Das Jugendamt des Landkreises kümmert sich seit Jahren gezielt um „Schulschwänzer“

Erfolg lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken

Ein Mann und eine Frau halten Flyer hoch.
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Gemeinsam gegen Schulabsentismus: Dirk Bald (Landkreis) und Anne Bohlen (VHS Hatten + Wardenburg).

Kirchhatten/Landkreis – Es gibt nicht nur einen Grund, warum Kinder und Jugendliche dem Schulunterricht fernbleiben. Und ebenso vielfältig wie die Ursachen sind auch die Lösungsansätze, berichten Dirk Bald von der Koordinierungsstelle Schulabsentismus im Jugendamt des Landkreises Oldenburg und Anne Bohlen, die bei der Volkshochschule „Hatten + Wardenburg“ für den Landkreis das Projekt „Jugend stärken im Quartier“ („Justiq“) leitet. Entsprechend aufwendig gestaltet sich die Arbeit mit den jungen Menschen.

Rund 110 Jugendliche im Alter ab zwölf Jahre werden durchschnittlich jährlich in dem Projekt betreut. Und die, berichten Bohlen und Bald, stammen aus allen unterschiedlichen Schichten und Familien. Die Gründe, nicht zur Schule zu gehen, reichten vom „elterlichen Zurückhalten“ (etwa, um Aufgaben für die Familie zu übernehmen) über Angst, Mobbing oder „Vermeidungsverhalten“, wenn negative Aktionen ausgeblendet werden sollen oder der Schulbesuch zugunsten vermeintlich „positiver Aktionen“ unterbleibt. Es gebe aber auch „passive Schulverweigerung“, wissen die Experten: wenn die Schüler dem Unterricht nicht folgen, sich nicht beteiligen oder nicht zu motivieren sind.

Das Problem: „Schulabsentismus ist ein sich verfestigender Prozess, der an Dynamik zunimmt, wenn nicht frühzeitig agiert wird“, erklärt Bald. Die Fälle werden von den Familien oder Schulen gemeldet, manchmal erfahre das Team auch über eine Anzeige davon. Danach werden die Fälle nach einem pädagogischen System in den Familien und in der Schule bewertet und nach Lösungsansätzen gesucht. Das sei letztlich wie ein Mosaik, vergleicht Bohlen, „entsprechend müssen auch die Hilfen sein“. Ist es Angst vor dem Schulweg? Hat die Misere einen familiären Hintergrund? Hilft ein Schulwechsel oder die Aufnahme in einen Sportverein? Auf jeden Fall: „Es ist ganz viel Beziehungsarbeit, die geleistet wird“, so Bald. Der Prozess sei niedrigschwellig ausgelegt, flexibel und schnell. Die vier mobilen „Fallmanager“ vereinbarten Termine mit den Schülern – etwa daheim, in einem Café oder in der Jugendwerkstatt „Lupo“ in Kirchhatten, und hielten über die Laufzeit von maximal 18 Monaten je Fall den Kontakt.

Deutlicher Anstieg erwartet

„Wir erwarten coronabedingt einen deutlichen Anstieg“, sagt Bald und Bohlen stimmt ihm zu. „Wir merken das bei den betreuten Fällen“, berichtet der Jugendamtsmitarbeiter. Die Pandemie verschärfe negative Faktoren: Isolation in der Wohnung, weniger Kontrolle (wenn etwa beide Eltern arbeiten), höherer Medienkonsum, steigende Suchttendenzen – dafür fehlen dann aber Möglichkeiten zur psychischen Entlastung: seien es Treffen mit den Freunden oder das „Auspowern“ im Sportverein.

Doch sei versucht worden, die Verbindung zu den betreuten Jugendlichen nicht abreißen zu lassen, berichtet die Projektleiterin. Aber nicht immer sei persönlicher Kontakt möglich gewesen. Und so habe sich ihr Team ständig etwas einfallen lassen, „alles was ging“: Dabei sei etwa die Internetplattform „Instagram“ zum Einsatz gekommen. Hier konnten die Teilnehmer Bilder von Malprojekten einstellen oder in einer Art digitalen Schnitzeljagd herausfinden, welche Orte auf hochgeladenen Bildern zu sehen waren. „Das wurde dankbar angenommen“, sagt Bohlen.

Finanzierung nun ohne EU-Mittel

Dass gerade in dieser Phase die EU-Fördermittel ausgelaufen sind (wir berichteten), sei sicherlich „äußerst ungünstig“, sagt Bald. Doch sei dies an sich nichts Besonderes, erläutert Bohlen: Denn bei einer solchen Förderung handele es sich in aller Regel um eine Art Anschubfinanzierung. Und nach einem erfolgreichen Start seien die einzelnen Träger gefragt, die Programme weiterzuführen. Der Jugendhilfeausschuss des Landkreises hatte sich dafür ausgesprochen, das Projekt fortzusetzen – auch, wenn zu dem bisherigen Anteil noch einmal 155 000 Euro dazu kommen. Ist das gut angelegtes Geld? Lassen sich dadurch spätere Folgekosten für die Gesellschaft vermeiden? Der Erfolg eines Programmes wie „Justiq“ lasse sich letztlich nicht in Zahlen ausdrücken, unterstreicht Bald abschließend. „Ist es ein Erfolg, wenn sich die Fehlzeiten von 50 auf 20 Stunden reduzieren? Oder wenn sich eine Familie nicht mehr anschreit?“, fragt er zurück. Aber sicherlich habe es negative Auswirkungen, wenn ein junger Mensch erst vier Jahre später auf dem Arbeitsmarkt tätig werden könne. Und allein die stationäre Betreuung von nur vier Jugendlichen in entsprechenden Einrichtungen koste soviel, wie die komplette „Justiq“-Hilfe zurzeit in einem gesamten Jahr.

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