Berliner Ensemble Radiks konfrontiert Oberschüler mit den Folgen von Cyber-Mobbing

Wer wegschaut, macht sich mitschuldig

Die Neunt- und Zehntklässler der Oberschule Harpstedt kamen zuerst in den Genuss des Theaterstückes „Fake oder War doch nur Spaß“. Foto: Bohlken

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Am Anfang steht eine Lüge aus purem Neid – und am Ende die 17-jährige suizidgefährdete Schülerin Lea, sich in Therapie begeben muss: Wie sich Mobbing im echten und virtuellen Leben immer mehr hochschaukelt, wie ein vermeintlicher „Joke“ auf Kosten anderer katastrophal eskaliert, haben die professionellen Schauspieler Romana Schneider und Philipp Bodner vom Berliner Ensemble Radiks den siebten, achten, neunten und zehnten Klassen der Oberschule Harpstedt am Dienstag hautnah vor Augen geführt.

„Fake oder War doch nur Spaß“ hieß das Stück mit darstellenden und erzählenden Passagen aus der Feder von Regisseur und Theaterleiter Karl Koch, das die Jugendlichen sehr nachdenklich zurückließ. Die beiden Akteure schlüpften dabei jeweils in mehrere Rollen.

Zwei von Schulsozialarbeiterin Lena Fösten-Kramer organisierte und vom Samtgemeinde-Präventionsrat sowie dem Schulförderverein finanziell unterstützte Aufführungen für jeweils zwei Jahrgänge skizzierten die typischen Mobbing-Mechanismen mitsamt den Folgen für Opfer und Täter. Das Stück streifte obendrein die Gefahren des Missbrauchs unüberlegt online gestellter Fotos und Inhalte. Es animierte zu einem reflektierten Umgang mit den sozialen Netzwerken – und mahnte, die eigenen Daten auf dem PC hinreichend zu schützen.

Sogar die Risiken sexueller Ausbeutung, begünstigt durch jugendliche Naivität, spielten eine Rolle, und zwar gleich zu Beginn der Handlung: Lea (17), die Hauptprotagonistin, geht einer halbseidenen Castingagentur auf den Leim. Sie macht sich große Hoffnungen, auf Bühnen singen und – wie ihre verstorbene Mutter – schauspielern zu können, als der schmierige „Caster“ ihr verheißungsvoll zu verstehen gibt: „Du bist jetzt sozusagen im Recall.“

Ihre vermeintlich beste Freundin Nadine vereinbart mit der Agentur einen eigenen Casting-Termin. Das lässt bereits erahnen, welch intrigantes Biest in ihr schlummert, zumal sie Lea vorher zugesagt hatte, mit ihr gemeinsam zum Vorsprechen zu gehen. Neid gesellt sich hinzu: Nadine verbreitet die Lüge, Lea fühle sich nun wohl zu Höherem berufen und wolle als Sängerin aus der Schulband aussteigen: „Die hebt total ab, die dumme Kuh!“

Die Schikane beginnen damit, dass Lea bei einem wichtigen Band-Termin ausgebootet wird. Ihre Versuche, Nadines Lüge zu entlarven und sich zu wehren, gehen ins Leere. Im Internet taucht alsbald eine Fotomontage auf. Sie zeigt Lea nackt mit einem Fisch in den Händen. Kurz darauf kursiert das Mädchen unter ihren Mitschülern nur noch unter dem gehässigen Spitznamen „Stinkfisch“. Immer hässlichere Formen nehmen Online-Kommentare an. Drohanrufe und Kurznachrichten von Jugendlichen, die ihre Rufnummern unterdrücken, gesellen sich hinzu. Die Mobber füllen Lea mit Alkohol ab. Ein Clip, der sie volltrunken in der Toilette zeigt, findet sich im Internet wieder und geht viral. Die Verzweiflung der Gemobbten wächst: „Ich habe das Video gemeldet, aber es ist immer wieder im Netz. Jeder kann sehen, wie ich in der eigenen Kotze krieche.“

Lea hofft schon länger, bei Mädchenschwarm Andi landen zu können, aber der macht selbst munter mit beim Schikanieren und spielt dies als harmlose „Verarsche“ herunter. Er manipuliert zudem. Er ermuntert Lea, den väterlichen PC zu knacken, um mal zu schauen, auf welchen Seiten Daddy unterwegs ist. Dafür missbraucht die Schülerin das Computer-Know-how von Jo. Dieser seit einem schweren Schicksal stotternde Junge ist der einzige Jugendliche, der es wirklich gut mir ihr meint. Er wäre gern mehr als nur ihr „bester Freund“.

Nach einer wahren Begebenheit

Leas Vater ertappt seine Tochter auf frischer Tat beim Knacken seines PC-Passwortes. Er stellt sie zur Rede. Und das in einer Phase, in der sich das Vater-Tochter-Verhältnis massiv verschlechtert hat, weil das Mädchen fast nur noch „virtuell lebt“ und sich gegen Papas Willen hat casten lassen.

Nicht nur der Vater, sondern auch Lehrer bekommen Wind von den Online-Verunglimpfungen. Die Täter werden zur Rede gestellt und angezeigt. Die juristischen Folgen wiegen schwer: Jugendarrest und Sozialstunden. Ob Lea wirklich versucht hat, sich umzubringen, lässt sich nur erahnen. „Das Ende ist bewusst ein wenig offen gehalten, um zum Nachdenken anzuregen“, weiß Romana Schneider.

In einem Nachgespräch über das zwar schon acht Jahre alte, aber gleichwohl brandaktuelle Stück bekamen die Schüler Gelegenheit, von schikanösen Erlebnissen zu erzählen, die Konsequenzen von Mobbing oder auch widerrechtlich online gestellten Fotos und Videos zu hinterfragen und die beiden Darsteller zu ihrer Arbeit zu „löchern“.

„Viele Opfer, die fortwährendem Mobbing ausgesetzt sind, wehren sich nicht, weil sie irgendwann keinen Mut mehr haben. Daher ist es wichtig, dass diejenigen, die davon erfahren, schon in den Anfängen gegensteuern“, riet Philipp Bodner. Das Stück lehne sich an eine wahre Begebenheit an, betonte seine Kollegin. Selbst Jo, der Stotterer, und sein Schicksal seien keineswegs frei erfunden: „Ein guter Freund unseres Regisseurs ist wegen eines Wohnungsbrandes wirklich aus dem Fenster gesprungen, und weil der Schock so tief saß, stottert er seither.“

Überall, wo das Stück aufgeführt werde, gebe es tatsächlich Mobbing und Cyber-Mobbing, sagte Schneider. „Und leider nehmen sich viel zu viele junge Menschen in eurem Alter deswegen das Leben.“ Die Schauspielerin erzählte von einem realen Suizid, der hinterher Entsetzen und „großes Geschrei“ ausgelöst habe. „Das Mobbing war so extrem, dass der oder die Jugendliche keinen Ausweg mehr wusste, weil auch keine Unterstützung kam – weder in noch außerhalb der Schule. Alle wussten: Dieser Mensch wird extrem gemobbt. Aber niemand ist dazwischengegangen. Alle, die’s wussten und wegguckten, sind mitschuldig an diesem tragischen Tod.“

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