Auf Zwang reagiert sie renitent

Wie tickt das Gehirn des Menschen? Ute Bescht interessiert sich auch dafür

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Der Mensch, der sich selbst abschafft, ist ein wiederkehrendes Thema in der künstlerischen Arbeit von Ute Bescht. Das Bild, an dem die 50-Jährige hier arbeitet, soll Kuba zeigen, versunken im Meer – als Folge des Klimawandels. 

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Das Bild, an dem Ute Bescht gerade arbeitet, zeigt einen Eisbären, der hinab in eine urbane Welt taucht. Atlantis? Mitnichten! Das Gemälde zeigt eine Zukunftsvision von Kuba. Nicht etwa versunken im Kapitalismus, sondern verschluckt vom Meer – als Folge der Klimakatastrophe.

Die Wahl-Harpstedterin, die sich wegen ihrer ursprünglichen Heimat augenzwinkernd Exil-Bayerin nennt, sinniert viel über Menschheitsfragen. Dieses Nachdenken spiegelt ihre Kunst wider. Der Mensch, der sich selber abschafft, zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten. „Ich habe in wohl rund 95 Prozent meiner Bilder eine Anklage versteckt, einen – im übertragenen Sinne – feisten Tritt in den Hintern“, verrät die Künstlerin.

Die Wurzel allen Übels liegt nach ihrer Überzeugung in allzu menschlichen Verhaltensweisen. Aus Egoismus resultiere Unzufriedenheit – und daraus Neid, der wiederum eine „Höher-schneller-weiter“-Mentalität begünstige. Besitztümer würden geschachert – oftmals nur, „um den anderen auszustechen“. Menschen, die sich daran weiden, „dass es anderen schlechter geht, damit sie sich selbst besser fühlen“, hätten die Grundzufriedenheit verloren. Und das ebne den Boden für Missgunst und – in der Konsequenz – sogar für (Klein-)Kriege.

Auf das unmenschlichste und abscheulichste Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte, die Nazi-Diktatur, spielt der zweiteilige Bilderzyklus „Milk Can Memories“ an. Die Geschichte einer betagten Frau, die Auschwitz überlebte, aber ihren Bruder im Konzentrationslager verlor, inspirierte Ute Bescht zu den beiden Arbeiten. Sie zeigen auf den ersten Blick ein fast idyllisches Motiv, das aus den 1930er-Jahren stammen könnte: Zwei Kinder gehen Hand in Hand ihres Weges. 

Offensichtlich sollten sie Besorgungen erledigen. Der Junge trägt eine Milchkanne, das Mädchen eine Zeitung. Wichtig für das Verständnis der sehr ähnlichen Bilder ist der Unterschied, der dem Betrachter nicht verborgen bleibt: Auf einem der Aquarelle wirkt das Gesicht des Jungen teilweise „ausradiert“ – und auf dem anderen das des Mädchens. Ute Bescht versinnbildlicht mit diesem „Kunstgriff“, dass Erinnerungen an Menschen immer nur fragmentweise im Gedächtnis haften bleiben.

Das wiederum passt zu ihrem eigenen Interesse an der Frage, wie der Mensch psychisch „tickt“ und wie sein Gehirn arbeitet. „So wie andere Leute vielleicht Briefmarken sammeln, beschäftige ich mich mit Neurowissenschaft“, erzählt die Wahl-Harpstedterin. „Über die Schiene der Lernpsychologie bin ich dazu gekommen.“

Abstrahiert wird, was unwichtig ist

Zurück zur Kunst: Etwa 50 Prozent ihrer Bilder malt Ute Bescht im Auftrag – und die andere Hälfte, um Galerien und Ausstellungsorte „zu bestücken“. Die Arbeiten bleiben zumeist figurativ. Abstrahiert aber wird Unwichtiges – von der Kernaussage Ablenkendes. „Ohne diese Abstraktion bestünde die Gefahr, dass der Betrachter das Bild als zu überladen empfindet, sich überfordert fühlt und nicht so recht weiß, worauf er den Fokus legen soll“, erläutert die 50-Jährige. 

„Male ich einen Musiker, dann ist es mir wichtig, den vielleicht entrückten Gesichtsausdruck einzufangen – und einen Teil des Instruments, auf dem die Finger liegen“, nennt sie ein Beispiel. Der Rest aber könne getrost „im Hintergrund verschwinden“, weil er eben unwichtig sei.

Das konservative Frauenbild der 1940er- bis 1960er-Jahre gehört zu den wiederkehrenden Themen der Künstlerin, die sich als Bildgestalterin versteht.

Apropos Emanzipation: Allzu kämpferischem Feminismus kann sie nichts abgewinnen. „Ich habe das Gefühl, das viele Geschrei nach dem Gendern und nach Selbstbestimmtheit betrügt ein bisschen die ureigenen Instinkte“, glaubt die 50-Jährige. Sie selbst hält sich für absolut emanzipiert – und verleugnet dabei ihre Bedürfnisse nicht: „Ich habe meine Jobs, bin finanziell unabhängig, ziehe mein Ding durch. Aber trotzdem genieße ich das Gefühl, mich fallen lassen zu dürfen, und lasse wiederum meinen Partner gern Mann sein. Wir sind schon sehr lange zusammen, wohnen aber getrennt, weil das jobtechnisch derzeit einfach nicht anders geht.“ Matthias Henke, ihr Lebensgefährte, lebt in Bremen.

Ihre „Brötchen“ verdient Ute Bescht in erster Linie als freiberufliche Business-Englisch-Dozentin. Sie werde „von Firmen eingebucht“.

Milchkaffee für den Vintage-Touch

Dass die Malerei nicht ihr „Brötchenjob“ ist, bedauert sie keineswegs, im Gegenteil: Von der Kunst zu leben, hieße, kreativ sein zu müssen. Davon hält die Bildgestaltetrin aber gar nichts: „Unter Zwang ist bei mir noch nie etwas passiert“, gesteht sie schmunzelnd. „Jeder, der mich zu etwas zwingen will, bekommt von mir erst einmal ein Nein zu hören. So gesehen bin ich ein sehr renitenter Typ. Davon konnten auch meine Eltern ein Lied singen“, plaudert Ute Bescht aus dem Nähkästchen. Die Mutter lebt übrigens noch – in Bad Aibling, etwa 50 Kilometer südlich von München.

Künstlerisch zu Hause fühlt sich die Malerin in allen erdenklichen Techniken. Lässt sie ein Aquarell entstehen, kommt häufig auch die „Splash“-Methode zum Einsatz. Will heißen: Die Farbe bestimmt beim „Aufspritzen“ mit dem Pinsel den Weg. Die 50-Jährige arbeitet ebenso in Öl oder Acryl. Mitunter fertigt sie Tuschzeichnungen. Sie mischt der Tusche schon mal Milchkaffee bei, um einen schönen Vintage-Touch zu erzeugen. „Ich hatte zunächst Bedenken, die Milch könnte sauer werden. Aber das ist nicht passiert – wohl auch, weil ich das Ganze mit Haarspray fixiert habe“, verrät sie.

Ein „Kaffeebild“ in der Wohnung der Künstlerin zeigt übrigens einen Primaten aus der Familie der Meerkatzenverwandten. „Das ist der Pinselaffe, zu dem ich nicht degradiert werden möchte!“, sagt die Malerin – und lacht.

• Kontakt: utebescht.de, Mail: ute@bescht.de; Instagram: ute_bescht_bildgestaltung (Aufträge für Splash-Portraits, die bis Weihnachten fertig sein sollen, werden bis einschließlich 15. November angenommen).

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