trümmern und Schutt bedeckt.
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Walporzheim Ende Juli: Ein 1300 Quadratmeter großer Platz, bis zu drei Meter hoch mit Schutt bedeckt. Nach nur sechs Stunden hatten Helfer die Fläche geräumt.

Sandhatten/Walporzheim – Die Flutkatastrophe im Südwesten der Bundesrepublik war verheerend, die Folgen sind alles andere als beseitigt. Die Hilfsbereitschaft und die Einsatzbereitschaft – insbesondere privater Personen – war und ist enorm. Einer der ersten, der auf die Not reagiert hat, ist Mathias Waschka, selbstständiger Unternehmer und Ortsbrandmeister Sandhattens.

Schon einen Tag nach den gewaltigen Verwüstungen hat er sich zusammen mit seinem Sohn und einem Kompaktlader im Schlepptau in den verwüsteten Ort Walporzheim aufgemacht. Seine Berichte stießen die Hilfsaktion des Vereins „Hatten hilft“ an, der nur wenige Tage später einen Hilfskonvoi dorthin schickte sowie viel Geld und Sachspenden gesammelt hatte (wir berichteten). Mehrfach war Waschka in Walporzheim, auch unterstützt von weiteren Freiwilligen aus dem Landkreis, um weitere Hilfe zu leisten.

Im Gespräch mit unserer Zeitung schildert er die Lage in dem Ort und der Region rund vier Wochen nach dem zerstörerischen Hochwasser. In Walporzheim (bei Bad Neuenahr-Ahrweiler) seien die Aufräumarbeiten schon sehr weit fortgeschritten, erläutert Waschka: „Die ersten Lampen leuchten in den Häusern, die ersten Heizungen laufen.“ Doch das solle kein falsches Bild vermitteln, „es kommen immer neue Probleme auf einen zu“. Und das werde in den kommenden Jahren auch so bleiben, schätzt er: Der Wasserdruck, der auf allen Bauwerken gelastet habe, sei „unbeschreiblich“ gewesen. „Das macht sprachlos. Man kann das auf den Bildern gar nicht greifen.“ Und das sei noch nicht einmal die menschliche Komponente – er berichtet von Einwohnern, die ihm schilderten, wie sie Tote gefunden haben und denen das Hochwasser alles genommen hat. Als Feuerwehrmann habe er selbst schon einiges gesehen, aber „dies sucht seinesgleichen“. Die persönlichen Schicksale der Überlebenden seien „nicht ganz ohne“ – gleichwohl: „Sie müssen das erzählen und loswerden“, so Waschka.

Privatleute packen ohne zu zögern mit an

Eine Antwort auf die Not der Menschen sei die Solidarität von Privatleuten gewesen – aus allen Teilen Deutschlands und auch aus dem Ausland hätten sich Helfer auf den Weg in das Gebiet gemacht, berichtet Waschka weiter. Ihr Motto: „Einfach machen!“

Denn zu tun gab und gibt es genug. Ein Arbeitstag beginnt um 6 Uhr „mit einer Katzenwäsche aus dem Kanister“, schildert der Sandhatter. Da es vor Ort nichts gibt, und um die minimale Infrastruktur nicht selbst zu belasten, habe er alles mitgenommen, was er für seine Zeit vor Ort benötigt. Dann folgt eine Besprechung mit anderen Helfern und danach geht es los: „Straßen räumen und befahrbar machen, Zugänge zu den Häusern ermöglichen“, nennt er Daueraufgaben. Viele Gebäude seien durch Trümmer und Unrat derart blockiert gewesen, dass die Bewohner sie gar nicht hatten betreten können. Und dann natürlich auch die Zuwegungen räumen: „Straße für Straße, Gasse für Gasse“ – und das bis 23, 24 Uhr in der Nacht. Viele Firmen hätten Mitarbeiter und Gerät abgestellt, fährt er fort: Elektriker, Dachdecker, Heizungsbauer und nicht zuletzt Landwirte – „hier ist der komplette Mittelstand unterwegs“. Ebenso hat er Lob für andere Helfer übrig: die Feuerwehren, die Hilfsdienste, das Technische Hilfswerk, die Bundeswehr.

Herbe Kritik am Krisenstab

Geradezu vernichtend fällt sein Urteil über den Führungsstab in der Region aus: „Das ist Geklecker, das hat nicht ansatzweise etwas mit Krisenbewältigung zu tun.“ Teilweise habe es nach drei Wochen noch Ortschaften gegeben, die auf dem Stand von kurz nach der Katastrophe gewesen waren. „Keiner ist in der Lage, eine vernünftige Krisenführung aufzubauen“, kritisiert er. Es seien Privatleute und Firmen gewesen, die als erste mit Maschinen vor Ort gewesen waren. So habe er von Lastwagen mit Hilfsgütern erfahren, die zurückgeschickt wurden, weil man sie angeblich nicht benötigte. Oder von Feuerwehrleuten, die 48 Stunden an der Sammelstelle am Nürburgring ausharrten, bevor man auch sie wegschickte – die Einsatzkräfte seien dann privat zurückgekehrt, um die benötigte Hilfe zu leisten. Oder von Ortschaften, bei denen die ersten Helfer erst drei Tage nach dem Hochwasser vor Ort waren: „Wir dachten, ihr habt uns vergessen“, hätten die Einwohner gesagt.

Sicher sei nicht alles schlecht, was von dem Krisenstab gekommen sei. Doch was die Sichtung und Priorisierung der Lage und den Aufbau von lokalen Einsatzleitstellen angehe, habe der Führungsstab „auf ganzer Linie versagt“. Das Problem, so seine Einschätzung, sei, dass sich offenbar niemand traue, Entscheidungen zu treffen. Gerade als ausgebildeter Feuerwehrmann könne er das nicht verstehen, sagt der Ortsbrandmeister.

Hilfe wird weiterhin benötigt

Walporzheim sei aktuell relativ weit, was die Aufräumarbeiten angehe, andere Orte seien da Wochen zurück. Der Ortsvorsteher, mit dem er in direkten Kontakt steht, sei von der Menge der Hilfslieferungen von „Hatten hilft“ geradezu „erschlagen“ gewesen. Die Spendengüter seien direkt vor Ort angekommen.

Geldspenden seien weiterhin nötig, sagt er abschließend. Er rät, diese an Einrichtungen direkt vor Ort zu richten, da die Mittel von in die örtlichen Strukturen flössen und damit „direkt dahin, wo sie gebraucht werden“.  fra

Langsam keimt die Hoffnung ...
Waschka schiebt Schlamm aus einer Unterführung.
Helfer der ersten Stunde: Mathias Waschka

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