Anrührende Erinnerungen

Brief von 1880: Weihnachten in der Fremde weckt Wehmut

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Jutta Hillmann aus Harpstedt hält hier ein Foto ihres Großvaters Oscar Wattenberg in den Händen – und dessen langen Brief vom 18. Dezember 1880.

Harpstedt/Rotenburg - Von Jürgen Bohlken. „Endlich rückt das Weihnachtsfest heran. Das Fest, wonach wir Kinder und Ihr mit uns sich immer so sehr sehnten. Wo wir alle von fern und nah an unsere heimatliche Feuerstelle eilten und so recht vergnügt und munter diese Tage miteinander verlebten.“ So beginnt ein Brief von Oscar Wattenberg vom 18. Dezember 1880, den dessen Enkelin Jutta Hillmann aus Harpstedt der Kreiszeitung zur Verfügung gestellt hat.

Den 1940 verstorbenen Großvater konnte die erst 1950 geborene Enkelin nicht mehr kennenlernen. „Er hätte ja mein Uropa sein können. Dass dem nicht so ist, liegt daran, dass mein Vater als Nachzügler spät zur Welt kam“, weiß Jutta Hillmann.

Ihr Opa, 1857 in Rotenburg geboren, schrieb den Weihnachtsbrief als 23-Jähriger in Königsberg. Dort war er nach seiner beim königlichen (Wein-)Hoflieferanten Emil Spiegel (Harburg) durchlaufenen Lehre tätig gewesen, ehe es den Weinhändler zunächst nach Bernkastel-Kues, dann nach Bordeaux und schließlich zurück in seine Geburtsstadt zog. 

Rotweingetränkte Zeilen

„Später brachte er es sogar bis zum Senator in Berlin“, weiß Enkelin Jutta Hillmann. „Mit 23 hat mein Opa zum ersten Mal allein und fernab der Heimat Weihnachten gefeiert. Da kam die Sehnsucht nach den früheren – wunderschönen – Weihnachtsfesten durch, als die Familie beisammen war. Man merkt beim Lesen der Zeilen, dass mein Großvater beim Schreiben ordentlich Rotwein getrunken hat“, sagt die Harpstedterin schmunzelnd. 

Der lange Brief richtet sich an Oscar Wattenbergs Eltern, den Apotheker Ferdinand Wattenberg und dessen Frau Mathilde. Der Senior betrieb neben der „Alten Apotheke“ in Rotenburg einen Weinhandel, den Oscar, der Junior, später ausbaute. „Eine so zusammenhaltende (...) Familie wie die unserige wird wohl selten gefunden werden, und es war stets unsere größte Freude, alle froh und heiter vereint zu sein“, heißt es in dem Brief vom 18. Dezember 1880. 

Wehmut auf Weihnachtsfeste im Kreise der Lieben

Aus den Zeilen spricht Wehmut im Rückblick auf Weihnachtsfeste, die Oscar Wattenberg im Kreise seiner Lieben erleben durfte: „Unser lieber Papa schaffte es immer meisterhaft, alles recht rauszuputzen und immer etwas Neues zu machen. Den Weihnachtsbaum mit der Engelskrone sehe ich noch wie gestern.“ Letztere habe allerdings „mutwilligerweise an den folgenden Tagen als Zielscheibe unserer Armbrust“ gedient.

Auch viele erhaltene Geschenke blieben im Gedächtnis, etwa die „ersten Hosen“. Oder „das Post- und Reisespiel, was am selbigen Abend gespielt wurde und wo ich mich gleich tot spielte, darüber sehr erbost wurde und lieber nach meinem Steckenpferd in der Ecke wanderte.“

Körbe mit Geschenken für die Armen

Aus dem kleinen Jungen wurde mit den Jahren ein großer, aber die Vorfreude auf Weihnachten blieb: „Papa klebte oft schon Wochen vorher und stellte Festungswerke her; die selige Stöbensand (Anmerkung der Redaktion: vermutlich eine Haushaltshilfe) hatte viel zu tun und zu arbeiten. Sie schob immer eine alte Handarbeit über die neuen Kleider, wenn wir in die Stube kamen“, entsinnt sich Oscar Wattenberg.

Die wohlhabende Rotenburger Familie dachte an den Feiertagen nicht nur an sich, sondern auch an andere; sie brachte den Armen am Morgen vor der Bescherung Körbe mit Geschenken. „Der Strolch Hannes“, so schreibt Jutta Hillmanns Opa, „bekam für gewöhnlich einen langen Ehlermannschen Schal.“

Ungeduld mit Pfennigmagazinen bekämpft

Mit seinem Vater zog Wattenberg junior auch zu einem Mann namens Intzelmann, der „wie ein rechter zünftiger Schneider mit untergeschlagenen Beinen auf dem Tische saß und emsig an einer Weihnachtshose nähte und bei jedem Stiche mit dem Kopf wackelte“. Der habe sich besonders über den Besuch gefreut und zu sagen gepflegt: „Dat Se noch immer an mi denken doht, dat möge Ihnen de lebe Herrgott vergelten!“ 

Wieder zu Hause angekommen, ging’s „in Großmamas Zimmer“. Das Schmökern in Pfennigmagazinen überspielte die Ungeduld bis zur Bescherung. „Das Stubentürfenster war durch das eckige Pappschild, welches Großpapa mit Bildern von Vögeln verziert hatte, verhängt. 

Genuss mit Austern und Gänsebrüsten

Endlich erscholl die altbekannte Glocke, und man stürzte in den von Lichtern hell erleuchteten Saal“, erinnert sich Oscar Wattenberg. Behaglich habe die Weihnachtsstube nach frischen Tannenzweigen geduftet. Im Kachelofen habe ein „munteres Feuer“ gebrannt; da der Ofen wegen seines Alters schwer zu erwärmen gewesen sei, „wurde er immer mit neuen Klötzen gefüttert“.

In kulinarischer Hinsicht ließ es sich die Familie gut gehen – mit teils extravaganten Gaumenfreuden: „Die Austernabende sind (...) nicht zu vergessen, wo wir mit gerötetem Gesichte und vorgesteckter Serviette saßen und aßen. Wo hunderte Austern im Nu verschwanden. Und ebenso rasch die kalten Gänsebrüste“, schreibt Oscar.

Austern bis zum Abwinken

Hunderte Austern? Enkelin Jutta Hillmann kann sich das kaum vorstellen. Weiter heißt es im Brief ihres Opas: „Bruder Hermanns Bauch schwoll klapperschlangenähnlich an, sodass bald die Weste sich von der Hose trennte“. Letzteres habe auch am Verzicht auf Hosenträger gelegen. 

Dass die Familie Unmengen futterte, führt Oscar Wattenberg nicht zuletzt auf seine Mutter zurück. Die habe „uns von jeher zu kräftigen jungen Burschen machen wollen“ und „uns noch stets einige Löffel Suppe“ über den Appetit „reingenudelt“. „Bald wurden aus guten Essern – ich mag es kaum sagen – Fresser.“ Mit dem vollem Festtagsmagen kam die Müdigkeit: „Nach dem Essen wurde oft ein kleines Nickerchen gemacht.“

Nur die Geliebte hat einen längeren Brief bekommen

Im Brief bringt Oscar Wattenberg seine Freude darüber zum Ausdruck, im darauffolgenden Jahr wieder mit der Familie in Rotenburg feiern zu können. Obendrein beschreibt er seine Zukunftspläne im Weinhandel und gibt einen Eindruck vom Leben in Königsberg.

Der damals junge Mann „plaudert“ sich alles Erdenkliche von der Seele, ehe er zum Schluss kommt: „Doch nun ade. Möget Ihr nicht zu früh ermüden bei diesem bandwurmähnlichen Brief. Er ist wohl der längste, den ich je schrieb – ausgenommen einen, den ich meiner einstigen Geliebten sandte, welcher noch einige Seiten länger war.“

Mit den Worten „Es küsst Euch alle Euer treuer Sohn Oscar“ endet das Schreiben.

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