„Windpark Winkelsett“: Kompensationsmaßnahmen abgenommen

Großer Aufwand für den Vogelschutz

Die Übersichtskarte zeigt, wo etwas für Rohrweihe, Mäusebussard, Feldlerche und Landschaftsbild getan worden ist. Quelle: moritz umweltplanung oldenburg
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Die Übersichtskarte zeigt, wo etwas für Rohrweihe, Mäusebussard, Feldlerche und Landschaftsbild getan worden ist. Quelle: moritz umweltplanung oldenburg

Spradau/Kellinghausen – Für bauliche Eingriffe in den Naturhaushalt schreibt der Gesetzgeber Kompensationsmaßnahmen vor. Welcher Aufwand damit im Fall des erweiterten Windparks in Spradau/Kellinghausen um zusätzliche sechs auf jetzt 13 Anlagen einhergegangen ist, hat der Diplom-Biologe Volker Moritz am Mittwochabend im Winkelsetter Rat aufgezeigt.

Er stellte den federführend von seinem Kollegen Norbert Seidel erarbeiteten Grünordnungsplan (GOP) vor und erläuterte die darin enthaltenen, bereits umgesetzten Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen anhand von beeindruckend aussagekräftigen „Vorher/Nachher-Fotos“.

Mehr als 20 Hektar für die Kompensation

Die Kompensation soll zum einen Lebensraum für Rohrweihe, Feldlerche und Mäusebussard schaffen und zum anderen dem Landschaftsbild dienen. Offiziell abgenommen worden sind die Maßnahmen am 14. Oktober. Für die vorbildliche Umsetzung und die geleistete Arbeit bedachten Bürgermeister Willi Beneke und Ratsherr Andreas Mikutta sowohl die Planer als auch Samtgemeindebauamtsleiter Jens Hüfner und seine Kollegin Nathalie Prüß großzügig mit Lob und Dank.

Zehn zwischenzeitlich angelegte Hecken schlagen allein mit einer Gesamtlänge von etwa zwei Kilometern zu Buche. Elf Brutbiotope und Nahrungshabitate für Rohrweihe, Mäusebussard und Feldlerche entstanden auf insgesamt 18,1 Hektar. „Rechnet man Flächen hinzu, die der Landkreis Oldenburg ins Spiel gebracht hat und die ebenfalls Eingang in die Planung gefunden haben, liegen wir sogar bei weit über 20 Hektar“, bilanzierte Moritz.

Das sei – gemessen an der Windparkgröße – eine „schier ungeheure“ Dimension, die „so gut wie nie“ im Zusammenhang mit derartigen Planungen zum Tragen komme. Erst recht nicht, wenn monetäre Ausgleichsleistungen flössen.

Mit Monitoring beauftragt

„Wir müssen uns klarmachen: Das Kompensationsvolumen hier ist ein Ausnahmefall“, bekräftigte Volker Moritz. Er spielte auf die ambitionierten Energiewende-Ziele der großen Politik im Interesse des Klimaschutzes an. Sollte der weitere Ausbau der Windenergie tatsächlich mit Nachdruck vorangetrieben werden, dürfte es nach seiner Einschätzung bald gar nicht mehr genügend Flächen für die Kompensation geben. „Die Frage, wie man das gebacken bekommt, wird noch spannend“, ahnte der Biologe.

Mit dem Kompensationsmonitoring für den „Windpark Winkelsett“ ist sein Büro („moritz umweltplanung oldenburg“) beauftragt worden. „Damit haben wir dieses Jahr auf den ersten Flächen angefangen. Das machen wir reihum. Wir prüfen, ob die Zielarten in den Flächen vorhanden sind, ob die betreffenden Vögel die Brut- und Nahrungshabitate annehmen und ob wir tatsächlich auch eine Steigerung bei der Beute, etwa bei Mäusen, erreichen. Natürlich haben wir zudem insgesamt einen wachen Blick auf die Entwicklung der Biotope“, sicherte der Fachmann zu.

Wie groß die Vogelschlaggefahr für die Feldlerche ist, wird kontrovers diskutiert. Auch diese Art fand bei der Biotoprealisierung im Zuge der Umsetzung des Grünordnungsplans Berücksichtigung.

Die realisierten Kompensationsflächen in der Gemeinde Winkelsett seien „das Gebiet, was uns richtig ans Herz gewachsen ist“, sprach Moritz auch im Namen seines Kollegen Norbert Seidel. In dem Projekt steckten mehrere Jahre Arbeit. Der nunmehr abgearbeitete GOP sei 60 Seiten stark; hinzu kämen 30 bis 40 Seiten mit Kartenmaterial. „Wir mussten auch beschreiben, was konkret auf den Flächen für die jeweilige Vogelart passieren soll und wie sie künftig gemanagt werden sollen“, sagte Moritz. Der GOP sei keineswegs „nach Planers Gusto“ entwickelt worden, sondern auf der Basis einer „Arbeitshilfe“ des Niedersächsischen Städtetages als Richtschnur.

Aus Maisacker wird hochwertiges Grünland

Rohrweihe und Mäusebussard gehörten zu den windkraftsensiblen Arten, begründete der Biologe, warum der GOP darauf zielt, gerade für diese Vögel Lebensraum zu schaffen. Dass die Feldlerche ebenfalls „auf die Liste gekommen“ sei, erklärte er etwas wortreicher: „Gemäß Naturschutzgesetz müssen auch solche Arten betrachtet werden, die aufgrund ihres Verhaltens in irgendeiner Weise im Zusammenhang mit Windenergieanlagen in Gefahr geraten können. Nach behördlicher Ansicht ist die Feldlerche wegen ihres Sinkfluges, der sich kreisförmig in ihrem Revier vollzieht, gegebenenfalls von den Windrädern tangiert. Inwieweit diese Betroffenheit wirklich besteht, wird allerdings kontrovers erörtert. Wir als Planer haben da einen Strich drunter gezogen und gesagt: ,Das müssen wir nicht groß diskutieren. Darüber wollen wir uns nicht womöglich am Ende mit Leuten vor Gericht streiten müssen.’ Deshalb haben wir die Feldlerche einbezogen. Mit dem durchaus hehren Ziel, auch für sie Lebensraum zu schaffen.“

Von angelegten Flächen für die Rohrweihe profitiere indes teils auch der Mäusebussard – und umgekehrt, wies Moritz auf Übereinstimmungen in den Fressgewohnheiten hin.

Die Rohrweihe hat unter den Vogelarten mit Blick auf das technische Windparkmanagement das größte Gewicht. Brütet sie im Umkreis von Anlagen, werden Abschaltzeiten festgelegt. Trotzdem kann es passieren, dass ein Exemplar mal Vogelschlag zum Opfer fällt. Das erklärt, warum wir auch für die Rohrweihe was tun.“

Volker Moritz

Die ersten Fotos, die er zeigte, dokumentierten die Entwicklung der „Fläche H“ (2,4 Hektar) am Huntestau in Hölingen. Angelegt worden war sie im Sommer vergangenen Jahres. Bis April 2021 tat sich dort wenig in Sachen Vegetation. Das änderte sich allerdings in den nachfolgenden Monaten deutlich, offenbarte ein Foto vom 14. Oktober: Mit Schilf, Rohrkolben und ein paar Erlen drumherum entsprach das Areal nun schon sehr viel mehr den landläufigen Vorstellungen von einem Biotop. „Wir sind in allerbester Hoffnung, dass dieser Lebensraum wirklich angenommen wird“, sagte Moritz. Als Hintergrundinfo zu der primär für die Rohrweihe konzipierten Fläche ergänzte er: „Diese Art hat unter den Vogelarten mit Blick auf das technische Windparkmanagement das größte Gewicht. Brütet sie im Umkreis von Anlagen, werden Abschaltzeiten festgelegt. Trotzdem kann es passieren, dass ein Exemplar mal Vogelschlag zum Opfer fällt. Das erklärt, warum wir auch für die Rohrweihe was tun.“

Spezielles Pflanzgut „bundesweit ausverkauft“

Weitere Fotos dokumentierten die Entwicklung der „Fläche J“ (3,6 Hektar) in Huntenähe, etwa anderthalb Kilometer nördlich der „Fläche H“ gelegen. Dort hat sich ein ehemaliger Maisacker in hochwertiges Grünland verwandelt. „Das ist ein richtiger Akt gewesen. Dafür muss man sich nämlich heutzutage spezielles Pflanzgut aus dem sogenannten Naturraum Nummer eins – „Nordwestdeutsches Tiefland“ – besorgen und hoffen, dass man"s kaufen kann. Das aber war der Haken: Es ließ sich in der Form, in der wir es gern gehabt hätten, nicht erwerben. Es war bundesweit ausverkauft“, erläuterte Moritz. Die Verwendung eines anderen Saatguts habe wiederum eine Rücksprache mit der Fachbehörde erfordert. „Das haben wir aber zum Glück alles hingekriegt.“

 „Vorhabenträger sind vertraglichen Verpflichtungen nachgekommen“

Die Gemeinde Winkelsett habe bekanntlich Gebrauch gemacht von der Möglichkeit, für den „Windpark Winkelsett“ einen Bebauungsplan (B-Plan Nr. 2) aufzustellen und sich damit sozusagen die planerische Feinsteuerung auf die Fahnen geschrieben, erläuterte Samtgemeindebauamtsleiter Jens Hüfner am Mittwochabend im Gemeinderat. Die Kompensation sei eine „sehr aufwendige Geschichte“ gewesen, insbesondere mit Blick auf Artenschutz und Landschaftsbild. „Da ist ziemlich viel Arbeit reingeflossen“, spielte Hüfner auch auf den erstellten Grünordnungsplan an.

„Die Gemeinde Winkelsett hatte mit den Windpark-Vorhabenträgern einen städtebaulichen Vertrag geschlossen, um die Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen abzusichern, zumal der Ausgleich nicht auf Grund und Boden der Kommune, sondern auf Flächen der Vorhabenträger und anderer privater Eigentümer vollzogen werden sollte. Eine Grunddienstbarkeit wurde eingetragen, um die betreffenden Grundstücke dauerhaft zu sichern. Gemäß dem geschlossenen städtebaulichen Vertrag haben sich die Vorhabenträger verpflichtet, die im Grünordnungsplan enthaltenen Maßnahmen, die weiterhin kontinuierlich fachlich begleitet werden müssen, auf eigene Kosten umzusetzen und obendrein ein Monitoring zu beauftragen. Das alles ist inzwischen geschehen“, sagte der Bauamtsleiter.

Sein Fazit nach der in der vergangenen Woche erfolgten Abnahme der umfangreichen Kompensationsmaßnahmen: „Die Vorhabenträger sind ihren vertraglichen Verpflichtungen nachgekommen.“

Das beim Abnahmetermin geschossene Foto der „Fläche J“ kommentierte Moritz mit den Worten: „Deutlich zu erkennen sind die aufkommenden Röhrichte. Man wird in der Folge auch einzelne Gebüsche – Weidengebüsche und dergleichen – zulassen, sodass sich dort eine Durchdringungszone zwischen Schilf, Wasserelementen und Gehölzen entwickelt, die sogar einen gewissen Abschottungsgrad erreicht.“

Gesamteindruck: Keine Mogelpackung

Die 2,1 Hektar große, für den Mäusebussard konzipierte „Fläche A“ südlich des Reckumer Baches („Die Rohrweihe wird darauf ebenfalls völlig abfahren“) sei ein biodiverser Lebensraum, der auch für wirbellose Tiere einen Eigenwert habe, spielte der Biologe auf das Vegetationsspektrum aus Hochstaudenfluren, Doldenblütlern und Gräsern an. Ohne ein mit dem Landkreis abgestimmtes Mahd-Management gehe es aber nicht: „Der Bussard fängt Mäuse nicht in sehr hohem Gras. Da findet er nichts. Er braucht auch was Kurzrasiges.“ Geschaffene Lebensräume für die Feldlerche untermauerte Volker Moritz ebenfalls exemplarisch mit Bildmaterial.

Der Gesamteindruck: Das Kaleidoskop aus Kompensationsmaßnahmen mutet keineswegs wie eine Mogelpackung an, ganz im Gegenteil. Damit die Natur und der Artenschutz dauerhaft zu ihrem Recht kommen, müssen Monitoring und Flächenmanagement allerdings konsequent fortgeführt werden.

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