Etliche Landwirte tuckern ab Harpstedt und Groß Ippener zur Großdemo nach Berlin

Sie wollen nicht Sündenbock „für alles“ sein

Auch bei der Genossenschaft in Harpstedt (Bild links) setzten sich Schlepper mit Ziel Berlin in Bewegung. Fotos: Bohlken

Harpstedt/Groß Ippener - Von Jürgen Bohlken. Mit Parolen wie „No farmers, no food, no future“ („keine Bauern, keine Nahrung, keine Zukunft“) verschaffen sich auch Landwirte aus dem Landkreis Oldenburg in Berlin Gehör. Das Agrarpaket der Bundesregierung mit Neuregelungen für mehr Umwelt- und Insektenschutz, das Freihandelsabkommen der Europäischen Union mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur und die fortwährende Verunglimpfung ihrer Berufsgruppe empfinden sie als rotes Tuch. Vor allem aber treibt sie die neue Düngeverordnung auf die Palme.

Mit elf bis zwölf Stunden Fahrtzeit kalkulierten etliche Landwirte, die sich am Montagmorgen mit ihren Traktoren bei der Raiffeisen-Warengenossenschaft am Hopfenweg in Harpstedt und im „Großen Ort“ in Groß Ippener sammelten. Sie werden nach einer Hotel-Übernachtung in Nauen am Dienstag bei der Großdemo in der Bundeshauptstadt auf Initiative des Netzwerks „Land schafft Verbindung“ mitmischen. In Ippener fielen 13 auf fünf Tieflader verladene Schlepper ins Auge, die in Berlin ebenfalls zum Einsatz kommen und sozusagen „emissionsarm reisten“. Damit bekräftigten die Bauern auch, dass ihnen der Umweltschutz am Herzen liegt. Sich allerdings fortlaufend in der Rolle des Prügelknaben und Sündenbocks „für alles“ wiederzufinden, schmeckt ihnen nicht. Die Sanktionierung von Umweltbelastungen gehe einseitig auf ihre Kosten, beklagen sie. So seien bedenkliche Nitrat- und Phosphatgehalte in Grundwasser und Flüssen keineswegs nur der Landwirtschaft zuzuschreiben, betonen Bernd Ehlers aus Groß Ippener und Hergen Horstmann aus Annen. Marode Kläranlagen trügen ebenfalls dazu bei, aber für die Abarbeitung des dort bestehenden Sanierungsstaus sei kein Geld da.

Die Vorgabe, die Stickstoffdüngung auf 80 Prozent des Pflanzenbedarfs in den „roten“ – nitratsensiblen – Gebieten zu beschränken, geht indes zulasten landwirtschaftlicher Erträge, und das beschwört Existenzängste herauf. „Du kriegst die Pflanzen einfach nicht hinreichend ernährt. Sie werfen dann beispielsweise nicht mehr acht Tonnen Ernte pro Hektar ab, sondern vielleicht noch sechs“, weiß Horstmann. Und diese Spirale setze sich als Folge der Düngerechtsverschärfung weiter fort.

Die Landwirte halten im Übrigen die Anzahl der Brunnen-Beprobungen für zu gering. Etwaige Verfahrensfehler schließen sie nicht aus. Das beprobte Wasser dürfe nicht stehen, sondern müsse für aussagekräftige Ergebnisse im Fluss sein, betont Ehlers. Ihm und Horstmann sind Ungereimtheiten aufgrund von Messergebnissen bekannt. Sie berichten von noch nie gedüngten Flächen in Wäldern oder in der Lüneburger Heide; dort seien astronomische Nitratwerte festgestellt worden. Sie erwähnen ebenso eine signifikante Überschreitung des Nitrat-Grenzwertes von 50 Milligramm pro Liter an der Oldenburger Stadtgrenze, für die wohl kaum die Landwirtschaft als Verursacher in Betracht komme. Nicht minder merkwürdig: Im Vechtaer Raum, „wo richtig viele Tiere gehalten werden“, seien die Werte in Ordnung, so Ehlers. „Und hier bei uns sollen sie schlecht sein?“

Die Initiative „Land schafft Verbindung“ sei, so verschweigt Ehlers nicht, ein Ergebnis der Unzufriedenheit der Landwirte mit ihren eigenen Verbänden gewesen. „Wir hatten zeitweise den Eindruck, dass diejenigen, die unsere Interessen vertreten sollen, nur noch ihre Stühle warmhalten, statt unangenehme, aber notwendige Anliegen anzugehen. Demos wie kürzlich in Hamburg und jetzt in Berlin hätten wir uns schon früher gewünscht. Inzwischen unterstützen uns der Bauernverband und das Landvolk wieder nach Kräften, und die Zusammenarbeit läuft Hand in Hand“, resümiert Ehlers.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Viele tote Urlauber bei Vulkanausbruch in Neuseeland

Viele tote Urlauber bei Vulkanausbruch in Neuseeland

„Hello Abstiegskampf, my old friend“ - die Netzreaktionen zu #SVWSCP

„Hello Abstiegskampf, my old friend“ - die Netzreaktionen zu #SVWSCP

Gutachten: Berliner Mietendeckel nicht verfassungswidrig

Gutachten: Berliner Mietendeckel nicht verfassungswidrig

Hartes Ringen bei UN-Klimagipfel - Thunberg nutzt Medienhype

Hartes Ringen bei UN-Klimagipfel - Thunberg nutzt Medienhype

Meistgelesene Artikel

LzO übergibt 10 000 Euro an Vereine

LzO übergibt 10 000 Euro an Vereine

Bauschutt unter dem Parkplatz

Bauschutt unter dem Parkplatz

„Einbruch“ ins Feuerwehrhaus

„Einbruch“ ins Feuerwehrhaus

Herbstwetter begleitet Weihnachtsmarkt

Herbstwetter begleitet Weihnachtsmarkt

Kommentare