Heinfried Sander erzählt über seine Erlebnisse und Erfahrungen als einer von aktuell sechs Gästeführern der Samtgemeinde

Wenn der Kirchturm zum „Kurzzeitknast“ wird

Der Harpstedter Amtshof zählt zu den Sehenswürdigkeiten, die Heinfried Sander vielen Gruppen erläutert. Er ist zugleich der Ausgangspunkt der meisten Gästeführungen. - Foto: Bohlken

Köhren/Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Den 4. Juli 2015 vergisst Heinfried Sander so schnell nicht. Damals wollte eine Gruppe, die er als Gästeführer begleitete, hoch hinaus, um Harpstedt von oben zu sehen. Sie bestieg die Galerie der Windmühle. Und auch den Turm der Christuskirche. Dort saßen die Besucher dann allerdings minutenlang bei Bullenhitze von um die 40 Grad Celsius und einer geradezu ohrenbetäubenden Geräuschkulisse fest.

„Ich hatte das 18-Uhr-Wochenendläuten nicht bedacht“, erzählt Sander schmunzelnd. „Runter konnten wir erst, als die Glocken wieder still standen. Eine von ihnen schwingt nämlich direkt an der Leiter vorbei.“ Die Gäste, die der Köhrener damals führte, hätten die Turmführung gleichwohl als „richtiges Erlebnis“ in Erinnerung behalten.

Kurz vor dem Eintritt in den Ruhestand hatte Heinfried Sander der Zeitung entnommen, dass die Samtgemeinde Interessierte für eine Gästeführer-Ausbildung suchte. Das passte dem heute 70-Jährigen seinerzeit gut in den Kram. Er nahm an dem Kurs teil und schloss ihn 2008 ab. Bis zum heutigen Tage hat er selbst schon 190 Führungen mit insgesamt 3 951 Teilnehmern absolviert. 2018/19 will Sander aber deutlich kürzertreten: „Dann habe ich zehn Jahre als Gästeführer voll“, sagt er.

Die Buchungen gehen häufig, wie es eigentlich sein sollte, bei der Samtgemeinde oder der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde ein. Oft genug wenden sich Interessierte aber auch direkt an Gästeführer wie Heinfried Sander – vor allem „Wiederholungstäter“, die den kurzen persönlichen Draht suchen. Der Köhrener bekommt es mit ganz unterschiedlichen „Kunden“ zu tun. Das Spektrum reicht von Senioren- und kirchlich orientierten Gruppen über Imker und Landfrauen, Nachbarschaften, Kartenclubs, Heimatvereine und Naturfreunde bis hin zu Grundschulklassen oder ehemaligen Pennälern, die sich anlässlich von Klassentreffen wiedersehen.

Politiker zählen eher zu den Ausnahmen. Sander entsinnt sich an Grüne aus dem Kreisverband oder ehemalige Bürgermeister, die seine Gästeführer-Dienste schon mal in Anspruch nahmen. Mitunter hätten die Besucher, darunter sogar eine Hochzeitsgesellschaft, weitere Anreisen hinter sich. Eine Gruppe habe sogar mal zur Hälfte aus Engländern bestanden.

Es muss nicht immer Hochdeutsch sein

Oft benennen die Auftraggeber selbst konkrete Ziele, die sie in Augenschein nehmen möchten. 2012 und 2013 stand vor allem der 2010 eingeweihte Christusgarten sehr hoch im Kurs. Das Interesse daran sei inzwischen doch schon spürbar abgeebbt, weiß Sander. Mittlerweile gebe es vielerorts Bibelgärten, die neuer seien und deshalb naturgemäß mehr Aufmerksamkeit fänden.

Für Fahrradgruppen sei eine Stärke von zehn bis 15 Radlern ideal, für Fußgruppen eine Größe von 15 bis 20 Personen. Heinfried Sander hat aber nach eigenem Bekunden auch sehr gute Erfahrungen mit ganz kleinen, fast schon familiär anmutenden Teilnehmerkreisen gemacht. Sich auf seine Klientel einzustellen, empfindet er als Muss. „Feuerwehrsenioren möchten beispielsweise gern wissen, wo es mal gebrannt hat. Die eine oder andere Anekdote einfließen zu lassen, kommt hingegen generell gut an“, spricht Sander aus Erfahrung. Aktuell seien sechs Gästeführer für die Samtgemeinde Harpstedt im Einsatz. Sander zählt zu denen, die auch plattdeutsche Führungen anbieten. „Die Leute zahlen etwas und haben ein Recht, etwas dafür zu bekommen“, lautet sein Standpunkt. Werde eine Führung „op Platt“ gewünscht, dann müssten aber auch alle aus der Gruppe die plattdeutsche Sprache verstehen können. Andernfalls greift der Köhrener lieber aufs Hochdeutsche zurück. Allerdings erklärt er nicht alles selbst. Führt er etwa Besucher ins Harpstedter Wasserwerk, so übernimmt diesen Part der Werkleiter; zeigt er einer Gruppe das Waldklassenzimmer der Grundschule Harpstedt, so steht ihm eine Lehrkraft für Erläuterungen zur Seite.

Für Führungen durch die ehemalige Muna bedarf es hingegen keinerlei Unterstützung. „Die mache ich komplett selbst“, sagt Sander, der sich ausgiebig in die Historie der früheren Luftmunitionsanstalt eingelesen hat. Die in Harpstedt und Umgebung geläufigen heimatgeschichtlichen Quellen stehen allesamt bei ihm zu Hause – von Dirk Heiles „Chronik der Samtgemeinde Harpstedt“ in zwei Bänden über die Veröffentlichungen von Dr. Jürgen Ellwanger bis hin zu den Dorfchroniken, die anlässlich von Dorfjubiläen erstellt worden waren.

Die „Standardwerke“ hat er allesamt

Obendrein sammelt Heinfried Sander Zeitungsberichte, aus denen er bei Bedarf Honig saugen kann, zumal manche Ereignisse von heute erfahrungsgemäß Jahre später aufs Neue Interesse wecken können. Aktuell fasziniert ihn das „Syker Heimatbuch für Schule und Haus“ aus der Feder von Albert Paul, das schon 1929 erschien. „Der Autor geht auf den Krieg von 1870/71 und den Ersten Weltkrieg ein. In dem Buch steht sehr viel aus der Umgebung von Harpstedt – aus dem einstigen Kreis Syke. Es ist allerdings schon ein bisschen schwierig, die Sütterlinschrift zu entziffern“, gesteht Heinfried Sander, der den „Schmöker“ leihweise überlassen bekommen hat.

Mit dem Wetter hat er überwiegend Glück, wenn er Besuchern Sehenswürdigkeiten zeigt. Eine Gästeführung, die einen ganz anderen Verlauf als geplant nahm, weil es schüttete, fällt ihm aber spontan ein. Die Gruppe rekrutierte sich aus den Reihen des Harpstedter Turnerbundes. Sie landete wegen des miesen Wetters unvermittelt bei Friedel Horstmann und bewunderte dort die kunstvollen Holzarbeiten des Harpstedters in Form von mit Liebe zum Detail nachempfundenen Traktoren. „Als wir bei ihm waren, hatte er zudem gerade das Gastgeschenk für die Louéser Feuerwehr fertiggestellt – ein Modell eines vor langer Zeit außer Dienst gestellten Feuerwehrautos“, entsinnt sich Sander.

Alles in allem, so sagt er, bereite es ihm immer noch Spaß, sein Wissen an Besucher weiterzugeben. Aber auch die „In Nachbars Garten“-Radtouren mit Beteiligung seiner Gästeführer-Kollegen und -Kolleginnen aus der Samtgemeinde hat der Klein Köhrener in guter Erinnerung behalten.

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