Des „Fährmanns“ dritter „Streich“ bei „McMetin“: Songwriter weckt auch die Lust auf sein kommendes Album

Wundervoll „verschrobenes“ Gesamtpaket

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One-Man-Band und Storyteller: der „Fährmann“.

Harpstedt - Als Siebenjähriger verlor er seine Mutter – und als 16-Jähriger auch noch den Vater. Ein Mädchen, in das er in seiner Kindheit verschossen war, sah er nach Jahrzehnten 2010 auf einem Konzert in Dresden wieder.

Und sie, die ihn als Spross ignorierte, hatte nun plötzlich Augen für ihn. Heute lebt er mit ihr zusammen. Der „Fährmann“ hat mit der Zeit gelernt, nicht nur die schönen, sondern sogar die tragischen Momente des Lebens zu „genießen“, um gestärkt aus Krisen hervorzugehen. „Meine Dunkelheit“ heißt sein wohl persönlichstes Lied, das er zusammen mit einem Freund als Co-Texter „schrob“. Letztere Verbkreation verwende er gern als „Vergangenheitsform von ,schrieb’“, verrät er dem Publikum im „Liberty’s“ in Harpstedt. Um anzudeuten: „Das ist seeeehr lange her.“

Als Allrounder, der zusätzlich zur Gitarre bluesig Mundharmonika im Stile von Bob Dylan, Neil Young oder Bruce Springsteen spielt und obendrein mit dem Fuß eine Stompbox „bedient“, präsentiert er sich den rund 25 Zuhörern. Ebenso als Poet mit Hang zum bildhaften Verschlüsseln seiner Botschaften. Sowie nicht zuletzt als wortgewandter, schlagfertiger Entertainer – darauf bedacht, den „Draht“ zum Auditorium nie abreißen zu lassen. In Kombination ergibt das ein wundervoll „verschrobenes“, aber stimmiges „Gesamtpaket“. 

Keine Schublade passt: Mit Reinhard Mey lässt sich der „Fährmann“ trotz entfernter stimmlicher „Äquivalenzen“ äußert ungern vergleichen. Wer ihn denn schon unbedingt mit deutschsprachigen Liedermacher in Verbindung bringen wolle, der liege mit Hannes Wader oder Hermann van Veen richtiger, sagt er. Die Wurzeln des in Dresden aufgewachsenen Sängers und Songschreibers aber reichen weiter. Bis in die ostdeutsche Popkultur. Und bis in die US-amerikanische Storyteller-Tradition. Heraus kommt ein unwiderstehlicher folkig-bluesiger Cocktail mit Anleihen an Ostrock und Liedermacher-Liedgut.

Mit Humor bricht er das Eis

Es ist bereits der „dritte Streich“ des „Fährmanns“ im „Liberty’s“. Mit Humor bricht er das Eis: „Herzlich willkommen zu ,Kultur am Donnerstag’ am Montag in Harpstedt, dem schönsten Ort im Norden. Ich war schon mal hier – bei McMetin“, sagt er, blickt zu Wirt Metin Kalabalik und schwärmt schelmisch: „Ich habe gerade einen seiner Burger gegessen. Ein Knaller! Alter Schwede, davon werde ich auf der ganzen Welt erzählen, damit die Leute mit Bussen wegen des Barbecue-Burgers hierher kommen.“

Die Aufmerksamkeit ist geweckt. Wer jetzt noch nicht die Ohren spitzt, lässt sich spätestens mit dem nachfolgenden Mundharmonika-Intro in Springsteen-Manier, einer verträumten Melodie und den ersten Textzeilen verzaubern: „Es grünt in der Vorstadt. Die Zeit für dich steht still. Du fühlst dich so alt, wie er dich immer machen will.“

Nach einem melancholischen „Einstand“ mutet „Komm, setz dich ans Fenster“ beschwingter an. Der Dreivierteltakt könnte fast zum Schunkeln animieren. Der Song sei, so erzählt der „Fährmann“, seine Antwort auf „Kommt ein Vogel geflogen“ – auf jenes Lied, mit dem ihm seine Mutter in seiner frühen Kindheit in den Schlaf wiegte. „Feuer im Schnee“ fand sich hingegen 2014 auf Platz 21 der „Liederbestenliste“ wieder. „Ein Ritterschlag“, flachst der Sänger trocken. Wie ihm der Liedtext in den Sinn kam, bleibt nicht unausgesprochen: „Mit 17 bin ich mit Freunden in Dresden um die Häuser gezogen. Wir hatten Haare bis zum Arsch, waren Hippies und wollten die Welt verändern. 

Nach 25 Jahren sahen wir uns in Dresden wieder. Es war wie in der Werbung: ,Mein Haus, mein Auto, meine Pferdefrau!’ Wir unterhielten uns die ganze Nacht. Unsere Interessen unterschieden sich aber total. Einer ist Bauleiter geworden und sagte, er müsse das machen – wegen der Kinder. Früher konnte er nicht mal die Leiter halten, weil er immer breit war! Morgens um fünf erlebte ich einen bitteren Moment: Obwohl die ehemaligen Freunde einen Haufen Geld verdienten, prellten sie die Zeche. Auf dem Heimweg ist mit der Song dann eingefallen.“

Karl Neukauf produziert neues Album

Das Ende einer Liebe, Besserwisserei in den sozialen Medien und im Journalismus – der „Fährmann“ denkt über alles Mögliche nach und lässt die Fans durch seine Texte an seinen Gedanken teilhaben. Bei aller Ernsthaftigkeit trotzt er live erfolgreich der Trübsal. In Harpstedt kultiviert er zur allgemeinen Erheiterung das Ritual, jedes Dankeschön aus seinem Mund mit einem „Bitteschön“ der Zuhörer beantworten zu lassen. Als Rotlicht ihn umgibt, erzählt er von einem eher langweiligen Besuch im Puff – und den horrenden Sektpreisen. „Ist Rauchen hier erlaubt, wenn’s zum Programm gehört?“, fragt er den Wirt. Dann wieder ermuntert er das Publikum, seine Lieblingszeile aus „Ich bin im Zwinger“, einer von Heiner Pudelko aus der Band „Interzone“ stammenden Ballade, zu raten, die da lautet: „Will dir sagen, du bist besser als Geld“. Ja, der „Fährmann“ covert tatsächlich gelegentlich – allerdings selten.

„So weit die Füße tragen“, der Titeltrack seines im März 2018 erscheinenden, von Karl Neukauf aus Berlin produzierten Albums, stampft wie ein Kundgebungssong von „Bots“ ordentlich los, reißt mit, macht Lust auf den neuen Tonträger. Bei „Ohne dich“ legt der in Herne lebende Sänger noch ‘ne Schippe drauf. Sein furioses Harp-Solo zum Train-Shuffle-Sound quittieren die Fans mit Sonderapplaus.

Wort und Musik halten sich annähernd die Waage. Gegen Ende kommt der „Fährmann“ aus dem Plaudern kaum mehr heraus und schafft es, einen Titel auf 18 Minuten Länge zu „stretchen“. Er wird sicherlich bei Gelegenheit ein viertes Mal in Harpstedt „anlegen“ – getreu dem Schwarzenegger-Slogan „I’ll be back“. - boh

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