Serie: Kinder, Karriere, Kommunalpolitik

„Es wird dich keiner auf einen Stuhl heben“

Eine Frau steht in einem Garten.
+
Gastronomin und Politikerin: Katja Radvan im Garten des Lopshofs Dötlingen.

26,5 von 100 Mandaten in der Kommunalpolitik in Niedersachsen sind von einer Frau besetzt. In den Gemeinderäten sowie dem Kreistag des Landkreises Oldenburg sind es nur wenig mehr: 28,1 Prozent. Warum ist das so? In dieser Serie sprechen fünf Kommunalpolitikerinnen über ihre Erfahrungen – mit Gremien und Parteien, der eigenen Familie sowie gesellschaftlichen Hürden. Teil 5: Katja Radvan, Ratsfrau.

Sie wuchs in der DDR auf, kam für eine Ausbildung in den Westen und machte in den 2000er-Jahren ihre ersten Erfahrungen mit der Kommunalpolitik. Aus ihrem ersten – sehr erfolgreichen – Wahlkampf 2016 wurde ein Rechtsstreit: Katja Radvan, Ratsfrau in der Gemeinde Hatten und Kreistagsabgeordnete, verklagte ihren damaligen SPD-Parteikollegen Oliver Toth, weil er in einem Internetforum für sexuelle Kontakte ein Profil mit ihrem Foto angelegt hatte. Vor Kurzem entschied das Gericht, dass er eine Entschädigung an Radvan zahlen muss.

Sie haben bei der Kommunalwahl 2016 auf Anhieb ein sehr gutes Wahlergebnis eingefahren. Was war damals Ihr Gefühl?

Es war eine große Freude.

Und außerdem?

Es war ganz viel auf einmal. Ich stand auch auf Platz acht der Kreistagsliste. Aber ich hatte so viele Stimmen, dass ich direkt gewählt wurde und dann auch im Kreistag saß. Eigentlich schon schön, das Ego freute sich, aber dann kamen die Überlegungen: Schaffst du das eigentlich, drei Kinder, das Geschäft...? Aber ich wollte gerne. Ich hatte so viel Lust darauf: Menschen, Gestalten, Mitmachen. Das hat auch Spaß gemacht: Das Gefühl zu haben, was zu bewegen. Es war Freude, klar. Aber es war auch eine Herausforderung.

Und dann? Mal gucken, was kommt?

Aufregung, Ungewissheit, wie wird das, weißt du genug? Das typische Frauenproblem, dass man sich erst mal in Frage stellt: Was hast du da denn gemacht? Ein Mann würde sich nie so in Frage stellen. Das ist meine Erfahrung.

Wie sind Sie zur Kommunalpolitik gekommen?

1998 lernte ich meinen Mann kennen und die Schwiegereltern. Die Männer waren in der CDU, die Frauen in der FDP. Schwiegermama sagte immer: Du musst auch in die FDP kommen. Dann fing ich an, mir das ein bisschen anzugucken. Es gibt für mich Grundsätze, an denen ich mich schon damals orientiert habe. Dazu gehört, in Abstimmungen eigene Entscheidungen zu treffen. Ich muss davon überzeugt sein. Zu einer guten Entscheidung gehört auch Sachkenntnis. Und wenn ich die nicht habe, kann ich – wie zum Beispiel damals bei einer Jahreshauptversammlung – nicht einfach mitstimmen, wenn ich darum gebeten wurde. Ich bin nach drei Monaten wieder aus der FDP ausgetreten.

Und wie sind Sie später in der SPD gelandet?

Eines Tages kam Frans Haverkort zu mir. Er ist bei der SPD Hatten und schaute sich damals um, wer Neumitglied werden könnte und das Zeug dazu hätte. 2014 war bei in der Gemeinde Hatten Bürgermeisterwahlkampf. Das habe ich beobachtet: Wie gehen die miteinander um, was sind die Grundsätze? Das hat mir gut gefallen. So bin ich 2014 in die Partei eingetreten.

Wenn eine Frau von Ihnen einen Tipp haben will, weil sie für ein kommunalpolitisches Mandat kandidieren will – was raten sie ihr?

Los. Machen. Wir sind einfach zu wenige.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass es mehr Frauen werden?

Gefühlt machen wir gerade ja durch Corona wieder einen Schritt zurück in die Steinzeit, aus Frauensicht. Frauen machen Homeoffice, versuchen ihren Job zu machen und nebenbei die Kinder zu hüten. Sie sind wieder Heim und Herd verschrieben.

Waren Sie vor Corona optimistischer?

Optimistischer, was Frauen in der Politik angeht, ja. Aber ich würde es jetzt nicht unbedingt Corona in die Schuhe schieben. Corona hat viel dazu beigetragen, aber ich glaube, es ist grundsätzlich wieder rückläufig. Wenn ich so gucke, Richtung Großstädte, die Frauen dort arbeiten zwar alle, aber es wird sehr viel Wert auf Familie und Familienzeit gelegt bei der Generation, die jetzt so um die 30 ist – also in dem Alter, in dem man so guckt, ob man sich irgendwo engagieren kann.

Mitgestalten können, das war für Katja Radvan vor vier Jahren die Motivation, sich um ein Ratsmandat zu bewerben.

Gibt es viele Hürden für Frauen, die kandidieren wollen?

Es sind zwei Sachen, die frau da im Weg stehen. Es ist einmal die Hürde, dass man nicht in der Lage ist, noch mehr zu managen. Man hat ja schon ein Familienunternehmen, das man managt und geht nebenbei noch arbeiten, auf 450-Euro-Basis. Und frau stellt sich auch selbst in Frage: Kann ich das, bin ich versiert genug, habe ich die Erfahrung? Und dann kommt ein Mann, klopft dir auf die Schulter und sagt: Naja, beim nächsten Mal läufts besser. Warten Sie mal noch zehn Jahre, dann haben Sie auch erreicht, was ich erreicht habe. Diese kleinen Machtspielchen, die tragen auch viel dazu bei, dass eine Frau sich hinterfragt.

Es muss einfach selbstverständlich sein, dass bei der Listenaufstellung zwischen Mann und Frau gewechselt wird.

Katja Radvan

Auch, wenn sie schon in der Partei ist?

Man stellt eine Frau gerne auf. Man muss sie auch aufstellen, wegen der Parität, zumindest in einigen Parteien ist das Pflicht. Und wenn man dann aufgestellt ist, ist man mehr oder weniger eine Lückenfüllerin. Man muss die Liste ja sowieso vollkriegen.

Was könnte helfen, Hürden abzubauen – Mentoring oder eine Quote zum Beispiel?

Das sind ja alles Sachen, die wir schon haben. Und sie führen aus meiner Sicht nicht unbedingt zum Erfolg. Klar, wir haben die Quote. Aber nicht jede Frau möchte Quotenfrau sein oder deshalb im Rat sitzen, weil sie durch eine Quote auf den Platz gehoben worden ist. Das ist immer ein unangenehmes Gefühl. Um Türen überhaupt zu öffnen, ist die Quote sicherlich nicht verkehrt. Aber man darf sie nicht so nennen. Es muss einfach selbstverständlich sein, dass bei der Listenaufstellung zwischen Mann und Frau gewechselt wird.

Was ist mit weiblichen Vorbildern, helfen die?

Man sieht mehr Frauen in den Ämtern und das finde ich gut. Das muss viel mehr werden. Ich finde es auch legitim, wenn man Vorbilder hat. Es muss ja keine große Persönlichkeit sein wie Jeanne d’Arc oder Margaret Thatcher. Die findet man auch im näheren Umfeld, im Freundes- oder Bekanntenkreis.

Also ist es auch wichtig, als Politikerin für Interessierte ansprechbar zu sein?

Klar. Wenn Interesse besteht, darf mich jeder begleiten, gucken und fragen. Es ist kein Hexenwerk. Sachkenntnis, das ist das Wichtigste überhaupt. Dass man weiß, worüber man entscheidet, und nicht einfach mitläuft.

Wie haben Sie sich diese Sachkenntnis erarbeitet?

Im Prinzip durch Lesen. Man bekommt ja gut aufbereitete Dokumente und Unterlagen, die den Sachverhalt, über den man entscheiden soll, zusammenfassen. Da kann ich mir schon gut eine Meinung bilden. Und wenn ich Sachen nicht verstanden habe, kann ich jederzeit in der Gemeinde anrufen. Auch im Kreis habe ich als Abgeordnete die Möglichkeit, in den einzelnen Abteilungen anzurufen und zu sagen: Erklär mir das noch mal, das habe ich nicht richtig verstanden.

Wie wappnet man sich gegen Angriffe? Was braucht man, um als Frau in die Kommunalpolitik zu gehen und dort zu bestehen?

Das ist ganz schwer zu sagen. Eigentlich braucht man nicht viel, das ist ja das Problem. Eigentlich ist man als Frau, so wie man denkt, wie man ist, wie man sich engagiert, genug. Wir Frauen sind ja in der Lage, qualifiziert zu denken, teilweise besser als Männer. Also eigentlich haben wir alles, was wir brauchen, wir müssen es nur machen.

Was meinen Sie: Sind es eher individuelle oder strukturelle Hindernisse?

Ich denke, es ist eine Mischung aus beidem. Das Strukturelle merkst du ja erst, wenn du drinsteckst. Da bist du ja schon als Frau über deinen Schatten gesprungen. Aber es gibt viele, die bereits im Wahlkampf vor Hindernissen zurückschrecken.

Aber fangen die strukturellen Probleme nicht schon mit der ungleichen Arbeitsaufteilung in der Familie an?

Ich bin jetzt seit zwei Jahren im Landes-Mentoringprogramm „Frau.Macht.Demokratie“ aktiv und habe zusätzlich die Kommunalakademie mitgemacht. Da sind genau solche Themen aufgekommen bei den Frauen, bei den Müttern. Die sagen: Bevor ich zu Hause rauskomme, habe ich für den Abend vorgekocht und die Kinder sind verteilt auf anderen Haushalte, damit mein Mann möglichst wenig Arbeit damit hat. Ich muss aber um 20 Uhr zu Hause sein, weil er die Kinder alleine nicht ins Bett kriegt. Die Frage ist: Warum lässt frau das zu? Das ist nicht in erster Linie ein strukturelles Problem, sondern ein Kopfproblem. Oder ein gesellschaftliches Problem.

Wie war es bei Ihnen?

Die Kinder waren schon relativ groß. Und sie haben ja von klein auf mitbekommen, dass wir beide gearbeitet haben. Wir hatten den Vorteil, dass wir über dem Unternehmen gewohnt haben, Oma und Opa haben im gleichen Haus gewohnt. Ich habe aber geguckt, dass ich die wichtigen Termine hinbekomme, Elternabende und so weiter. Das ist in den Köpfen der Männer nicht so angelegt, da müssen wir noch hin. Es muss für Männer selbstverständlich sein, auch mal zum Elternabend zu gehen.

Frauen sind immer noch zu unsicher und nicht selbstbewusst genug, um zu sagen: So, ich will das jetzt aber und ich zieh das jetzt durch. Dazu muss man schon ein bisschen taffer sein. Man hat zu Hause eine Hürde. Dann hat man vielleicht noch im Freundeskreis einige Übermütter, und dazu die Schwiegereltern und Eltern, die sagen: Ach Kindchen, tu dir das doch nicht auch noch an. Ich seh doch, wie du jetzt schon in den Seilen hängst, wie willst du das denn alles schaffen? Dann lass noch mal ein, zwei Sachen dazukommen in der Zeit, während der du überlegst, zum Beispiel dass ein Elternteil pflegebedürftig wird oder das Kind schlechte Noten nach Hause bringt. Und in dem Moment denkt man dann: lieber nicht. Das ist die Schwierigkeit: die 100-prozentige Verfügbarkeit, die von Frauen verlangt wird.

Seit Sommer betreibt Radvan das Lopshof-Restaurant in Dötlingen.

Haben Sie je überlegt, aufzuhören?

Als das mit „poppen.de“ damals aufkam, habe ich tatsächlich mal gedacht: Ich schmeiß das alles hin. Da waren die Schwierigkeiten im Wahlkampf und es kam nur Gegenwind. Dann kam die Internetseite und die Presseberichte. Und dann ging es auf die Familie und die Kinder. Dieser ganze Shitstorm, der da losging – da fängst du an, an dir zu zweifeln. Du kriegst nachts obszöne Anrufe, die stöhnen dir ins Telefon, die schicken dir Unterwäsche. Und du hast drei Mädels, die alle im pubertären Alter sind. Wir sind oft draußen gewesen, das haben wir damals alles konsequent zurückgefahren. Das war mir zu gefährlich. Und in dem Moment kommt dein Mann und schlägt in die gleiche Kerbe: Das habe ich dir doch gesagt, lass das. Du wirst doch hier auch gebraucht. Der hätte sich gefreut, wenn ich nicht mehr so aktiv gewesen wäre.

Aber sie wollten nicht aufgeben?

Nein. Ich hatte die Haltung: Jetzt erst recht. Ich zieh das durch, ich geb nicht klein bei.

Was hat Sie motiviert, weiterzumachen?

Ich wollte den guten Ruf meiner Familie retten. Da hatte jemand meine Privatsphäre, meinen Namen beschmutzt. Das musste wieder reingewaschen werden. Ich wollte das geklärt wissen und hinter mich bringen. Ich bin auch beschuldigt worden, ihm [gemeint ist Oliver Toth, Anm. d. Red.] an die Karre gefahren zu sein. Das sind Sachen, da dachte ich, das kannst du nicht auf dir sitzen lassen.

Die „poppen.de“-Geschichte wäre Ihnen als Mann nicht passiert?

Nein. Ich frage mich: Was sollte ich anderen Frauen raten? Klar müssen wir kandidieren. Aber es ist nicht einfach. Man muss schon echt Eier in der Hose haben, um das auch durchzuziehen. Da wird dich keiner tragen oder auf einen Stuhl heben und sagen: Komm, Schätzchen, setz dich da mal hin. Man muss sich wehren. Und das muss man können, lernen, und bereit sein, zu tun.

Was würden Sie sagen: Ist es Ihnen gelungen, mitzugestalten?

Ja, schon weil man als Frau eine andere Sicht auf die Dinge einbringt. Aber es ist mir auch in Bereichen, die früher Männerdomänen waren – Finanzen etwa –, gelungen. Wenn man da sagt: Moment, ich habe da auch Ahnung von, und wenn man es dann schafft, die Runde von seiner Meinung zu überzeugen: Das ist es, woran man wächst. Da merkt man: Die hören dir zu, du hast was beigetragen.

Zur Person

Katja Radvan, 45, ist seit 2016 Mitglied im Rat der Gemeinde Hatten und im Kreistag des Landkreises Oldenburg. Sie wuchs in der DDR auf und kam 1992 in die Bundesrepublik. Radvan war kurz Mitglied der FDP, von 2014 bis Mitte 2019 der SPD, und wechselte dann zur Partei Die Linke. Sie hat drei Kinder und ist selbstständige Unternehmerin.

Zurück zum Überblicksartikel: Hier klicken

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Welche Rolle spielt das Geschlecht beim Fahrradkauf?

Welche Rolle spielt das Geschlecht beim Fahrradkauf?

Acht Brettspiel-Geschenktipps für Weihnachten und Silvester

Acht Brettspiel-Geschenktipps für Weihnachten und Silvester

Lamberts Bay ist mehr als ein Fischerort

Lamberts Bay ist mehr als ein Fischerort

Wie fleischfressende Pflanzen Fleisch fressen

Wie fleischfressende Pflanzen Fleisch fressen

Meistgelesene Artikel

„Ein bisschen spooky“ – Wie ein Ehepaar aus Harpstedt Corona am eigenen Leib erlebte

„Ein bisschen spooky“ – Wie ein Ehepaar aus Harpstedt Corona am eigenen Leib erlebte

„Ein bisschen spooky“ – Wie ein Ehepaar aus Harpstedt Corona am eigenen Leib erlebte
Bald keine Konzerte mehr in der Widukindhalle

Bald keine Konzerte mehr in der Widukindhalle

Bald keine Konzerte mehr in der Widukindhalle
Sechs neue Corona-Tote im Landkreis Oldenburg

Sechs neue Corona-Tote im Landkreis Oldenburg

Sechs neue Corona-Tote im Landkreis Oldenburg

Kommentare