„Wir müssen dem Engagement Raum geben“

Pastor Gunnar Schulz-Achelis spricht in Klein Ippener über die Zukunft der Kirche

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An seinem Arbeitsplatz im Haus kirchlicher Dienste: Gunnar Schulz-Achelis.

Klein  Ippener/Harpstedt/Hannover - Ja, er komme gern als Festredner am Dienstag, 18. September, 19 Uhr, zum Stiftungsmahl der Harpstedter Kirchen-Stiftung in das Gasthaus „Hackfeld’s Dorfkrug“ nach Klein Ippener, sagt Pastor Gunnar Schulz-Achelis. Der Besuch führt den 53-Jährigen nicht nur zurück an seine frühere Wirkungsstätte – in die Christusgemeinde Harpstedt. Die Stiftung ist zu einem guten Teil auch sein „Baby“. Unsere Zeitung hat mit ihm unter anderem über sein Festvortragsthema, die Zukunft der Kirche, gesprochen. Die Fragen stellte Jürgen Bohlken.

Sie werden in ihrer Rede sicherlich nicht nur die Kirchenaustritte und das teilweise Wegbrechen finanzieller Ressourcen thematisieren.

Schulz-Achelis: Nein, nicht nur. Aber wir müssen uns schon vor Augen halten, dass wir weniger werden. Nicht nur wegen der Kirchenaustritte. Auch als Folge der demografischen Entwicklung. Hinzu kommt der Pastorenmangel. Auf der anderen Seite will ich auch über Chancen sprechen. Die sehe ich beispielsweise für das Ehrenamt. Viele Menschen werden nach meiner Einschätzung lernen, ihren Glauben selbst zu formulieren. Sie werden nicht darauf warten, dass der „Mann im schwarzen Kittel“ die richtigen Worte findet. Am Ende meines Vortrags wird es sicherlich einen etwas theologischen Teil geben. Auch Trost. Denn Kirche kann, wie ich glaube, durchaus getrost in die Zukunft gehen. Lange vor meiner Zeit in Harpstedt bin ich in Tansania, den Vereinigten Staaten, der damaligen DDR, in Bangladesch und Indien gewesen und habe viele Gemeinden kennengelernt, die unter weit schwierigeren Verhältnissen ein sehr gutes kirchliches Leben hinbekommen haben. Von daher bin ich zuversichtlich: Es wird Veränderungen in der Kirche geben, aber es muss nicht alles schlechter werden.

Wohin muss sich Kirche Ihrer Ansicht nach entwickeln, damit sie als eine Institution, die vielen Menschen in schnelllebiger Zeit Halt gibt, weiterhin ihre Berechtigung hat?

Schulz-Achelis: Sie muss sich vernetzen mit anderen Akteuren vor Ort. Sie kann dabei sicherlich selbst viel einbringen – an Kompetenz, Sachverstand, Ressourcen oder auch Räumlichkeiten. Kirche muss klar, aber unaufdringlich ihre Botschaft formulieren. Und Antworten auf brennende Fragen geben. Aber ebenso Raum für Religiosität und Engagement. Dann kann es gelingen, dass sich Menschen bei ihr beheimatet fühlen, die sehr unterschiedlich ticken. Ich denke da etwa an die kritischen Christen in Harpstedt, an viele Leute, die bei der Christuskirchenrenovierung mitgeholfen haben, obwohl sie Kirche eigentlich nicht so „auf dem Zettel“ hatten, aber auch an Chöre und andere Musikgruppen. Da steckt ganz viel Potenzial, Engagement – und darin wiederum eine große Chance. Kirche muss sicher auch ihre Gottesdienste weiter modernisieren und sie etwa mit anderer Musik und anderer Ansprache feiern. Harpstedt hat ja mit den Baustellengottesdiensten schon ein erfolgreiches Format gefunden. Zudem glaube ich, dass Kirche künftig insbesondere in den Dörfern eine wichtige Rolle als Ort der Begegnung spielen wird. Als Ort echter Begegnung. In der wirklichen Welt. Der Kohlenstoffwelt. Nicht in irgendwelchen Netzen. Darin liegt eine Stärke: Kirche kann nicht nur Angehörige eines Milieus ansprechen, sondern sehr unterschiedliche Menschen zusammenbringen. Immer weniger wird es in Zukunft so laufen, dass Kirchengemeinden sagen: „Wir warten darauf, dass Hannover uns Personal und Problemlösungen schickt.“ Gemeinden werden sich unterschiedlich entwickeln. Diejenigen, die engagiert, aktiv und generell bestrebt sind, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, werden am Ende besser aufgestellt sein als andere.

Sicher freuen Sie sich auf das Wiedersehen mit Gemeindegliedern aus ihrem früheren Wirkungskreis beim Kirchenstiftungsmahl. Pflegen Sie noch viele Kontakte nach Harpstedt?

Schulz-Achelis: Zumindest einige. Ich komme ja auch gelegentlich zu Besuch. Übrigens auch schon am 24. Juni – beim „Feelings“-Konzert. Unsere ältere Tochter Lisa, mittlerweile 18 Jahre alt, wird dann in der Christuskirche moderieren. Am Tag nach ihrem Abiball.

Im Haus kirchlicher Dienste, das als übergemeindliche Einrichtung die Arbeit der Gemeinden und Kirchenkreise in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers unterstützt, kümmern Sie sich seit Mai 2014 um die Öffentlichkeitsarbeit und darum, Arbeitsfelder und Projekte nach außen zu kommunizieren. Das klingt sehr nach einer publizistisch-journalistischen Aufgabe und so gar nicht nach einer seelsorgerischen. Vermissen Sie mitunter das „Pastorale“?

Schulz-Achelis: Ja, vor allem das Seelsorgerische fehlt schon. Und auch die Arbeit mit begeisterten Ehrenamtlichen, die mich immer inspiriert hat. Ich habe jetzt fast ausschließlich mit Hauptamtlichen zu tun. Auf der anderen Seite kann ich mich selbst in der Hannoverschen Timotheus-Gemeinde, der ich angehöre, ehrenamtlich einbringen. Wie am vergangenen Sonntag. Da etwa habe ich elf Stunden beim Sommerfest mitgeholfen.

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