„Wiedersehen grenzte an ein Wunder“

Breslau/Colnrade – Was wird aus dem zum Volkssturm eingezogenen Bruder Arnim? Und was aus dem in Kriegsgefangenschaft geratenen Vater? Ruth Heinrich (sie nimmt nach der Heirat eines britischen Besatzungssoldaten 1947 dessen Nachnamen Brown an) ahnt nicht, dass sie beide wiedersehen soll, als sie im Alter von 19 Jahren im Januar 1945 bei eisiger Kälte mit ihrer Mutter sowie ihren Schwestern Inge (20), Jutta (12) und Hildegard (fast 7) aus Breslau flieht. Nur mit ein paar Habseligkeiten versucht die Familie der ihr im Nacken sitzenden Roten Armee zu entkommen.

„Wir waren die zweite ,Welle' von Flüchtlingen, die den Oderfluss überqueren sollte“, erinnert sich Ruth Brown (heute 93) Jahrzehnte später. Und weiter: „Wir marschierten, gingen, stolperten am Straßenrand entlang – Stunde um Stunde. Wir nahmen uns nur Zeit für kurze Pausen, gerade einmal ausreichend, um hinter gefrorenen Büschen zu verschwinden und unserer Notdurft nachzukommen. (...) Toilettenpapier mitzunehmen wäre das Letzte gewesen, woran wir gedacht hätten. Schnee war besser als nichts, aber die Konsequenzen mussten wir tragen: Frostbeulen – nicht nur an Händen, Füßen, Ohren und Nasen.“

Gleich zu Beginn der Flucht werden Ruth und Inge von den anderen beiden Schwestern und der Mutter getrennt. In dem Dorf Bunzlau, wo das Rote Kreuz Flüchtende mit Suppe versorgt, finden sie sich wieder. „Das grenzte wirklich an ein Wunder. Wenn Familien auseinandergerissen wurden, standen die Chancen auf ein Wiedersehen bei eins zu einer Million“, geht aus einem Manuskript von Ruth Brown hervor, das auf 69 Seiten ihre Fluchterlebnisse schildert.

Die Gedanken der Familie kreisen zunächst ausschließlich ums nackte Überleben: „Essen war knapp, manchmal weniger als das. Manchmal klauten wir gefrorene Steckrüben direkt vom Feld, was unserem Verdauungssystem überhaupt nicht guttat.“

Die Suppe, mit der das Rote Kreuz die Flüchtenden anfangs noch versorgt, wird immer dünner – wegen der schnell zur Neige gehenden Lebensmittelvorräte. In verlassenen Armeebaracken können Ruth und ihre Angehörigen erstmals duschen – „ein bereits vergessener Luxus“. Dass sie nicht Opfer der Bombardierung Dresdens werden, gehört zu den vielen glücklichen Fügungen ihrer Fluchtgeschichte.

Davon mehr im dritten Teil unserer Serie.  boh

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