„Weihnachten wird nicht traurig“: Gastbeitrag von Altbürgermeister Hermann Bokelmann

Worte der Ermutigung in sorgenvoller Zeit

Den Weihnachtsmann besuchten Hertha und Hermann Bokelmanns Urenkel mit deren Eltern vor anderthalb Jahren in Lappland: Femke Brandt, Tochter Mila, Sohn Emil und Ehemann Andreas Brandt (v.l.) mit dem Gabenbringer, der noch ein Handkurbeltelefon hat.
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Den Weihnachtsmann besuchten Hertha und Hermann Bokelmanns Urenkel mit deren Eltern vor anderthalb Jahren in Lappland: Femke Brandt, Tochter Mila, Sohn Emil und Ehemann Andreas Brandt (v.l.) mit dem Gabenbringer, der noch ein Handkurbeltelefon hat.

Harpstedt – „Da ich in meinem langen Leben viele schöne und wenige traurige Weihnachten erlebte, will ich Mut machen“, sagt Hermann Bokelmann. Natürlich werde das Fest in diesem Jahr wegen der Coronapandemie anders sein, räumt der Harpstedter Altbürgermeister ein. „Aber nicht traurig“, fügt er hinzu. Die nachfolgenden Schilderungen in der Ich-Form veröffentlicht unsere Zeitung in dieser Weihnachtsausgabe als Gastbeitrag des über 90-Jährigen:

Ich kann mich sogar noch an den Heiligen Abend vor 85 Jahren erinnern, als mein Vater mit mir in Harpstedt zur Kirche ging und ich als kleiner Bub zum ersten Mal das Krippenspiel sah.

Aber im Krieg erlebten viele Kinder Weihnachten ohne den Papa. Manche sogar ihr Leben lang, da ihr Vater sein Leben verlor oder sein Schicksal unbekannt ist.

Ich hatte es besser, weil meine Eltern schon älter waren. Trotzdem vermisste ich meine beiden älteren Brüder. Sie waren Soldaten und bekamen als Junggesellen zu Weihnachten keinen Urlaub.

Das Kriegsjahr 1944 war schwer. Im Herbst schaufelten wir 15-jährigen Handelsschüler aus Delmenhorst im Jever-Land am „Friesenwall“. Im November wurde das Schuljahr mit einer Notabschlussprüfung abgebrochen, und es begann „Kriegsdienst“ im Rüstungsbetrieb.

Mein Weihnachten 1944 war wirklich traurig: Wenige Tage vor Heiligabend kam die Nachricht vom „Heldentod“ meines Bruders Fritz „fürs Vaterland“. Er war gefallen. Da erfuhr ich, was Mutter-Schmerz bedeutet. An den Festtagen stand in der Stube kein Tannenbaum, der Trost hätte spenden können. Das bleibt mir immer in Erinnerung.

Zwei Jahre später erlebte ich als Briefträger, dass auch dunkle Adventstage hell leuchten können. Eine solche Masse an Post wie heute gab es damals nicht. Keine Tageszeitungen, Zeitschriften, Rechnungen und Werbepost. Umso mehr warteten die Menschen auf Briefe von Angehörigen. Im Sommer waren die Heimatvertriebenen aus Schlesien und Pommern gekommen und vielfach notdürftig untergebracht. Oft nur in einem Zimmer. Teilweise in alten Speichern, wo der Wind durch Fenster und Türspalten pfiff.

Sie warteten alle auf Nachricht vom Suchdienst des DRK, um zu erfahren, wohin es ihre Angehörigen verschlagen hatte. Viele Männer waren noch in der Kriegsgefangenschaft. Ihre Briefe aus England und Amerika kamen oft an, Karten aus Russland seltener. Viele Frauen und Mütter haben sogar jahrelang auf eine klärende Nachricht gewartet – vergebens.

Als Stromausfälle zur Normalität gehörten

Ich schicke die Schilderung der damaligen Zeit voraus, damit man mein freudiges Erlebnis richtig versteht, an das ich mich immer in der Vorweihnachtszeit gern erinnere: Als ich im Advent 1946 als Postbote in der hereinbrechenden Dämmerung zu den letzten Häusern in Klosterseelte kam, schaltete das Überlandwerk Syke (Vorläufer von E.ON) wieder den „Saft“ ab. Die Kraftwerke hatten in der Nachkriegszeit nicht genügend Kohle, um den erforderlichen Strom zu produzieren, obwohl der nur für Glühlampen, Radios und wenige Motoren gebraucht wurde. Es gab ja noch keine Fernsehgeräte, Waschmaschinen, Geschirrspüler, Tiefkühltruhen und PCs.

Heute bricht gleich die Welt zusammen, wenn der Strom ausfällt. Damals passierte das mehrmals täglich, wenn das Netz überlastet war. Bei Döpkes tappte ich über den dunklen Flur zur Küche. Dort war aber auch kein Licht. Nur ein kleiner Schimmer kam vom Herdfeuer. „De Kerls sind mit de Petroleumlampen in Staal und fort dat Veeh“, meldete sich Mutter Döpke aus der Dunkelheit. Seinerzeit spendete das Feuer im Küchenherd etwas Licht, damit ich die Karte mit Rotem Kreuz und Rotem Halbmond fand. Es war eineinhalb Jahre nach Kriegsende die erste Nachricht von Döpkes Sohn Heinrich aus russischer Kriegsgefangenschaft. Die Karte aus Russland und der Schein des Holzfeuers aus dem Herd brachten in der Adventszeit 1946 mehr Licht als Tausende Lampen und Lichterketten, die in den vergangenen Jahren in der Vorweihnachtszeit so stark leuchteten, dass man das wahre Licht zu Weihnachten kaum erkennen konnte.

Unsere Bundeskanzlerin warnt jetzt sogar vor einem harten Winter. Einen wirklich harten Winter erlebte ich 1946/47. In der Muna Dünsen war in der Kommandantur, den Kasernen und Offizierswohnungen sowie im Kasino ein Altersheim eingerichtet worden. Über 200 alte, aus Schlesien vertriebene Menschen waren dort untergebracht. Aber nicht – wie heute – in Einzelzimmern. Nein, dort stand Bett an Bett. An gemütliches Wohnen war nicht zu denken. Die Ritzen in den Fenstern waren mit Moos zugestopft. Das half leider auch nicht, wenn die Heizung ausfiel. Aber nach diesem überaus harten Winter gab es wieder Frühling und Sommer – und nach der Währungsreform 1948 Fördergelder, sodass sich viele Heimatvertriebene hier ein neues Haus bauen konnten und fern der Heimat eine neue Heimat fanden. In weiteren Nachkriegsjahren stellten wir Kerzen in die Fenster für noch nicht heimgekehrte Kriegsgefangene. Leider sind einige nie heimgekehrt: 167 Namen von Vermissten stehen auf der Gedenktafel der Harpstedter Kirche.

Bei uns leben jetzt zwei Generationen in Frieden und kennen keinen Krieg, obwohl die Welt unfriedlicher geworden ist. Eine Kerze in den Fenstern aller Häuser könnte auch heute als „Mahnlicht“ gegen Hass und Radikalismus zum Frieden auf der ganzen Welt aufrufen.

Neue Technik bietet viele Möglichkeiten

Noch ein Rat: Früher schrieb jeder Weihnachtsgrüße an Verwandte und Bekannte. Heute stehen uns mit der neuen Technik viele schnelle Möglichkeiten zur Verfügung. Nutzen wir sie doch und rufen jemanden an, wenn wir meinen, dass er einsam sein könnte!

Als junges Ehepaar erfreuten meine Frau und ich uns an den strahlenden Augen unserer Kinder, wenn sie sich über die Gaben des „Weihnachtsmanns“ freuten. Später leuchteten die Augen der Enkelkinder. Heute sind wir dankbar, dass wir Urenkel heranwachsen sehen. Lasst uns trotz Corona dankbar sein, dieses Weihnachten in Frieden und Freiheit erleben zu dürfen! Vielleicht hilft meine Erinnerung an das kleine „Adventslicht“ von vor 74 Jahren, die Erschwernisse der Coronapandemie leichter zu ertragen. Entspannen wir uns an Weihnachten im Schein einer Kerze, genießen wir ruhige Tage – und nutzen wir die Zeit, um über die frohe Botschaft des wahren Weihnachtslichts nachzudenken!

Eine einzige Kerze ins gardinenlose Fenster stellen – als „Mahnlicht“, aber auch als Zeichen der Zuversicht: Diese Anregung von Altbürgermeister Hermann Bokelmann greift unsere Zeitung gern als Appell an die Mitbürger auf. Aber Vorsicht! Wer der Idee an diesem Heiligen Abend folgen will (beispielsweise um 18 Uhr für eine Viertelstunde) muss dafür sorgen, dass nichts Entflammbares Feuer fangen kann. Wichtig auch: Die Kerze niemals unbeaufsichtigt lassen!

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