Flammendes Plädoyer für Menschlichkeit

Von der Würde des Fremden

Harpstedt - Im Vorfeld der Beratung eines letztlich einstimmig beschlossenen Antrags von Bündnis 90/Die Grünen, wonach Bürgermeister und Fleckenrat die Bemühungen von Bürgern zur Begleitung und Integration von Flüchtlingen ausdrücklich begrüßen hat Bürgermeister Werner Richter am Montag im Hotel „Zur Wasserburg“ ein flammendes Plädoyer für die Würde des Fremden und die Menschlichkeit gehalten.

Dabei blitzte freilich der Pastor in ihm durch. Unter Berufung auf die Heilige Schrift entlarvte er die vermeintliche Sorge der Pegida-Anhänger um den Fortbestand des christlichen Abendlandes als eine so gar nicht mit dem Christentum konforme Haltung.

„Seit Wochen und Monaten beschäftigen sich Menschen in unserem Land und in ganz Europa mit der Frage der Flüchtlinge. So schwierig manche Probleme auch zu bewältigen sind, die mit dem Zuzug aus Ländern wie beispielsweise Syrien entstehen, so hilfreich ist die Notwendigkeit, über den Tellerrand der eigenen Lebenssituation und gesicherten Existenz hinaus zu schauen. Dies um so mehr, als auf dem Weg nach Europa Tausende Menschen ums Leben gekommen sind. Das zeigt, wie groß die Not ist, die sie aus ihre Heimat getrieben hat“, sagte Richter.

Es habe hierzulande viele Zeichen eines Willkommens gegenüber den Flüchtlingen gegeben, aber eben auch viele Vorbehalte und Ängste. Eine der Befürchtungen sei, das christliche Abendland mit seiner Kultur könne Schaden nehmen oder drohe sogar unterzugehen. „Es ist schon seltsam, in welchem Zusammenhang ein solcher Begriff mal wieder an die Oberfläche kommt“, wunderte sich der Fleckenbürgermeister. „Aber wenn schon jemand darauf zurückgreift, dann sollte auch Folgendes im Gedächtnis bleiben: Der Fremdling hat in den Schriften der Bibel – und die ist Grundlage des christlichen Abendlandes – eine ganz hohe Stellung.“

Schon Abraham, der Urvater des aus der Knechtschaft ins gelobe Land geführten Volkes Israel, sei „ein Mann auf dem Weg“ gewesen. Richter zitierte aus dem 2. Buch Mose: „Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken, denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, dieweil ihr auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen seid.“ In gewisser Weise lasse sich dies, jedenfalls für die ältere Generation, „auf unser Land“ beziehen. Das brachte Richter zu der Überzeugung, dass der Menschen Leben „insgesamt eine Wanderung ist“ und feste Häuser „nur den Anschein von Dauerhaftigkeit geben“.

Auch Jesus sei „auf einer Reise“ – in „einer Behelfsunterkunft“ – geboren worden, und alsbald hätten ihn die Eltern in Sicherheit bringen „und vor Herodes fliehen“ müssen. Seine Zeit der Verkündigung sei „eine Zeit der Wanderschaft“ gewesen. Und im großen Gleichnis vom Weltgericht fänden die Fremden „neben den Hungrigen, den Durstigen, denen ohne Kleidung, den Kranken und Gefangenen“ Erwähnung. Auch dort komme ihre Würde zum Ausdruck.

Richter schlug sodann den Bogen zurück zur aktuellen Flüchtlingssituation: „So verbindet uns alle Entscheidendes mit denen, die bei uns Zuflucht suchen. Diese Menschen aufzunehmen, ist eine Frage der Menschlichkeit. Stacheldrahtzäune und patrouillierende Soldaten gehören nach meiner Sicht nicht zum christlichen Abendland.“ Diejenigen, die Fremden begegnen, könnten im Übrigen von „großer Bereicherung erzählen.“

boh

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