SERIE Fluchtodyssee endet in Sürstedt / Teil fünf: „Zwangskino“ mit Bildern aus befreiten Konzentrationslagern

Zu den Russen entwickelt sich ein überraschend gutes Verhältnis

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Sürstedt/Bartenstein – Wieder in ihrer ostpreußischen Heimat Bartenstein angekommen, beginnt für Lina Ewert und fünf ihrer Kinder ein ganz anderes Leben als vor der Flucht vor der Roten Armee im Januar 1945. Die Russen verpflichten sie zum Arbeitseinsatz. Christel, eine ihrer Töchter, kocht für die Familie „Schlunz“. Das sei eine „bläuliche Brühe aus Wasser und Kartoffelschalen“, schreibt ihr Bruder, damals elf, wesentlich später in seinen Erinnerungen an die Nachkriegszeit nieder. Sein Bruder Benno muss für die neuen Machthaber Vieh, darunter auch Pferde, zur russischen Grenze treiben. Die liegt inzwischen gerade mal 20 Kilometer von Bartenstein entfernt. Die Familie Ewert wundert sich darüber; sie weiß zu der Zeit, im Juni 1945, noch gar nichts von der Teilung Ostpreußens.

Siegfried Ewerts geschätzte Großmutter lebt zur großen Freude der „Rückkehrer“. Sie hat den Sturm der Roten Armee auf Ostpreußen zu Hause, auf dem eigenen Hof, ausgestanden.

Lina Ewert darf mit ihrer Familie das alte Haus in der „Hindenburgsiedlung“ wieder beziehen. In dem Gebäude, das zusammen mit den anderen Siedlungshäusern in der letzten Kriegsphase als Lazarett genutzt worden ist, sieht es karg aus. Das frühere Mobiliar fehlt komplett. Die Ewerts finden nur Holzpritschen mit Stroh vor.

Die russischen Soldaten, die Mannschaftsgrade, müssen sich nach den Schilderungen von Siegfried Ewert mit karger Verpflegung begnügen, geben den „Rückkehrern“ aber von ihrem Brot und der dünnen Suppe aus der Gulaschkanone sogar noch etwas ab. In der Kantine der besser versorgten Offiziere arbeiten die Ewerts besonders gern. Dabei fällt schon mal etwas für sie ab.

Die Monate vergehen. Die Novemberkälte kündigt einen ausgesprochen strengen Winter an. Die Ewerts verfeuern für ein bisschen Wärme im Haus so ziemlich alles, was ihnen in die Finger kommt. Auch zerstörtes Mobiliar, das sie auftreiben, verarbeiten sie zu Feuerholz.

Der Aufbau einer großen Leinwand in ihrer Nachbarschaft weckt ihr Interesse. Ein vergnüglicher Kinoabend erwartet sie aber nicht, sondern das genaue Gegenteil: eine „Vorstellung“, die sie zwangsweise besuchen müssen: Die Russen konfrontieren sie mit den Verbrechen der Nazis. Gezeigt werden bedrückende, beschämende Bilder von der Befreiung der Konzentrationslager Treblinka und Auschwitz.

Den Winter über bringt ein russischer Soldat den Ewerts oft Brot und Hirse. Er lässt verlauten, bald kämen die Polen, und das sei „nix gut“ für die Deutschen. Zu den Russen entwickelt sich ein überraschend gutes Verhältnis – mit durchaus freudvollen Momenten. Im Frühjahr 1946 aber sind sie plötzlich weg. „Beinahe über Nacht“, erläutert Siegfried Ewert in seinen schriftlichen Erinnerungen. Mit dem Verschwinden der Rotarmisten kehrt der Hunger zurück.

Der Einzug der Polen lässt die Ewerts nichts Gutes ahnen. Als Siegfried und sein Bruder Benno auf dem Weg zur Großmutter Äpfel von einem Baum pflücken, zitieren zwei Soldaten sie herbei. Die Polen entreißen ihnen die Früchte. Dann werfen sie Benno die Äpfel mit Wucht an den Kopf, geht aus den Erinnerungen des Bruders hervor. Ihre höhnische Bemerkung: Dieses polnische Obst müsse noch reifen.    boh

Fortsetzung folgt.

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