Zugang für die Öffentlichkeit bleibt gewahrt / Flecken könnte selbst ein Gebot abgeben

Windmühle soll zwangsversteigert werden

Ein erster Zwangsversteigerungstermin für die Harpstedter Windmühle einschließlich der dazugehörigen Gebäude ist bereits festgesetzt. Foto: Bohlken

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Vor fünf Jahren hatte Müller Helmut Nienaber als Reaktion auf ein am 10. Juni 2014 eröffnetes vorläufiges Insolvenzverfahren eine Zwangsversteigerung der Harpstedter Windmühle als abwegig abgetan – seinerzeit voller Zuversicht, seine Liquiditätsprobleme in den Griff zu bekommen. Gelungen ist das offenkundig nicht, wie sich jetzt zeigt.

Die Axel Mohr Argetra GmbH, die mit dem Attribut „Marktführer Zwangsversteigerung“ für sich wirbt, preist die Immobilie samt „Haus, Wohn-/Wirtschaftsgebäude mit Mühlengebäude und weiteren Nebengebäuden“ auf ihrem Onlineportal als Zwangsversteigerungsobjekt an – in Kombination mit einem Musterfoto, das allerdings alles andere als die Realität abbildet. Von einem Verkehrswert von 220 000 Euro ist in dem Inserat die Rede.

Ob ein Gläubiger diese Online-Annonce veranlasst hat, weiß das Amtsgericht Wildeshausen nicht. Richtig sei aber, so heißt es von dort, dass für die Mühle und das komplette Anwesen ein Zwangsversteigerungsverfahren laufe. Als erster Versteigerungstermin sei der 28. Januar 2020 festgesetzt.

Der Verkehrswert hat laut Amtsgericht nur durch eine äußerliche Begutachtung der Immobilie grob ermittelt werden können, weil der Eigentümer den Zutritt versagt habe. Der Erhaltungszustand sei als „unterdurchschnittlich“ eingestuft worden.

Die drohende Zwangsversteigerung wirft viele Fragen auf. Was wird aus dem „Grüne Warenhaus“? Wie geht es für Betreiber Helmut Nienaber weiter, der die Grundlage seiner Existenz vehement zu verteidigen sucht und seit Jahren einen höchst bescheidenen Lebensstil pflegt?

Last but not least: Was passiert mit dem ortsbildprägenden Wahrzeichen – der Windmühle? Mehr als 600 000 Euro hatten der Flecken Harpstedt und die Europäische Union allein in den Jahren von 2009 bis 2011 in eine Grundrenovierung des Galerie-Holländers gesteckt (nachdem in den Jahrzehnten zuvor bereits öffentliche Gelder für den Erhalt des Baudenkmals geflossen waren). Als Gegenleistung für ihr finanzielles Engagement konnte sich die Kommune zwar keinerlei Eigentumsrechte sichern; immerhin aber rang sie Nienaber das vertraglich festgezurrte Zugeständnis ab, die Mühle der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich zu machen – etwa für Führungen. Vor diesem Hintergrund ist auch die im Herbst 2011 vollzogene Gründung des „Harpstedter Mühlenvereins“ zu sehen.

Schon einmal hat sich der Flecken Harpstedt selbst als Bieter an einer Zwangsversteigerung beteiligt – sogar mit Erfolg: 2014 bekam die Gemeinde den Zuschlag für die frühere Disco „Zum Sonnenstein“ (streng genommen für das Erbbaurecht). Ihr Gebot, 22 500 Euro, entsprach der Hälfte des Verkehrswertes und zugleich der Höhe des Mindestgebots. Das Grundstück an der Wildeshauser Straße, auf dem der inzwischen ins Museumsdorf Cloppenburg umgesetzte „Stein“ stand, gehörte dem Flecken schon vorher. Aus diesem Grund stand von vornherein kein großes Interesse an der Disco zu erwarten. Die Gemeinde blieb die einzige Bieterin.

Vor diesem Hintergrund wäre es durchaus vorstellbar, dass der Flecken auch für die Windmühle ein Gebot abgibt. Die Zahl der Bieter dürfte dadurch geschmälert werden, dass die Mühle unter Denkmal- und das ganze Anwesen unter Ensembleschutz steht. Damit sind baugestalterischen Freiheiten enge Grenzen gesetzt. Nienaber selbst hatte zudem in der Vergangenheit immer wieder die stark eingeschränkte Betriebsfähigkeit des Galerie-Holländers sowie angebliche Mängel bei der Ausführung der Renovierung beanstandet. Gut möglich, dass auch das potenzielle Interessenten abschreckt.

Ob der Flecken Harpstedt tatsächlich versuchen wird, die Immobilie zu ersteigern, ließ der stellvertretende Gemeindedirektor Jens Hüfner am Dienstag auf Nachfrage unserer Zeitung offen – mit Hinweis auf eine zurückliegende Beratung des Themas in nichtöffentlicher Sitzung, aus der er nichts preisgeben dürfe. Entscheidend sei: Die öffentliche Zugänglichkeit der Windmühle stehe im Grundbuch und bleibe somit auf jeden Fall gewahrt – selbst im Falle eines Eigentümerwechsels.

Bei Zwangsversteigerungen sei der Gläubiger der Herr des Verfahrens, erläuterte indes das Amtsgericht Wildeshausen. Er könne beim ersten Termin für ein Höchstgebot, das sich unter 70 Prozent des Verkehrswertes bewege, die Versagung des Zuschlags erwirken; dann werde von Amts wegen ein neuer Termin festgesetzt. Eine andere Folge von Geboten, die für den oder auch die Gläubiger nicht akzeptabel seien, könne die einstweilige Verfahrenseinstellung sein.

Müller Helmut Nienaber wollte sich auf Anfrage nicht zum Zwangsversteigerungsverfahren und den Ursachen äußern. Viele Harpstedter lässt seine wirtschaftlich schwierige Lage keineswegs kalt. Aussagen wie „Man müsste ihm helfen, wenn er Hilfe annähme“ sind in der Einwohnerschaft immer wieder zu vernehmen.

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