Fünf Jahre nach der Leukämie-Diagnose: Marius Kossmann wirbt für DKMS-Registrierung

„Werd’ auch du zum Lebensretter!“

Wahre „Blutsbrüder“: Marius Kossmann und Pierre Tollet. Screenshot: boh

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Zum fünften Mal jährt sich an Pfingsten der Tag der Leukämie-Diagnose für Marius Kossmann aus Harpstedt. Die Hiobsbotschaft löste eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft aus. In Lübeck, wo der Harpstedter damals seine Ausbildung absolvierte, und in seinem Heimatort nahmen insgesamt rund 2 000 Menschen bei großen Registrierungsaktionen unter dem Motto „Marius will leben“ die Gelegenheit wahr, sich als potenzielle Stammzellenspender registrieren zu lassen. 959 waren es am 8. August 2015 allein in Harpstedt.

Was seinerzeit nicht publik wurde: Tatsächlich war schon wenige Tage vor dem Termin in der Delmeschule ein passender Spender für Marius Kossmann gefunden worden. Das blieb ein gut gehütetes Geheimnis, um den Erfolg der mit großem ehrenamtlichen Aufwand ermöglichten Aktionen nicht zu gefährden. Diese taktische Entscheidung erweist sich rückblickend als absolut richtig und nachvollziehbar. Wäre die zurückgehaltene Information durchgedrungen, hätten sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr viel weniger Leute registrieren lassen. Und damit hätte es deutlich weniger potenzielle Lebensretter gegeben.

Tatsächlich haben 15 der damals in Harpstedt und Lübeck Registrierten, davon allein elf, die in die Delmeschule gekommen waren, bis heute tatsächlich Stammzellen gespendet und so die Chance auf Leben für 15 Blutkrebspatienten weltweit bewahrt. Ein grandioser Erfolg.

Und für Marius Kossmann heute, fünf Jahre später, Grund genug, auch diejenigen zum Handeln zu ermuntern, die noch nicht in die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) aufgenommen worden sind. Das Registrieren bereitet nahezu null Aufwand: Einfach online das dafür benötigte Set der DKMS bestellen, Einverständniserklärung unterschreiben, mit den drei beigelegten Wattestäbchen Wangenschleimhautabstriche nehmen, das Ganze per Brief ans Labor in Dresden schicken – fertig! Im DKMS Life Science Lab werden sodann die individuellen „HLA-Merkmale“ des Spenders analysiert, die eine Registrierung in der DKMS sowie eine Aufnahme in internationale Suchregister möglich machen.

Prozedere ähnelt der Dialyse

Jede Registrierung kann Leben retten. Allerdings gibt es eine Gruppe von Menschen, die Marius Kossmann sowie sein Lebensretter ganz besonders im Visier haben und zum Mitmachen bewegen wollen. Gemeint sind diejenigen, die vor fünf Jahren noch zu jung waren, um Stammzellenspender werden zu können, inzwischen aber das – auf 17 Jahre abgesenkte – Mindestalter erreicht haben.

Was, wenn ein Registrierter als Spender infrage kommt? Angst vor dem Entnahmeprozedere müsse niemand haben, sagt Marius Kossmann. Früher seien Stammzellen dem Knochenmark entnommen worden. Inzwischen sei es oft möglich, sie direkt aus dem Blut herauszufiltern. Dieses Verfahren ähnele der Dialyse.

Demnächst gilt Marius Kossmann offiziell als geheilt. 2019 musste er allerdings noch einmal um sein Leben bangen: Er erlitt eine Hirnhautentzündung, die sich aber mit Antibiotika wirksam behandeln ließ. Für 14 Tage musste er nach Oldenburg ins Krankenhaus. Die erste Diagnose fiel schockierend aus: Wieder Krebs – Rückfall! Dass die Ärzte Alarm schlugen und das Eindringen bösartiger Zellen in die Hirnhaut vermuteten, kam nicht von ungefähr, sondern erklärte sich aus der Anamnese: Nach der Leukämiediagnose, als das Immunsystem für die Stammzellentransplantation heruntergefahren wurde, hätte Marius Kossmann eigentlich auch drei Chemos direkt ins Rückenmark bekommen sollen, um dessen Durchdringen mit Krebszellen vorbeugend zu verhindern. Diese Behandlung unterblieb aber aufgrund von Komplikationen: Der Körper spielte seinerzeit nicht mit. Die Rückfallvermutung lag also nahe, als der Harpstedter 2019 rasende Kopfschmerzen und Fieber bekam; sie bestätigte sich aber zu seiner großen Erleichterung dann doch nicht.

Lebensretter wohnt im Düsseldorfer Umland

Dass der Harpstedter, wenngleich weiterhin auf Medikamente angewiesen, ein normales Leben führen kann, verdankt er Pierre Tollet, „seinem“ Stammzellenspender aus dem Düsseldorfer Umland. „Schon Anfang 2016 schrieb ich ihm anonym, ohne seine Identität zu kennen. Er hat darauf reagiert. Ebenfalls anonym. Die Briefe gingen jeweils an die DKMS, die sie weiterleitete. Wir redeten uns gegenseitig mit ,Blutsbruder’ an. Zwei Jahre nach der Transplantation, am 3. November 2017, wurden dann sozusagen die Akten geöffnet. Nun durfte ich den Stammzellenspender mit seiner Einwilligung direkt anschreiben und bekam Pierres E-Mail-Adresse“, erinnert sich Marius Kossmann.

Beide „Blutsbrüder“ sind Fußballfans; der eine schwärmt für Werder Bremen, der andere für Fortuna Düsseldorf. 2019, in der Bundesliga-Rückrunde, besuchten sie gemeinsam mitsamt Angehörigen eine direkte Begegnung „ihrer“ Mannschaften im Stadion in Düsseldorf. An diese Begegnung denkt der Harpstedter gern zurück, an die erlittene Klatsche aus Bremer Sicht sehr ungern. Anlässlich von Marius' Geburtstag am 22. September 2019 kam der „Blutsbruder“ zu einem Gegenbesuch. Vergangene Woche, kurz vor Himmelfahrt, weilte er abermals in Harpstedt. Dabei entstand ein Clip, in dem Stammzellenspender und -empfänger gemeinsam für die DKMS-Registrierung werben. Und zwar mit den Worten: „Werd’ auch du zum Lebensretter!“ Das Teilen des Weblinks zum Video (www.dkms.de/marius) in den sozialen Netzwerken ist ausdrücklich erwünscht.

Heute studiert Marius Kossmann und engagiert sich zudem als C-Jugend-Fußballtrainer in der Spielgemeinschaft Dünsen-Harpstedt-Ippener. Die Dankbarkeit für die große Hilfsbereitschaft in Lübeck und Harpstedt ist geblieben. „Damals hat die Region einen unheimlichen Zusammenhalt bewiesen. Vor allem der Harpstedter Turnerbund setzte alle Hebel in Bewegung, damit das Thema Blutkrebs auf die Agenda kommt. Ich weiß, dass wir auch jetzt, fünf Jahre danach, mit demselben Zusammenhalt noch einiges bewirken können und werden“, zeigt sich der Politikwissenschaft-Student überzeugt. Mit seinem Aufruf an alle, sich registrieren zu lassen, die das noch nicht getan haben, wolle er „etwas zurückgeben“ – als Gegenleistung zur selbst erfahrenen Solidarität.

Auch in der Corona-Krise erkranke alle 35 Sekunden weltweit ein Mensch an Blutkrebs, doch leider brächen die Registrierungen derzeit pandemiebedingt stark ein, gibt der Harpstedter zu bedenken. Jeden Monat fielen Tausende potenzielle Spender aus der Datei heraus. Registrierungsaktionen fänden aktuell wegen Corona nicht statt. Die DKMS müsse die Versorgung der Patienten mit lebensrettenden Stammzellen aber aufrechterhalten. Marius Kossmann: „Daher haben Pierre und ich die Online-Aktion ins Leben gerufen: Wir bitten unsere Netzwerke in Harpstedt, Bremen und in Pierres Heimat, noch einmal zu zeigen, was Solidarität in der jetzigen Zeit bedeutet.“

Weitere Infos online:

mediacenter.dkms.de/news/von-zu-hause-aus

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